Nachricht Tränen aus. – Ich konnte an der Zufriedenheit meines Freundes keinen wahren Anteil nehmen; sein Glück dünkte mich der Anfang meines Unglücks... O meine Fanny! – Deine weissagende Seele! Du hast Recht.... ich liebe ihn!!! –
Ha! ich möchte vor Schamröte vergehen, dass ich Dich, dass ich ihn, dass ich mich so lange täuschen konnte! – Um deiner Liebe willen halte mein Läugnen nicht für Verstellung; ich wusste selbst nichts von dieser leidenschaft! Gott! – was ist der Mensch für ein schwaches Wesen! – Wie wenig kennt er sich selbst, bis ihn die Leidenschaften überraschen! –
Ich kann Dir, liebe Fanny, diesen Auftritt nicht so lebhaft schildern, als ich ihn fühlte... O die grässlichen Worte: Mein schicksal ist entschieden! – Ich bin glücklich! – raubten mir alle Fassung! – Kaum vermochte ich noch die Frage herauszustottern: "Und wie ist es denn entschieden?" –
Die Freude, die ich bei dem Eintritt auf seinem gesicht las, tödtete in mir alle hoffnung, ihn je zu besizzen! – Schon fühlte ich die entwikkelte Liebe und mein Unglück in all seiner Stärke, meinen Verlust in seinem ganzen Gewichte, meine hofnungslose Liebe mit einer Ewigkeit voll Jammer begleitet!!! – Nach meinen Empfindungen zu urteilen, muss dies der einzige Mann in der Schöpfung sein, der mir bis jetzt mangelte! –
Aber stelle Dir mein heimliches Entzükken vor, als er mir in wenigen Minuten darauf gerade das Gegenteil von dem sagte, was mich so gebeugt hatte, als er mit fröhlichem Herzen anfieng:
"Sie haben mich unrecht verstanden. Ich bin frei; das Mädchen liebt mich nicht, hat mich nie geliebt; sie hob auf meine dringende Bitte alle hoffnung zur Gegenliebe auf, aber mit einer Kälte, mit einer Kälte, die meinen ganzen Stolz empörte!" –
Dieser rasche Uebergang, diese glückliche Täuschung wirkte so sehr auf mich, dass ich in lautes Weinen ausbrach! – Ich beredete ihn, dass es Tränen der Teilnahme, Tränen der Freundschaft wären, – aber es waren Tränen... der Liebe. – O meine Freundin, wenn er meine leidenschaft nur nicht bemerkt hat! – Wenn er nur auch für mich so viel empfände! – Oder wenn er nur nicht so viele ausgezeichnete moralische Reize besässe! –
Darf ich Den zu lieben erröten? – Den, der alle Geistesvorzüge besizt, – der die Beleidigung dieser Kreatur mit keinem bittern Wörtchen ahndete, – der wie ein sanfter Engel ihre Falschheit bemitleidete und seinem Herzen aus edelm Selbstgefühl Richtung gab? – Den, der so ganz das Ebenbild meines Ideals ist? – Den, auf dessen Herz, auf dessen moralischen charakter, auf dessen Talenten eine jede Denkerin stolz sein würde? –
O Dank dir, Alltags-Mädchen, Dank dir, dass du ihn nur der Schaale nach beurteiltest, dass du in ihm den galanten Modegekken vermisstest, der deiner dummen Eitelkeit besser würde geschmeichelt haben; dass du seinen inneren Wert aus eigner Verdienstlosigkeit nicht entdektest! – Verzeihe, meine Freundin, wenn ich hier abbreche! gibt es für meine Empfindungen eine Sprache? –
Amalie.
CLX. Brief
An Amalie
liebes Malchen! –
Ich sollte Dich zwar ein Bischen zanken, weil Du mir deine leidenschaft so eigensinnig wegläugnetest, aber es liegt einmal in der natur der Liebenden, dass sie sich lange genug selbst täuschen, und dann – was verzeiht man nicht einer Freundin, deren feurige Einbildungskraft, deren fühlende Seele so leicht von der Liebe kann überrascht werden? –
Alles gut, liebes Malchen, alles gut; dein Freund ist ein herrlicher Junge! Melde mir aber noch mehrere Züge aus seinem charakter, und dann will ich Dir erst sagen, ob Du ihn zum Gatten wählen darfst. – Verstelle Dich gegen ihn wenigstens nur so lange, bis Du gewiss bist, dass er Dich eben so heftig liebt, dass er sein voriges Mädchen ganz vergessen hat, oder ob es bei ihm nur augenbliklicher Affekt war. – Die Liebe ist eine wunderliche Sache; je mehr ihr Hindernisse aufstossen, desto eigensinniger wird sie. – Ich bin zwar überzeugt, dass dein Freund Denker genug ist, um ein Mädchen zu verachten, zu vergessen, die ihn so mishandelte. –
Dieser Bedenklichkeiten ungeachtet befiehlt Dir der Wohlstand, deine Liebe nicht eher zu zeigen, bis Du dazu aufgefodert wirst. – Lasse Dir nur die Zeit nicht lange werden, dein Freund wird bald mit einer Erklärung von selbst herausrükken. Mich dünkt, seine Fröhlichkeit über die Entscheidung seines Schiksals ist... nichts weiter, als Liebe für Dich! – Mit deinen Tränen hättest Du wohl an Dich halten können; es lässt gar nicht schön, wenn verliebte Frauenzimmer weinen. – Doch Spass beiseite, sei aufmerksam auf die fernere Handlungen deines Freundes, und statte mir treulichen Bericht davon ab. – Ich würde Dir heute gerne mehr schreiben; aber mein Karl will durchaus mit mir spazieren gehen, und... ei, sieh da! nun nimmt er mir gar mein Dintenfass weg. – Ich muss also wohl schliessen. –
Deine Fanny.
CLXI. Brief
An Fanny
Traute, liebe Freundin! –
Du kränkst mich doch mit deinen vielen Bedenklichkeiten noch halb zu tod! – Ich danke Dir immer für deine gütige Sorgfalt, aber Du musst dich auch von dem guten charakter meines Freundes überzeugen wollen. – Zu viel Furcht verbittert