im stand ist. –
Wenn sich das Machtwort Mann nicht durch seine feste Beharrlichkeit auszeichnete, so könnte jeder Swachkopf, jeder Taugenichts, jedes unnüzze Bürschchen damit auftretten. Aber es sind zwei verschiedene Dinge, bloss damit prahlen, und mit der Tat beweisen, dass man diesen Namen zu tragen verdient! – Was in der Liebe nicht wider Rechtschaffenheit und Tugend geht, soll für den Mann gar kein Hindernis sein. – Lässt er sich durch Vorurteile einnehmen und wird wortbrüchig, so ist er nicht Mann, sondern ein Kind, dem man die Rute geben muss, wenn es, an das Gängelband gewöhnt, allein zu gehen wagt, eh es die Kräften dazu besizt, und dann fällt und schreit; durch die Züchtigung gewarnt, lässt es sich alsdann gutwillig wieder das Gängelband anlegen. – Genug von dem herrlichen Worte Mann, das leider durch die meisten, die sich dasselbe zueignen, geschändet wird. Die wenigen guten Ausnahmen, die diesem Worte Ehre machen, müssen uns für die übrigen entschädigen. Da ohnehin so ein gebrechliches Männchen von einem weib, oder wohl gar von einem feurigen, muntern Schulknaben über den Haufen kann gestossen werden, und ohne alle Schonung, aus Strafe, meistens in den Kot sinkt; je nun so lassen wir den Feigen liegen, bis ihn ein Riechfläschchen wieder aus seiner Ohnmacht zu Sinnen bringt. –
Uebrigens, teures Malchen, bin ich mit deiner Reue sehr wohl zufrieden. – Aber was soll denn die Schüchternheit, womit Du mir deine neue Bekanntschaft entdekkest? – Ist sie vielleicht wohl gar der Beweis, dass Du wegen der Gefahr, der Du Dich abermals dadurch aussezzest, Vorwürfe zu verdienen glaubst? – – O ich werde Dir über den Umgang mit dem andern Geschlechte nie welche machen, besonders wenn Du Dich von den häufigen Schmeichlern zu entfernen suchest. Diese kriechenden, giftigen Insekten übertäuben so gerne die Vernunft eines Frauenzimmers, um desto bequemer den Zutritt zu ihrer Leichtgläubigkeit zu finden. – In der Tat, meine Freundin, edler Stolz in einem Jüngling ist schon ein Karakterzug, welcher Verehrung verdient, weil durch ihn das Gefühl der Rechtschaffenheit in Tätigkeit gebracht wird. –
Oft zeigt sich aber auch unter dieser Larve nur Afterstolz, indem sich mancher Jüngling dadurch aus Eitelkeit als Sonderling auszeichnen will. – O, der charakter der Männer ist in so vielen Stükken unerklärbar! – Irre Dich ja nicht über diesen Punkt, wenn Du jenen Jüngling näher zu untersuchen Lust hast! – Du kennst ja meine Besorglichkeit und die Liebe, mit der ich ewig bin
Deine Fanny.
CLVII. Brief
An Fanny
Nicht wahr, teures Mädchen, Du wirst doch ungefähr wohl merken, warum ich Dir schon einige Wochen nicht schrieb? – Wenn man so mit der philosophischen Untersuchung eines Karakters beschäftigt ist, wie ich, kann man dann wohl viel übrige Zeit zum schreiben finden? – Du hast es erraten, Freundin! Ganz gewiss hatte ich Lust den moralischen charakter meines neuen Freundes (denn so darf ich ihn jetzt ohne Bedenken nennen) näher kennen zu lernen. – Seine öfteren Besuche, die er ununterbrochen fortsezt, erleichtern mir meine Einsamkeit unendlich. – Wir philosophiren oft ganze Stunden zusammen; täglich verrät sein charakter mehr Festigkeit und Wärme für Freundschaft und Tugend. – Sein Betragen übertrift ganz meine Erwartung, so wie es vielleicht die deinige übertreffen würde, wenn Du ihn solltest näher kennen lernen. – Nein, liebe Fanny, nicht After-Stolz besizt er, sonst würde er sich an meiner Seite schon längst bis zum Gekken herabgewürdigt haben, der sich aus verstekter Eitelkeit so gerne vom Frauenzimmer bewundern lässt, weil er Verdienste zu besizzen glaubt. –
Er ist gerade das Gegenteil; ich kann sein biederes, ungeziertes, offenes Betragen nicht genug bewundern, das so ungeschminkt ist und nicht an die geringste Galanterie gränzt, woran die meisten unserer jezzigen Jünglinge kränkeln. – Ein eitleres, undenkendes Frauenzimmer würde vielleicht in seinem philosophischen Umgange wenig Zeitvertreib finden; selbst meine kleine Eitelkeit fand bei seinem troknen Betragen nicht ihre Rechnung; ich wusste mir seine Zurükhaltung bei den so oft wiederholten Besuchen nicht recht zu enträtseln; – ganz natürlich hies mich mein Stolz den nemlichen Ton bestimmen, und so blieben wir beide einige Zeit lang in einer gewissen Entfernung, die mir für unsere Freundschaft zu kalt dünkte, und die mich, ohne zu wissen warum, heimlich ärgerte. –
Endlich würdigte er mich seines Zutrauens; ich musste hören, dass er ein Mädchen liebte... mehr liebte, als sie es nach seiner Erzählung verdient. – Er hätte immer mit dieser Nachricht noch schweigen können; sie hat mich so sehr gegen dies undankbare geschöpf aufgebracht, dass er vielleicht gar meinen Unwillen bemerkt hat. – Ewig Schade für sein Herz, dass es in solche hände geraten musste! –
Ich möchte doch das nasenweise Ding gerne kennen, das mit der leidenschaftlichen Neigung eines Jünglings wie eine wahre Kokette spielt. – Und doch ist der gute Junge noch so entzükt, so begeistert von diesem Mädchen! O wäre er nicht so sehr mein Freund, ich würde ihm Unbesonnenheit vorwerfen. – Ich muss mich in dieser Sache über alles das sehr behutsam gegen ihn betragen, sonst könnte er leicht auf den Gedanken geraten, ich beneidete einigermassen sein Mädchen. Er ist zu viel Menschenkenner, als dass ich ihm entwischen könnte. Ob er gleichwohl nicht die geringste Eitelkeit besizt, so möchte ich mich doch von dieser Seite nicht gerne bloss geben, weil es mir zu sehr um