das Leben; nach mehreren Prüfungen wird übertriebenes Mistrauen endlich zur Beleidigung. – O und seine Seele ist doch so truglos, seine Vernunft so gebildet, sein Herz so rein, dass man ihm gut sein muss! – Mitunter ist er freilich ein Bischen Brauskopf, eine Folge seiner Lebhaftigkeit, die aber die sanfte Güte seines Herzens gleich wieder entwaffnet. Jede seiner Handlungen wird von dem feinsten Ehrengefühl geleitet, er fühlt die Erhabenheit seiner Seele, aber ist demungeachtet weder eitel, noch hochmütig; selbst in der Liebe (die seine einzige Glückseligkeit auszumachen scheint) kann er nicht kriechen. –
"Für jetzt, (sagte er mir leztin) für jetzt bin ich mit Ihrer Freundschaft zufrieden. Können Sie mir einst mehr schenken, dann ist mein Glück ohne grenzen! – Aber ich werde nichts erbetteln, nichts erschleichen, nichts ertrozzen." –
Wie gefällt Dir dieser neue Zug aus seinem charakter? – Ist er nicht der Beweis seines gefühlvollen, edlen Stolzes? – Wie unterscheidet sich der Edle von den gewöhnlichen Männern, die bei der Bekanntschaft eines Frauenzimmers alle Kunstgriffe anwenden, um eine eigennüzzige Eroberung zu erhaschen. – Wie absichtslos, wie unbefangen zeigt sich seine Liebe; wie weich, wie empfänglich ist seine Seele für jedes Gefühl der Tugend! – Und in dies geschöpf sollte ich noch Mistrauen sezzen? – Ich sollte ihn noch länger von mir entfernen? – Noch länger nicht hinsinken an seinen warmen, klopfenden Busen? –
Rede mir doch in Zukunft nichts mehr von seinem vorigen Mädchen! – Er hat, er musste die Elende ganz vergessen, sonst würde mir seine Vernunft verdächtig geworden sein. – Noch nie fand ich ihn in seinen Entschlüssen wankend; er ist in seinen Leidenschaften nicht Weichling; er kennt den Wert der wahren Liebe, und weis sie durch Standhaftigkeit zu adeln. – Bis Morgen bleibt dieser Brief noch ungesiegelt; hernach das Weitere. –
Des andern Tages.
Er ist vorbei der augenblick der seligsten Vereinigung! – Unsere Herzen haben sich einander ganz aufes auch ewig bleiben! – Ha! der Wonnetrunkenheit, die mich berauschte, als er den ersten warmen Kuss auf meine glühenden Lippen drückte! – Als er mich mit hinreissender, feuriger Begeisterung seine Gattin nannte! – Wie er dabei so feurig mich an sein lautpochendes Herz drückte, und wie er doch mitten im Taumel der Liebe Herr über seine gereizten Sinnen blieb! – Ist das etwa nicht der grösste Beweis seiner auf Hochachtung gegründeten Neigung? – Erhebt ihn nicht seine bescheidene Schüchternheit über tausend andere Alltags-Liebhaber? – Wo ich nur hinblikke, entdekke ich in ihm Seelen-Vollkommenheiten, die mich entzükken! – Gott! – Wie gränzenlos sind die Glückseligkeiten der ächten Liebe! – Und alle diese Glückseligkeiten warten in Wilhelms Armen auf mich!!! –
Einige Tage hernach.
So sind denn die Freuden dieses Lebens immer mit Bitterkeit gewürzt! – Hätte ich dies wohl vor einigen Stunden vermutet? – Mein Gatte (denn das ist er jetzt vor Gott) mein Gatte leidet wegen meiner von seinen Verwandten die schröklichsten Verfolgungen! – Sie hätten ihn gerne von mir gerissen, die Habsüchtigen, aber es gelang ihnen nicht; er kämpfte wie ein Biedermann, bot dem Vorurteile Troz, und ist jetzt viel feuriger, viel schwärmerischer (wenn es je möglich ist) ger Sporn; aber er wird diese Hindernisse alle übersteigen! Kümmere Dich nicht, meine Freundin, er ist Mann; tausend noch ärgere Kabalen werden ihn doch nicht von der Seite seines Weibes reissen! – O, ich kenne ihn; er trägt ein teutsches Herz im Busen und würde aus Liebe einer Hölle trozzen, wenn sie sich gegen ihn auflehnte! – Gross ist seine Seele, entschlossen sein Mut und unnachahmlich seine Zärtlichkeit! – Künftigen Posttag die sichere Nachricht von meinem Brauttag, wenn nicht der Fluch des Schiksals auf mir ruht, nie, nie glücklich werden zu dürfen!!! –
Amalie.
CLXII. Brief
An Amalie
Mein Malchen, das verzeihe ich Dir in Ewigkeit nicht, dass Du mir bis jetzt den Namen deines Freundes verschwiegst! – Wilhelm B.... wird dein Gatte? Der liebe B...., der so oft an dem vertrauten Busen meines Karls lag, als sie zusammen in G.... studierten? – Jener B...., dessen grosse Seele, dessen menschenfreundliche Handlungen in ganz G.... bekannt sind? – Jener B...., der sich zum Aerger Anderer schon so frühe zum Denker emporschwang, der allen Ergözlichkeiten der Jugend entsagte, um die Notleidenden unterstüzzen zu können! – Mein Karl beteuert, dass er nie einen biederern Freund gehabt habe, als ihn. – Er beteuert, überall herrsche Feuer, Wohlwollen, mit reizender Begeisterung begleitet, in seinen Handlungen. – O Du glückliches, glückliches Weibchen! – Karl taumelt vor Entzükken! – Eine herrlichere Ueberraschung hättest Du uns gewiss nicht bereiten können, ob sie gleich vielleicht wider deinen Willen geschah, denn ich glaube nicht, dass Du von der ehemaligen Verbindung dieser zwei Freunde etwas gewusst hast. – Das schicksal entfernte sie von einander, der junge B.... ging auf Reisen, mein Karl hatte das Gleiche im Sinne, bis ich ihm dazwischen kam, seinen Plan scheitern machte, und ihr Briefwechsel aus Zufall unterbrochen wurde. –
Aber sage mir doch, wie gerietest Du denn an diesen vortreflichen Jüngling? – Wo lerntet ihr euch kennen