deinen Plaz und nimm Du den deinigen wieder; denn gleich und gleich gesellt sich gerne. – Nun wechselte man die Pläzze; ich verkroch mich in eine Ekke des Wagens und hütete mich sehr meinem neuen Nachbar nur mit einem Finger zu begegnen. Zwo Stunden vergingen ganz ruhig, alles schnarchte wieder, nur ich und mein Nachbar schliefen nicht. Durch ein Ungefähr erhaschte er meine Hand, hielt sie fest und drückte sie an seine Lippen. Mir fing bei diesem neuen Sturm an bange zu werden; doch als ich merkte, dass er sehr mit sich selbst kämpfte und nicht so unverschämt wie der andere war, schlief ich ruhig ein. – Aber wie das zuging, weis ich nicht; – genug, als ich erwachte, fand ich, dass mein Kopf an seinen Busen gelehnt war. Ob mich nun das fatale Stossen des Postwagens in diese Stellung gebracht, oder ob der junge Herr mich im Schlafe selbst hinzog; – ist mir unbewusst. – Doch schlief ich in dieser Lage ruhig und süss, und, wenn ich mich nicht irre, so träumte mir's, als ob mich mein Nachbar im Schlafe recht sanft geküsst hätte. Wir Mädchen sind doch närrische Dinger; nichts reizt uns mehr, als wenn die Männer sanft genug sind, mit ihren eignen Trieben recht lange zu kämpfen und mit uns recht platonisch zu schwärmen. Fanny, löse mir doch dies Rätsel in deiner Antwort auf; ich bitte Dich darum. – Auf diese Art also verstrich der erste Tag meiner Reise, und für heute nichts weiter mehr, als lebe wohl! –
Deine Amalie.
XXXIV. Brief
An Amalie
Mädchen, grüble mir nicht schon wieder in die Zukunft hinein! – Dass Du zu einem abwechselnden Schiksale bestimmt bist, glaube ich selbst; dafür hat Dir aber auch der Schöpfer Geist und Talente gegeben, nun kömmts auch viel auf Dich an, guten Gebrauch davon zu machen. Du hast völlig Recht, dass die ökonomischen Umstände den Menschen in der Welt manchmal zum Untiere machen. Denn man sagt gewöhnlich: Not hat keine Gesezze; und der grösste Philosoph ist ein elender Wurm, wenn ihn hungert. Mässig essen und uns standsmässig kleiden, das müssen wir, wenn aber uns alles das Troz unserer Bemühung versagt wird? – Nicht wahr, dann fallen wir Menschen in die rohe natur zurück, suchen, wo wir finden, um unsere Bedürfnisse zu befriedigen, die wir unwillkührlich an uns haben? – Es gibt nun eine Menge dummdenkender Köpfe, die weder die Welt, noch ihre Zufälle, und am allerwenigsten das heimlich dringende Elend mancher Unglücklichen kennen. Diese Strohköpfe behaupten, es dürfe kein Mensch verhungern, wenn er nur arbeiten wolle. – Der Bettler verhungert auch nicht, wenn er nur täglich seine Kapuzinersuppe geniesst. Aber gibt es nicht noch tausend andere Klassen von Menschen, denen sogar diese armselige Suppe versagt ist? – gibt es nicht Winkel der Erde, wo Schande, Gefühl, Mangel und Verzweiflung an den Herzen der Notleidenden nagt? – Findet man nicht oft in den finstersten Löchern arme Familien aufs Stroh hingestrekt, die von ihrem Kummer sich nähren, ihren Durst mit eignen Tränen stillen, und dem Zufall fluchen, dass er seine Reichtümer bloss an harterzige Teufel verschwendet hat? – Keine Tugend ist seltener als Menschenfreundlichkeit, und keine wird so wenig geübt, als eben diese. Der Reiche pralt mit diesem herrlichsten Gefühle der Schöpfung, und kennt es nicht, will es nicht kennen, oder wendet dieses Gefühl gerade nicht da an, wo er dazu aufgefodert wird. Der wahre Menschenfreund muss geizig jeden Anlass suchen, die Tränen der Notleidenden zu stillen; er muss Gefühl, gutes Herz, Menschenkenntnis besizzen, er muss vom Vorurteil frei, ohne Rüksicht auf Stand oder person, das Elend oder die gekränkte Ehre untersuchen, er muss sich vor der ganzen Welt nicht schämen einen zerfezten Elenden an seinem Arm zu führen, wenn er in ihm das gelungene Meisterstük der Schöpfung entdekt hat. – Er muss stolz auf eine solche Handlung sein, weil sie ihn vom gemeinen Trosse wie einen Gott unterscheidet. Er muss selbst dem Spötter kaltblütig den Rükken zeigen, und sich grösser dünken als der tapferste Krieger, der sich durch seine Mordsucht adelt. Er muss im vollen Verstand gut gegen sein Mitgeschöpf sein und das nur für Zufall ansehen, dass er reicher als sein Nebenmensch ist; auch muss er seine Wohltaten bescheiden und mit der feinsten, sanftesten Kunst austeilen, sonst martert er das fühlende Herz eines Unglücklichen weit ärger, als ihn der langsam verzehrende Mangel mordete! – Elend ohne Zeugen ist für den Denkenden schwer, aber Elend mit Zeugen ist noch schwerer, besonders für Den, der nicht Vernunft genug hat, sich auch in der Armut erhaben zu fühlen und den übel ausgeteilten Durcheinander für weiter nichts als Kaos anzusehen. Wenn Du länger in der Welt lebst, meine Liebe, wirst Du noch viele solche dürftige Geschöpfe finden, die aus Mangel an Nahrung mit ihrem Körper Gewerb treiben müssen, doch gibt es mehrere dergleichen Mädchen, die aus Liebe zum Puz, aus Hang zum Wohlleben, aus Gewohnheit und Uebertäubung, aus Faulheit und Unverschämteit, aus Mangel an richtigem Gefühl und Erziehung, sich im Lasterleben fortwälzen, bis zu gewissen einsamen Stunden, wo der Ekkel der natur in diesen Elenden aufwacht und ihr Inneres weit ärger martert, weit ärger zerreisst, als Reue über ihre Sünden, deren sie aus Verzweiflung, aus Abscheu gegen sich selbst, keiner mehr fähig sind