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die verwünschte Verkettung meines Schiksals bringt mich auch immerfort in die Gesellschaft der Männer; es dauert nur wenige Tage, so muss ich schon wieder mit zwei andern zu meinem Vater reisen. Aber ich beteure Dir, Freundin, sie mögen gut oder böse sein, wild oder zahm, mein Herz soll Stein bleiben. Es sollen, so wie ich höre, Kaufleute sein, denen mich meine ökonomische Tante nur deswegen übergiebt, damit ihre Börse besser geschont werde, denn diese ist ihr Abgott. – Es mag nun bequem oder nicht bequem sein, meine Reisegefährten mögen höfliche oder unhöfliche Leute sein, mir ist es gleichviel; nur von Liebe soll mir keiner sprechen, wenn er nicht Zank haben will. Du erhältst bald eine vollständige Reisebeschreibung von deiner bessten

Amalie.

XXVIII. Brief

An Fanny

Vergieb mir, Freundin, dass ich schon wieder an Dich schreibe, eh ich Antwort von Dir erhielt. Du weist, Aufrichtigkeit ist für mich Bedürfnis geworden. Eben mit der nemlichen Aufrichtigkeit muss ich Dir doch zeigen, was ich für ein flatterhaftes Ding bin. – Stell Dir einmal vor, auf der ganzen Reise dachte ich sehr wenig auf den hinterlassenen Doktor. War's Zerstreuung der Reise, oder was war's? – Das ist nun sehr natürlich, jede Schwärmerei muss aufhören, wenn sie nicht erwiedert wird. Aber so geschwind meinem Herzen Richtung zu geben, das habe ich mir nicht vermutet. Was ich Dir leztin von Standhaftigkeit gegen die Männer vorschwazte, war ein Vorsaz, wie aller Menschen Vorsäzze sind; feurig, wenn man sie nimmt, aber um desto schwächer, wenn es zur Ausführung kommt. Denn meine Schwüre, keine Artigkeiten mehr vom andern Geschlecht anzuhören, sind gebrochen. An hartnäkkiger Unglaubigkeit lies ich es Anfangs gegen einen meiner Reisegefährten nicht fehlen, aber sein sanftes ehrerbietiges Wesen reizte mich doch zur Aufmerksamkeit; aber weiter soll es auch nicht kommen. Er ist ein feingebildeter Protestant, ganz Duldung, ganz edler Mensch, ganz voll von allem dem, was diese Art von guten Menschen an sich haben, die mehr empfinden, als sie sagen können. Alle seine Reden waren überdacht, und so mit einer gewissen reizenden Schwermut begleitet, dass ich ihn bewunderte. Er säumte gar nicht mit seiner Menschenkenntnis einen blick in mein Herz zu werfen, und wenn ich aus Groll gegen die Männer ganz bittere Säzze verteidigte, so versicherte er mich, dass das nicht die Sprache eines aufrichtigen, eines redlichen Gefühls wäre, und dass nichts in der Welt existirte, das nicht eine Ausnahme litte. Er traf meinen Sinn so stark, dass ich mit allem meinem Geplauder gutwillig schwieg und nur ihm zuhörte. Dieser Mann, liebe Freundin, ist fürwahr ein ganz neues Original; er hat gar nichts von der grellen Lüsternheit, von der lächerlichen Selbstgefälligkeit, die so viele seines Geschlechts haben. Er ist so viel möglich Herr über seine Begierden, und Mann über seine Eigenliebe. Seine Gefühle sind nicht entlehnt, oder auf Worte geschraubt, sie kommen vom inneren und gehen wieder dahin zurück. Nun auch ein paar Wörtchen von seinem Mitgesellschafter. Dieser gehört ohne Widerrede unter die Alltagsmenschen und empfindet weiter nichts als das Quantum seiner Prozenten. Mich deucht es also wohl nicht der Mühe wert, weiter von ihm zu sprechen. – Endlich kamen wir alle sehr guten Muts in St*** an. Meines Freundes Gattin drückte, küsste mich bloss, weil ich in Gesellschaft ihres Mannes war. Ich musste mit Gewalt einige Tage da verweilen, sah die schöne Gegend ganz, und mir ward recht wohl. Tausend Menschen, die einen ähnlichen Fall nicht kennen, werden es nicht begreifen wollen, dass ausser einem schüchternen Mäulchen, mit meinem Freund weiter nichts vorging. Ich verehrte den Mann so, dass er mir in wenig Tagen nach meiner Abreise unentbehrlich wurde. Seine Lehren, seine Macht über sich selbst, seine Grossmut, meine Schwachheit nicht einmal prüfen zu wollen, seine Gefälligkeiten nähren in mir ein ewiges, heiliges Andenken! Von seiner Hand geführt, stieg ich ins Schiff, das mich von ihm trennen sollte, er drückte mir mit dem Ausdruk einer kämpfenden Seele einen Kuss auf, unter den Worten: Freundin! Leben Sie wohl, bis aufs Wiedersehen, ist es hier nicht, so ist es dort! Das ausgeredt und verschwunden war er aus meinen Augen. Ich weinte ihm häufige Tränen des Danks nach und empfand um mich herum eine Leere, die meine Reise zur See sehr traurig machte. Denn jetzt erst lernte ich den Verlust wahrer Menschen kennen. Nun bin ich zu haus, und gestern traf wider Vermuten ein Brief von meinem sanften Freunde ein. Vor der Hand hatte ich nicht so viel Zeit gefunden, das Bild dieses vortreflichen Mannes, meinem Vater zu entwerfen. Mein Vater stuzte gewaltig über den anblick dieses briefes, weil er überzeugt ist, dass ich ihm nie etwas verhele. Auch hatte' ich nie Ursache ihm etwas zu verbergen, denn er ist äusserst duldend gegen junge Leute. Nur kann er keine Verstellung leiden; denn daher, sagt er, käme das Verderbnis der jungen Herzen. Sehr ernstaft stellte er mich vor Eröfnung des briefes zur Rede, aber kaum las er die Züge eines herrlichen Mannes, so freute er sich herzlich über diese Bekanntschaft, und befahl mir, ihm zu antworten. Hier hast Du die ganze Beschreibung dieser Reise, so wie ich Dir's versprach. Lebe wohl, und vergiss dein Malchen nicht.

XXIX. Brief

An Amalie