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vertuschen, und Freude an den Martern der Männer haben. Gott bewahre mich vor einer solchen Verstellung! – Ich würde ja mein Herz lästern und die liebe natur beleidigen, die uns zum Fühlen schuf! Weh dem, der einst mein redliches, aufrichtiges Gefühl nicht erwiedert, und doppelt weh ihm, wenn mich die Rükerinnerung schmerzte, wenn ich mich ihrer zu spät schämen müsste! Hier hast Du meine Gesinnung; noch sind wir um ein ziemliches in unserer denkart von einander entfernt. Vielleicht kommt ein Tag, wo Du Recht erhalten wirst; aber für jetzt lass mir meinen glücklichen Schlendrian in der Liebe. Doch, demungeachtet, höre von mir noch ein geständnis: – Es wacht in mir seit der Zeit meines hiesigen Aufentalts ein gewisser avantürischer Geist auf, der mir die einsame Lebensart meines Vaters unschmakhaft macht. Ich möchte so gerne die Welt sehen und mehrere Menschen kennen lernen. Eben aus dieser Ursache wandte ich mich an meinen Oheim in K***, der nichtsweniger als geizig ist. – Er ist mir sehr gut und wird den Mittler zwischen mir und meinem Vater machen; denn mein Vater will von meinem Wunsche (bald wieder in die Welt hinein zu reisen) nichts weiter hören; aber mein Oheim ist desto billiger und wird gewiss bald Auswege finden, mich unter fremde Leute zu bringen, damit ich mich in Puzarbeiten so gut als möglich für die Zukunft bilden kann. gibt mein Vater aber seine Einwilligung nicht, so reise ich nicht, denn ungehorsam war ich nie. Bald schreibe ich Dir wieder, dann kannst Du mir mit einer Mühe zwei Briefe beantworten. Deine besste

Amalie.

XXXI. Brief

An Fanny

über dein Stillschweigen bin ich weiter nicht böse, und um Dich vollkommen davon zu überzeugen, so fiel mir's gerade jetzt ein, an Dich zu schreiben; und zwar eine Neuigkeit, die darin besteht, dass ich mit nächstem nach A*** abreisen werde. – Ich komme dort in das Haus einer Bekannten, um als Kostgängerin Modearbeiten zu lernen. Mein Vater gab, auf das gütige Ansuchen meines Oheims, seine Einwilligung, weil er einsieht, dass alle Arten arbeiten für ein Mädchen nötig sind. – Wie es mir dorten gehen wird und was ich auf der Reise für Bemerkungen machen werde, sollst Du alles hören. Es hat sich hier während dieser Zeit ein junger Laffe an mich gemacht, der mir unausstehlich ist. Nur Schade, dass ihn mein Vater gut leiden kann und er uns unter diesem Vorwande öfters besucht. Ich glaube, mein Vater hätte Lust mir dieses geschöpf zum mann anzuhängen. Das wäre entsezlich, wenn ich so einem jungen Springer zu teil würde! Er stüzt seine Neigung für mich auf das Ansehen meines Vaters und wird dabei den Kürzern ziehen, denn in meinen Herzensangelegenheiten kenne ich keinen Zwang. Dieser Mensch hat mir seit meinem Hiersein schon manche bittere Stunde gemacht; ich würde mich darüber ärgern, wenn mich nicht der Umgang meines Vetters aus Mainz dafür schadlos hielte. Erinnerst Du Dich noch, was ich Dir einmal alles für gute Sachen von diesem Jungen sagte? – Er war immer mein Liebling und hat sich auf der Universität treflich gehalten. Wir bewohnen einen der schönsten Gärten in unserer Gegend, und oft schleichen wir beide zusammen ganz Gefühl mit einem Buch in dem Garten herum. – Er ist noch weit romanenmässger als ich, und wären wir beide nicht so nahe verwandt, so gäbe es aus uns ein nettes Pärchen. Der Junge liest so reizend vor, und empfindet so vieles dabei, dass ich ihm mit der grössten Wollust manche liebe Stunde zuhöre. Auch sind seine Gefühle so harmonisch mit den meinigen, er fühlt alles so heftig, und wird leider mit seinem Herzen eben so wenig glücklich werden als ich! – Er ist sehr traurig über meine baldige Abreise. Auch meine Schwester ist durch seine Leitung ein artiges Mädchen geworden, nur Schade, dass sie noch so jung ist. O, Freundin, könnt ich doch das Glück dieser Lieben machen! – Sie darben nicht, aber wenn mein Vater sterben sollte, dann weh den Hinterlassenen! – Diesmal verlass ich meine Familie mit schwerem Herzen. Gott soll meine Ahndung nicht übel ausschlagen lassen! – Ich küsse Dich herzlich und bin wie allezeit

Deine Amalie.

XXXII. Brief

An Amalie

Lass Dir mein Stillschweigen nicht auffallen, meine Liebe; Du weist, man kann nicht allezeit wie man will. – Du willst also schon wieder reisen, oder musst vielmehr zu deinem Nuzzen reisen? – Die Absicht deiner Reise ist gut, nur bin ich böse, dass dein unruhiger Kopf nirgends fest hält. Zu was soll all das Avantürische in deinem kopf? – Die verwünschten Romanen haben deine Einbildung mit Schimären angefüllt. Glaube mir, Mädchen, unter jedem Himmelsstriche findet man mehr Böses als Gutes, und ein Mädchen wird heute oder morgen unzufrieden, wenn es sich in seinen Hoffnungen getäuscht sieht. – Dein Wunsch, die Welt zu sehen, wäre so übel nicht, aber dass Du Dir von der Welt mehr versprichst, als Du erhalten wirst, ist für mich ein trauriger Gedanke. Du kennst den Wirrwarr unter den Menschen zu wenig, um nicht davor zu zittern. Leider bist Du eines von jenen Geschöpfen, die wider ihren Willen den Aenderungen des Schiksals ausgesezt sind; aber deine bestimmten Wege vernünftig durchzuwandern, ist nun deine Pflicht. schreibe mir, so oft Dir etwas Widriges aufstösst, Du kennst mein Herz, mit dem ich Dich immer leitete und noch