für ihn fühlte, wie er vermutet, und er fühlte dann, ohne es selbst recht zu wissen, für Dich und Du für ihn; was entstünde wohl hieraus für ein Kaos? – Und wer müsste sonst wohl das Opfer dieser leidenschaft werden, als Du? – Täuscht euch ja nicht länger, lieben Kinder, mit eurer Freundschaft; brich entweder die Bekanntschaft auf der Stelle ab, oder Er mag ihr eine andere Wendung geben, so bald er überzeugt wird, dass sein Mädchen eine Undankbare ist. –
So viel mich dünkt, kettete ihn der Zufall und ein leeres, unbeschäftigtes Herz an sie, und ich wollte alles darauf sezzen, das Mädchen gefällt ihm nicht mehr, seitdem er Dich kennt; noch streitet er mit Liebe und Pflicht; noch kämpft er mit unbekannten Empfindungen, aber gewiss nährt sein Herz den heimlichen Wunsch, dass ihn sein Mädchen zurückweisen möchte; so viel habe ich aus seiner Aeusserung gegen Dich geschlossen. – So stumm auch immer sein Mund ist, so übereilt auch seine Handlungen sind, so wenig er sich auch an deiner Seite zu deinem Vorteil zeigt, desto mehr sprechen seine häufigen Besuche. –
Werde mir aber ja nicht eitel, Malchen, wenn ich Dir sage, dass ich in das Herz deines Freundes und in das deinige hineindrang, und in dem ersten Spuren entdekte, die deiner Eigenliebe schmeicheln können. – Der junge Mann besizt Kopf, Gefühl und Geschmak; glaubst Du also nicht, dass er in der Liebe etwas ihm ähnliches suchen wird? – Ich kenne zwar sein Mädchen nicht, aber ich weis, dass es wenige Mädchen gibt, die einen verdienstvollen Denker zu fesseln wissen. – Bloss aus Pflicht hängt er noch an ihr! – Ein schönes Wort für den ehrlichen Mann! aber welch ein Unterschied zwischen kalter Pflicht – und wirklicher Liebe! – Sei behutsam, teure Freundin! sei behutsam! warne deinen Freund vor Selbst-Täuschung, flösse auch ihm Behutsamkeit ein, und erinnere Dich an die Ermahnungen deiner Freundin
Fanny.
CLIX. Brief
An Fanny
Liebe Fanny, mit aller deiner philosophischen Beurteilungskraft hast Du Dich für diesmal, wie mich dünkt, doch geirrt! – Oder beharrst Du denn ganz eigensinnig auf deiner Entdekkung? – Liebe ist mir doch nicht so unbekannt, um ihr Dasein nicht zu bemerken. – Man muss ja nicht gleich lieben; kann man denn nicht mit der süssen Freundschaft zufrieden sein, wenn man Kopf genug genug hat, die Wonne derselben ohne Begierden zu geniessen? – Ich würde mich zu tod schämen, wenn mein Freund hierinnen mehr Selbstbeherrschung besizzen sollte, als ich! –
Was kann denn ich davor, wenn seine denkart, sein Betragen, sein Herz mir täglich mehr gefällt, mich mehr entzükt? – Das sind Verdienste, die eine moralische Zuneigung erzeugen können, welche aber von der Liebe (bei der sich doch immer etwas Sinnliches einmischt) noch weit entfernt ist. –
Ich gestehe es, seine Grundsäzze in der Liebe sind hinreissend, werden ein jedes Mädchen glücklich machen, aber.... sie sind nicht für mich, sie sind für eine andere bestimmt! Es kann sein, dass sich mein Herz im Stillen vorübergehenden kühnen Wünschen öffnete; was tut man nicht aus Uebereilung? – Die Nachricht seiner Verbindung hat mich niedergedonnert, es ist wahr, doch mehr in Betracht der unverschämten Koketterie seines Mädchens, als der Entdekkung einer Neuigkeit, die mir willkommen sein musste. – Oft glaubt der Mensch sein Ziel erreicht zu haben, und greift.... nach einem Schatten! – Dass ich sein Mädchen beneide, läugne ich auch nicht; aber beneidet man nicht auch oft Dinge aus Grille? – Ich habe noch mehr getan, als ihn bloss bemitleidet – ich habe ihn sogar angefeuert bei seinem Mädchen auf die Entscheidung seines Schiksals zu dringen, damit er doch einmal ruhig wird, der gute Junge, der um dieser Zaudererin willen mit der schröklichsten Ungewisheit ringt. – War ich diesen Rat nicht der Freundschaft schuldig? – Du möchtest mich doch gar zu gerne verliebt sehen! –
Welches feindselige Geschikke ihn zu diesem unwürdigen Mädchen führte, weis ich nicht; aber so viel weis ich, dass er schon oft sagte, sie wäre wirklich nicht mehr das Mädchen, die seinen moralischen Forderungen entspräche: – Ob er nun an mir etwas besseres findet, darf ich aus Bescheidenheit nicht bestimmen; wenigstens kämpft er seit einiger Zeit mit der äussersten Schwermut – ohne sich jemals herauszulassen, dass ich ihm mehr als Freundin bin. –
Ich bleibe bei meinem Saz: das Mädchen ist und bleibt eine fühllose Kokette, sonst würde sie ihm nicht einen Tag alle möglichen Aufmunterungen der Liebe anbieten und den folgenden durch Sprödigkeit und Ziererei wieder alle Hofnungen zernichten! – Empfände ich nicht Mitleiden mit seinem Kampfe, ich würde ihm diese guterzige Blindheit derb verweisen. – Aus Mitleid, aus Freundschaft habe ich ihn zu einer Untersuchung ihrer Gefühle beredet. – Ich überlasse die Entwiklung dem Schiksale, und bin mit seinen Fügungen zufrieden. – –
Ha! – Man pocht! – Es ist mein Freund; er kommt von seinem Mädchen.... Ich weis nicht, warum ich so zittere.....
Er rief mir freudig entgegen: "Mein schicksal ist entschieden! – Ich bin glücklich!" –
Gott im Himmel! – Was ging in diesem augenblick in mir vor?.... Die Wehmut übermannte mich... sie presste mir bei dieser