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Ja wohl, Freundin, bist Du ein flatterhaftes Mädchen! Mit einem solchen Grade Ueberspannung über den Verlust eines Liebhabers zu winseln, und dann doch diesen Verlust nicht länger beklagen, als bis sich der Ort aus den Augen verloren, den er bewohnt! – Ich würde Dir Vorwürfe über diese geschwinde Veränderung machen, wenn es der Undankbare nicht um Dich verdient hätte. Siehst Du, wir Menschen alle sind in unsern Handlungen so widersprechend! – Besonders ist die Liebe ein unbeschreibliches Wesen, die von Umständen und Begriffen ihre Karakteristik erhält, und da die meisten Menschen sich in jeder Handlung ihres Lebens so wenig verstehen und mit einander nicht übereinkommen, so muss also auch die Liebe dieser Unordnung und Verschiedenheit der Gemüter ausgesezt sein. Für nichterwiederte Liebe ist Stolz das besste Heilungsmittel. Man muss sich seine Ruhe durch stolze Verachtung wieder zurückbringen, die so ein Schandbube vielleicht auf einige Zeit raubte. Doch ist bei einem empfindsamen Mädchen der feste Entschluss, nicht wieder zu lieben, ein elendes prahlendes Nichts, dass bei der ersten bessten gelegenheit, wie ein Hauch zusammenstürzt. Diese Erfahrung habe ich leider mehrmalen selbst gemacht; und beinahe glaube ich, dass Du, Mädchen, mit der Zeit mehr von diesem Punkt wirst sprechen können als ich; wenigstens ist deine Anlage dazu gefährlicher. Ich habe schon manches betrogne Mädchen während ihren Tränen über einen verlornen Liebhaber aus Eitelkeit lächeln gesehen, wenn ein geschikter Schmeichler ihre schwache Seite zu berühren wusste. Ich kann einmal nicht anders von unserm Geschlechte sprechen; die Güte unserer Herzen und die Reizbarkeit unserer Nerven machen uns zu schwachen Geschöpfen. Ein Weib mit dem bessten Herzen wird am leichtesten überrascht, weil ihre Guteit in der Liebe keinen Widerspruch kennt. – Bloss Religion, Vernunft und Ehre kann uns Weiber im Zaum halten, aber die Liebe spielt über kurz oder lang ihre Rolle, und wir alle spielen mit, mehr oder weniger, doch gerade so viel, als uns Schiksale und Umstände ins Spiel mischen. Indessen freut es mich doch, dass Du Dich mit deinem neuen Freunde so tapfer hieltest, und um so mehr freut es mich, weil es so wenig Männer gibt, welche die Gesellschaft eines reizenden Mädchens bei einer solchen gelegenheit nicht misbraucht hätten. Dein sanfter Freund muss bessere Grundsäzze haben, als unsere meisten brutalen Mädchenstürmer, die alles, was ihnen unter die hände kommt, pflükken wollen. – Doch, Mädchen, erlaube mir auch über deinen Freund eine Anmerkung: Glaube ja nicht, dass ein Mann mit so vielem Gefühl, wie dieser war, lange um Dich herum ohne leidenschaft hätte ausdauern können. Der strengste Moralist über diesen Punkt ist so wohl Mensch als andere, wenn ein überraschender augenblick ihn hinreisst. Und wenn er vielleicht seine Gattin bloss ehrt und nicht liebt, was würde ihm übrig geblieben sein, als ein volles Herz und unbefriedigte Wünsche für Dich? – Du bist nun schon in den Jahren, wo man so etwas mit Dir sprechen darf; schaffe Dir das leichtgläubige Zeug aus dem kopf und schaue den Männern scharf hinter ihre Larveund Du wirst Menschen finden. Doch ist ein Mann, der mit seinen Leidenschaften kämpft, viel verehrungswürdiger und reizender, als ein frecher Weichling, der, ohne Rüksicht auf die person, bloss den Trieben seines Temperaments folgt. Es schmeichelt uns Weibern gar zu sehr, wenn wir an unserer Seite einen so stillschmachtenden Liebhaber seufzen sehen, der aus lauter Ehrfurcht sich beinahe zu tod martert. Die Männer heissen das Koketterie. – Lass Dir aber nichts darüber in Kopf sezzen. Ein Mädchen muss bis zur überzeugung dass es wahrhaft geliebt wird, ein wenig die Kokette spielen, sonst weh' ihrem guten Herzchen, es würde zerrissen, getretten, und äusserst oft betrogen. – Ich weis, dass Dir diese Lehre nicht behagen wird, denn ich kenne deine Liebe zum Romanenmässigen. Künftig ein Mehreres über dieses Kapitel von

Deiner Fanny.

XXX. Brief

An Fanny

Liebe ernstafte Freundin! – Du ahndest in deinem Leztern meine Flatterhaftigkeit; aber sag mir nur, was blieb mir bei einer so traurigen Verfassung übrig? – Musste ich nicht Den vergessen lernen, der mich betrog? – Ganz vergessen hab ich ihn demungeachtet nicht, es gibt dann und wann noch stille ungestörte augenblicke, wo das Bild des Undankbaren lebhaft vor meinen Augen schwebt. Aber sich so fest an etwas zu ketten, wie ich mich zu ketten pflege, ist Unsinn, ist Höllenmarter! – Doch was nüzt es? ich bin einmal schon so unglücklich gestimmt, und Betrug ist mir so wenig bekannt, dass ich ihn hinter keinem Sterblichen vermute. Ja wohl sind wir Menschen widersprechend in unsern Handlungen, ja wohl ist die Liebe eine Sache, die vom Zufall regiert wird. Ich glaube immer, die mehresten Menschen fangen umgekehrt zu lieben an. Wenn unser Geschlecht ein Widerspruch in der Liebe ist, so liegt es gewiss in unserer unfesten Erziehung. Bis dahin haben mich die Herren Männer mit Temperamentsversuchen so ziemlich in Ruhe gelassen. Mein sanfter Freund war gerade von Denen einer, die ihre Seligkeit nicht bloss im Körper finden. – Und was in Zukunft aus ihm geworden wäredas hätte ich erwarten müssen. Dass der Kampf eines wünschenden Liebhabers für uns ein Opfer ist, mag wahr sein; doch, liebe Fanny! – Lass mir meinen Glauben an platonische Liebhaber; es würde übel genug für mich sein, wenn ich vom Gegenteil überzeugt sein müsste. Koketterie, heisst in meinen Augen so viel, als seine Empfindungen