meine Furcht in der Liebe hat ihre Ursachen, wenn Dir diese Liebe, die bei Dir so herzlich willkommen ist, so oft und so garstig den Kopf verrükt hat, wie mir, denn wirst Du Dich gewiss auch vor ihr hüten. Noch einmal! Du bist zu leichtgläubig gegen die Männer; – oder hast Du etwa mit den Zufällen in der Welt einen Bund geschlossen, dass sie just dich vor einem Modegekken schüzzen? – Dünkt Dich denn die Zahl der bieder Liebenden so gross? – Warum willst Du Dich so leicht von einer Hoffnung täuschen lassen, die so lokkend zum Abgrunde führt, und nur Wenige nicht betrügt? – Blinde Träumerin! – Dein Doktor wird so dumm nicht sein, und sein Schleichen merken lassen. Dem Feind zur Schlacht Mut machen, tut kein erfahrner Kriegsheld. – Fahre meinetwegen fort, so oft und so lange zu lieben als Du willst, nur nicht zu aufrichtig, zu heftig, eh Du gewiss bist, dass man Dich wieder liebt. – Freundin, sei mir nicht zu guterzig gegen die Männer; die wenigsten verdienen es. Adle deine Neigung mit Mistrauen, hernach darfst Du Dir nicht so vielen Zwang antun; denn jedes Mädchen, das in der Liebe sich verstellt, stolpert um desto geschwinder, weil Zwang einen feurigern Ausbruch zubereitet. Es gibt Menschen, die eine Zeitlang unterdrükt handeln, aber um so viel närrischer nach der Hand, wenn der Daum wieder wegglitscht, den sie auf die Leidenschaften drükten. – Dein Traum vom Doktor war drolligt; so etwas muss freilich die Eitelkeit eines Liebhabers kizzeln. – Nur hätte deine Freundin ihn nicht wieder erzählen sollen, das war unvorsichtig von ihr gehandelt. – Es taugt gar nicht, dass er nun ganz überzeugt von deiner Liebe ist. Wer weis, ob er bei dieser Gewisheit nicht aufs Neue nach einer andern lüstern wird, wenigstens ist dies die herrschende Krankheit unserer jezzigen Adamssöhnen. – Ich wünsche zum Schluss von Herzen, dass Du bald einen harmonischen Wiederhall finden mögest – für jetzt kann ich es noch nicht glauben. Lebe wohl!
Deine Fanny.
XXVII. Brief
An Fanny
Freundin! – Die Zeit meiner Abreise kam, ich musste zurück zu meiner alten Grossmama. – Kannst Dir leicht denken wie mir's so bang war, dass ich alle meine guten Bekannten verlassen musste. – Der Abschied vom Doktor war von meiner Seite äusserst angreifend, er aber zeigte sich kälter und munterer als ich, und das ging mir durch die Seele. Während als mein Wagen einige Stunden fortrollte, schwärmte ich in einer Hizze fort von dem Zurükgelassenen, und mein Blut war so in Wallung, dass ich gar nicht mehr weis, wie ich in das Haus meines Oheims zurückkam. Der zweite Empfang meiner hochnasigten Tante schien mir etwas milder, ich war aber gar nicht heiter genug, um auf das was vorging, hinlänglich aufzumerken, denn mich verlangte nach Einsamkeit; ich trug eine Last im Herzen, die mich sehr drückte. Wenn alle Verliebten sich so lange fühlen, wie ich mich fühlte, so sind sie arme Würmchen, die sich mit Herzensfreude tretten lassen, und sich wenig um die Folgen kümmern. Ich war so ganz voll Qual, voll Unruhe, voll Leiden! – Meine heitere Laune, wo ist sie hingekommen? – Ich wage es kaum Dir zu sagen: der Doktor liebte mich nie. Wäre er nicht noch zum lezten Abschied in meine arme geflogen? – Er versprach mir heilig nach L*** zu kommen, ehe ich gänzlich diese Gegenden verlassen würde. – Aber der Elende kam nicht! – Heisst das nicht harterzig sein? – Auch nicht einmal schrieb er mir. Warum wekte der Leichtsinnige meine Empfindung auf? – Warum reizte er mich zur Liebe? Warum nährte er einen Hang in mir, den kein ehrlicher Mann nährt, wenn er nicht wieder lieben will? – Man sagte mir, er habe schon ein Mädchen vor mir geliebt; sie soll sehr schön sein; wenn das wahr ist, dann muss ich es leiden. – Muss! – Ein garstiges Wort für freigeborne Menschen! – O meine verwünschte Eigenliebe! die war an der ganzen geschichte Schuld! – Diese garstige Betrügerin ist es, die mir von Gegenliebe vorschwazte; und nun bin ich getäuscht. Aber mit Blut will ich das Wort Täuschung in mein Herz schreiben, und der es auslöschen will, muss es tausendfach würdig sein, oder es bleibt stehen. Ich weis auch gar nicht, warum die Männer kühn genug sind, mit uns zu wizzeln, und mit jedem Wort auf Liebe zu zielen, wenn sie denn durchaus nur lügen und nicht lieben wollen. Das sind doch abgefeimte Heuchler, die ihre Lügen mit so vieler Anmut in ein junges Mädchenherz hineinräsonniren! Mich reut meine gute Laune, mit der ich den Bösewicht so viele Stunden unterhielt. Aufs Gesicht hätt ich's ihm schreiben sollen: Du bist ein Betrüger! – Damit das vor mir betrogene Mädchen noch frühe genug von ihrem schicksal wäre unterrichtet worden. Ich mag wohl seinem Kopf besser, als seinem Herzen getaugt haben sonst hätte er nicht so viele Stunden mit mir verplaudert. Wäre ich von seiner ersten Bekanntschaft unterrichtet gewesen, so hätte ich ihn wie Gift geflohen, und kein nagender Gram hätte sich meiner bemächtigt. Nun sei es aber geschworen, ich will die Männer von nun an fürchten, ich will sie fliehen, ich will ihnen ausweichen, wenn sie mein Gefühl in Versuchung führen wollen. Aber