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seinen Beifall zu tun ist. – Und würde ich diesen moralischen Beifall nicht verscherzen, wenn ich nicht Herr über den so natürlichen weiblichen Neid sein könnte? – O, ich will gewiss alles anwenden, um als Freundin seiner ganzen achtung würdig zu werden! –

Aber sein Mädchen wird doch nicht den tollen Einfall bekommen, ihn aus Eifersucht meinem Umgang zu entreissen? – Ohne seinen herrlichen Umgang würden mir jetzt die Stunden tödtlich lange, und er wäre wahrlich gegen sich selbst strenge genug, mir seine Besuche zu entziehen, wenn sie auf diesen neidischen Gedanken geraten sollte, und das würde mich sehr kränken! –

Leztin empfand ich über seine Gewissenhaftigkeit in der Liebe Freude und Aerger zugleich: Aerger, weil mir seine übertriebene Kälte ein Bischen unerträglich wurde, und Freude, weil ich ihn als ein Muster der Rechtschaffenheit bewundern musste, der es in seiner Treue so weit treibt, dass er noch nicht einmal eine von meinen Händen berührt hat. – Mich dünkt, ein Bischen wärmer dürfte er denn doch gegen eine Freundin immer sein; er kennt ja meine denkart; ich würde ihn nie zu einer Treulosigkeit verleiten. Du weist, wie sehr ich so etwas hasse, weil es mein Herz ebenfalls zerreissen würde, wenn ich an seines Mädchens Stelle wäre. Aber es ist bei allem dem so verdrüsslich, dass er meine Hand so nachlässig herunterhängen lässt, wenn er mich bisweilen am arme führt. – In der Tat sein Mädchen ist sehr glücklich! – O die Bösartige, dass sie ihn nicht mit offnen Armen empfängt und ihn für seine äusserste Liebe noch mit Ungewisheit martern kann! –

Gestern übermannte mich der Eifer so sehr, dass ich ihn geradezu fragte, ob denn dieser Verlust unersezlich wäre. – Ich erschrak sehr über meine unüberlegte Frage, aber sein argloses, unbefangenes Herz gab ihr keine üble Deutung. – Dass er sich aber auch so leidenschaftlich um die Liebe eines Mädchens bemühet, die seiner unwürdig zu sein scheint! – Gott! – wie unglücklich sind Seelen von dieser Gattung in der Liebe, wenn sie der Zufall auf fühllose Geschöpfe stossen lässt! –

Was mich noch am meisten staunen machte, ist seine Beharrlichkeit bei allem ihrem abscheulichen Betragen, indem er mir rund weg ins Gesicht sagte:

"Nein, Madame, so lange mein Mädchen keine Entscheidung von sich gibt, eben so lange befiehlt mir mein Ehrengefühl an keinen Ersaz zu denken. Ich merke zwar, dass sie nicht das Mädchen ist, die mein Ideal ausfüllt, aber sie zeigte mir heimliche leidenschaft; sie ist vielleicht zu schüchtern, um sich ganz zu erkennen zu geben; und sollte ich Bösewicht genug sein können, ihre Hofnungen zu täuschen?" –

Mit diesen Grundsäzzen kannte ich noch keinen Mann! – Tränen stürzten mir über die Entdekkung seines feinen Gefühls in die Augen; – zum Glückke wandelten wir gerade auf einem Spaziergang im Dunkeln und er bemerkte meine Rührung nicht. – Mein Herz war beklommen, mit Mitleid angefüllt über sein schicksal, – und so verliessen wir uns. –

Was hältst Du von einem solchen Jüngling? – Ist sein Mädchen nicht glücklicher als deine Freundin, der das ungünstige schicksal ein solches edles geschöpf zuschikte? – Tausend Küsse von

Deiner Amalie.

CLVIII. Brief

An Amalie

Nun da haben wirs ja; schon wieder verliebt! und noch obendrein so ernstaft, so verborgen, dass Du selbst nicht einmal weist, was in deinem Herzen vorgeht.

Noch schleicht die Liebe, diese allmächtige Beherrscherin, bei Dir unter dem Dekmantel der Freundschaft umher, aber nimm Dich in Acht, Freundschaft unter zwei Gefühlvollen ist ein gefährlicher Schleichhandel, der schon so oft in Liebe überging. –

Wenn dein ernstafter, empfindsamer Freund wirklich so ernstaft ist, als Du mir ihn schilderst, dann ist er gewiss auch meiner achtung würdig. – Doch wer bürgt mir in deinem jezzigen Zustande für die Richtigkeit deiner Beurteilung? – Sein liebenswürdiger charakter ist zu ausgezeichnet, als dass er auf ein Frauenzimmer, wie Du bist, keinen Eindruk machen sollte. – Er mag immer ein vortreflicher junger Mann sein, – Du bist es ihm schuldig, ihm Gerechtigkeit wiederfahren zu lassen, – aber deine heimliche Neigung könnte leicht mehr für ihn sprechen, als deiner Ruhe dienlich wäre. –

O, es ist für ein denkendes Frauenzimmer eine zu reizbare Versuchung, den Mann zu entdekken, der auch die geringsten seiner Begierden zu unterjochen weis, der sich in der Liebe nicht durch kleine Galanterien zu grösseren Vergehungen verleiten lässt. – Und dieser so schöne Zug aus deines Freundes charakter, hätte er wohl deine unzufriedne Ahndung verdient, wenn dein Herz nicht im Stillen Wünsche nährte, deren sich deine Vernunft schämt? – Schlüge dein Inneres nicht jetzt schon für Liebe, die Nachricht von seiner Verbindung mit jenem Mädchen würde Dich gewiss nicht so erschüttert haben. – Merkst Du denn noch nicht, wo dein Herzchen mit all diesen Aeusserungen hinaus will? – Hat dein feuriger Unwille, der merkbare kleine Neid, der noch immer mit der schüchternen Zurükhaltung streitet, etwa nichts zu bedeuten, das an Liebe gränzt? – He, Weibchen! – He! – Glaube mir, in der Freundschaft bedauert man einander nicht mit solcher stürmischen Heftigkeit; Mitleiden in dergleichen Fällen ist der nächste Schritt zur Liebe. –

Aber um Vergebung, besstes Malchen, sollte ich deiner Neigung hierinnen nicht ein Bischen Uebereilung zur Last legen? – Hast Du denn auch die Folgen überdacht? – Um Gotteswillen bedenke, wenn sein Mädchen wirklich heimliche leidenschaft