! Aber Du kannst unmöglich das mit mir fühlen, denn Du verlorst keine Mutter, keine Führerin, keine Beschüzzerin, wie ich! O Mutter! Mutter! Könnten Dich meine Tränen zurückrufen! Könntest Du sehen, wie dieser Verlust in mir tobt; wie er mir hineingreift in das Innerste meiner Seele; wie es mich drückt, dieses Andenken; wie es mich ängstigt; meine Leiden spannen sich auf den höchsten Grad der schwarzen Schwermut! – O Fanny! Sage mir doch nie wieder, dass Entusiasmus die Menschen glücklich mache! Matt und ohne Tränen überdenke ich meine Lage, finde nirgends Trost, und ausser deinem Busen scheint mir alles hart und unbarmherzig! Die Menschen sagen immer, Luft müsse man sich machen und seinen Brokken Elend wegseufzen. – Gut wäre dies – für mich besonders gut! Aber sind doch die meisten Menschen zum wahren Anteil so ungeschikt, so hölzern! – Doch Du, meine Freundin, bist keine von diesen, Du bist nicht von der Alltagsgattung, dein Gefühl ist fein genug, um mich zu verstehen. O! ich erinnere mich noch recht gut, wie sich deine Tränen mit den meinigen mischten. Und wenn ich dann gleichwohl diese Tränen unter stärkern Herzensstössen herausweinte, so war mein Weinen doch nicht so bitter, weil Du mitweintest. Wahrhaftig es rollt diesen augenblick etwas feuchtes aufs Papier! – o, Gott sei Dank, es ist eine Träne! jetzt kommen sie, diese Erleichterungen meines schweren Herzens; ich will sie zu tausenden wegschluchzen, und dann sez ich meinen Brief weiter fort. – Um etwas ist es mir jetzt leichter, doch freilich ist dieses Etwas nur wenig. Glaube mir, Fanny! auch bei kälterem Blute scheint mir der Verlust meiner Mutter grässlich! Alles erinnert mich augenbliklich daran. Die Leere in unsern Zimmern, der Mangel meiner Mutter in allen Anlässen, ihre müssigen Kleidungsstükke! – Gott! Gott! ich habe sie verloren, sie kommt nicht wieder, meine innigstgeliebte Mutter! Bis jetzt war ihr Tod für mich bloss ein halbwahrer, dumpfer Gedanke, mein Gehirn war zu heiss, um seiner Ursache nachzudenken; aber jetzt, liebe Mutter, erinnere ich mich, dass Unglück und Misvergnügen deine Mörder waren! Die Blüte deiner Jahre ist doch ein zu teurer Preis! – Nicht wahr, Fanny, Du kennst die Güte meines Vaters? Wehe uns armen Kindern, wenn sein verheirateter Bruder fortfährt, auf den Sturz unsers Hauses anzutragen! Er ist ein verschwenderischer Heuchler, und mein Vater ist zu gut und zu leichtgläubig. Welch eine gefährliche Gabe ist doch ein gutes Herz! Wie oft muss es sich tretten lassen, und wie wenig bindet es sich an Erfahrung! Selten entwischt ein zu gutes Herz der Gefahr betrogen zu werden, und wenn es ihr entwischt, so wirkt eigner Unwille kontrastmässig auf seinen Hang zur verschwenderischen Guteit; immer wird so ein Herz von Bösewichtern umgeben und bezaubert, und ehe sich der Betrug sonnenklar entwikkelt, bleibt solch ein Herz gewiss hartnäkkig gut. Lebe wohl, gutes, liebes Mädchen, und bedaure deine arme
Amalie.
II. Brief
Amalie an Fanny
Meine Besste, Liebste!
Weist Du es wohl, dass der denkende Mensch weit mehr leidet, als der nichtdenkende? Der letzte fühlt weiter nichts als den ersten Streich des Unglücks, aber der erstre den ganzen Wiederhall. Die Grade unsres Gefühls misst unsre Einbildungskraft ab, und wo der Tiefsinn mehr oder minder wirkt, da drükt er mehr oder weniger. – Enge Köpfe und steife Herzen sind arme, aber ruhige Geschenke. Das ist nun richtig, dass auch mit meiner Einbildung mein Kummer wächst. Jener unersättliche Oheim reisst unser Vermögen mit Riesenmacht ins Verderben. Vater, dachte ich leztin, deine Güte ist Verschwendung, aber keine lasterhafte Verschwendung, möchte Dich der Himmel entschuldigen! – Weiter würde' ich noch gedacht haben, aber mein Herz war Wachs, Tränen rollten gewaltig auf meinen Busen. – Nun Mädchen! jetzt wirst Du ausrufen, zu was all dein Jammern? Hast schon Recht, Fanny! Wenn nur die lokkende hoffnung kein so elender Trost wäre, so möchte ich mich an diesen Pfad allein halten; aber sich von dieser Heuchlerin täuschen, und so oft täuschen lassen, das ist hart! Nicht wahr, Liebe! Glück und Unglück hat einen gewissen Lauf, und wen das leztre schlägt, der hat Stärke nötig, seine Streiche auszuhalten? Denn es ist eine so hartnäkkige Schlange, die sich von einem Gliede zum andern windet, überall den Elenden verwundet und doch nicht tödtet. Wenn für mich eine so lange Reihe von Martern bestimmt wäre! – – Wie ich mich doch so eigensinnig in die Zukunft drängen möchte! Das Hineingukken ist eine Plage, die der melancholische Mensch überall mit sich schleppt; klein und rasch sind seine Erholungen, aber anhaltend und schwarz seine darauffolgende Leiden. O Fanny! mein Vater scheint gebeugt, und ich bin zu blöde, um ihm seinen Kummer abzuzärteln. Ich möchte ihm kein Geständnis ablokken, das ihm hart ankäme. Ach Mutter! – Warum bist Du hin, für uns alle hin? Mädchen! mir ahndet, und meine Ahndung ist gewiss nicht ohne Grund. Mein Vater stekt in Schulden, und die rohen Menschen gaben ihm nur wenige Wochen Termin. Kein Ausweg ist vorhanden, keine nahe Rettung lässt sich blikken. Gott! wir sind im Elend!
Amalie.
III. Brief
Fanny an Amalie
Liebe unglückliche Freundin!
Wenn es Mittel gäbe, einen so tiefen