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Wirklichkeit gebracht, und Seelen-Harmonie vereinigte uns auf ewig. – Alle Nebenabsichten, denen der schwachköpfige Jüngling anhängt, mussten bei seiner beispiellosen Liebe weichenNicht unbesonnenes jugendliches Feuer benebelte seine Sinnen, sondern tiefe überzeugung, dass ich das Glück seines Lebens ausmachen würde, entschied seine Wahl. – – Glänzendere Aussichten, die Gunst seiner Familie, Verschiedenheit unseres Standes, Unterschied der Religion, (dein Karl wird Dir vermutlich schon gesagt haben, dass er ein Protestant ist) und noch mehr dergleichen tirannische Vorurteile unterjochte er mit einem philosophischen Mut, der mich staunen machte! –

Unnennbar ist meine jezzige Glückseligkeit! Entzükken, Wonne, Gatten-Liebe und die süsseste Schadloshaltung für meine ehemalige Schiksale strömen nun mit unaussprechlicher Freude in mein Herz! – Oft lässt mich diese Himmelswonne kaum zu Atem kommen! – Oft muss mein Wilhelm die Tränen der Freude stromweis von meinen Wangen wegküssen, um das süsse melankolische Gefühl zu zerstreuen, das mich auf Kosten meiner Gesundheit zur träumenden Schwärmerin macht. – In diesem Zustande würde ich bloss taumeln und nicht wachen. –

Alle meine Wünsche sind jetzt erfüllt! Mein gutes Herz hat noch ein besseres gefunden; meine Seele kann sich in ihr Ebenbild ergiessen; mein Geist findet durch Wilhelms Vernunft Nahrung; meine kleinen Schwachheiten stehen jetzt unter der Obsicht eines gütigen, liebevollen Gatten; meine Grundsäzze werden durch seine herrliche Philosophie fester, und mein Herz findet Anlass sich mehr zu veredeln, um es der Glückseligkeit empfänglich zu machen, zu der wir von der ewig weisen Vorsicht bestimmt sind. –

O, du solltest Zeuge unserer gegenseitigen Hochachtung, gefälligkeit und Sanftmut sein, die mit der feurigsten, zärtlichsten leidenschaft verknüpft sind und unsere Tage zum Elysium schaffen. – Unsere Religion ist Liebe für den Allmächtigen und Liebe für unsere Brüder; unsere Lebensart, stille von der grossen Welt entfernte Weisheit; unsere Unterhaltung, gegenseitiges gutes Herz, in heitern Augenblikken mit unschuldigen Schäkkereien gewürzt, und der Endzwek unserer Handlungen, willige Ausübung der allgemeinen Pflichten für das Wohl der Menschheit und für unser eigenes. –

Dies, meine Fanny, ist nur obenhin das Bild meiner glücklichen Ehe, die Du in ihrer vollen Zufriedenheit selbst erblikken sollst. – Ja, ja, meine Freundin, Du und dein Karl, ihr sollt beide Zeugen meiner zeitlichen Glückseligkeit werden! – Mein Gatte gab mir sein Wortwir besuchen euch auf unserer Reise nach der Schweizund mein Wilhelm hält sein gegebenes Wort gewiss! – gewiss hält er es; ich kenne meinen Wilhelm! – Also nur Acht gegeben, wenn Du einen Wagen rollen hörst, so denke nur, es kommt Niemand anders, als

Deine glückliche Amalie.

Nachschrift

an die Leser und Leserinnen.

So viel, meine wertesten Freunde und Freundinnen, kann ich Sie versichern, dass dieses mein Werkchen eine wahre geschichte und kein idealischer Roman ist. – Ich werde wohl nicht nötig haben, für den Welt- und Menschenkenner diese Behauptung deutlicher zu erklären, wenn er den geraden, natürlichen gang meiner geschichte eingesehen hat, die so weit von den abenteuerlichen Episoden, romanenhaften Windbeuteleien, u.s.w. entfern ist, und bloss bei der lieben natur, bei wirklichen Auftritten aus dem menschlichen Leben stehen bleibt. – Mich dünkt, dass man aus dieser ganz begreiflichen Art Schiksale, aus dergleichen wahrscheinlichen begebenheiten am bessten Herzen, Menschen und Sitten studieren lernt, weil sie auf keine Schimären, auf keine Ideale gegründet sind. Ob nun diese meine gute Absicht bei meiner Arbeit von den Denkern und Denkerinnen so verstanden wird, wie ich es wünsche, dies wird die Folge weisen. –

Vielleicht hat diese ungezierte, an erdichteten Verwiklungen und gehäuften Intriken so leere geschichte nicht das Glück dem verwöhnten Geschmak zu gefallen, der leider so gerne bei Hirngeburten und bei lügenhaften Geniestreichen verweilt. – Es sollte mir wahrlich leid tun, weil ich mit allem Vorbedacht bei der pünktlichen Wahrheit der geschichte stehen blieb und nicht gerne Erdichtungen einflikken wollte, um meine Leser und Leserinnen nicht mit Märchen aus dem Reiche der Möglichkeit zu täuschen, die unsere meisten Romanen ohnehin genug anfüllen. –

Meine Arbeit musste ein Kind der natur werden; wollen sich nun die Abgesandten der Vorurteile und dienstfertige Grübler daran wagen, dasselbe zu nekken, so wird seine Mutter aus Erfahrung wohl so viel kaltes Blut gesammelt haben, um ihre Nekkereien mit philosophischer Gleichgültigkeit zu ertragenoder es zu verteidigen, – je nachdem es kommt! –

Die Verfasserin.