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zu behaupten dein Feuer nicht zulässt; – nichtsdestoweniger bitte ich Dich, handle mit Klugheit, bewache dein Herz, verunstalte nicht durch Leichtsinn deine Seele, und liebe

Deine besste Fanny.

CLV. Brief

An Fanny

Meine teuerste, liebste Freundin! –

Sei doch ruhig! meine fieberische Hizze hat sich gelegt; der abscheuliche Nebel ist vor meinen Augen verschwunden; mein Blut strömt wieder gelassener, und ich schäme mich jetzt meines Leichtsinns! – Wie konnten mich doch die Torheiten Anderer ergözzen, die sich unterdessen über meine eigenen belustigten? – Wo nahm ich die Geduld her, in Gesellschaften der grossen Welt meine Ohren mit Unflat anfüllen zu lassen, da sich indessen mein unverdorbenes Herz darüber entsezte? – Eroberungen von dieser Art sind der Auswurf der natur, weil dadurch gutdenkende Frauenzimmer so leicht verführt werden. – Und ich Verblendete erinnerte mich nicht eher an diese Wahrheit, bis jener schielende Wollüstling mich zur feilen Buhlerin herabwürdigen wollte! –

Bei einer gelegenheit, wo seine verabscheuungswürdigen Begierden den höchsten Gipfel erreicht hatten, nahm er seine Zuflucht zum elendesten Hülfsmittel, das man jeder Verworfenen anträgtzum Eigennuz. – In einer unbegreiflichen Geschwindigkeit lag ein Wechsel in meinem Schoose. – Nur der Wohlstand hielt mich noch zurück, das Papier in Stükke zu zerreissen und ihm dieselben ins Angesicht zu werfen! – Schon hob ich in dieser Absicht meine Hand in die Höhe, als ich darauf die Unterschrift jenes jungen Mannes erblikte. Eine Andere würde sich vielleicht aus Rache an dieses Geschenk gehalten haben, um denjenigen als Schuldner demütigen zu können, der auf eine so niedrige Art bei mir eine Bekanntschaft endigte, die er mit so vielen Beteurungen der Liebe angefangen hatte. – Aber auch nicht der kleinste Gedanke einer solcher Entschädigung stieg in meiner Seele auf. – Ein ängstliches, wehmütiges Gefühl bemächtigte sich meiner; die Tränen rollten häufig auf meinen Busen, und schluchzend stellte ich dann dem Wollüstling den Wechsel wieder zu. – Beleidigte Ehre über diesen schändlichen Antrag, erneuertes Andenken an den Unwürdigen, das Wonne-Gefühl mich nicht rächen zu wollen, erzeugten in mir ein Gemische der unbeschreiblichsten Empfindungen. – jetzt erst fing ich an zu fühlen, welchen Beschimpfungen mich meine leichtsinnige Schäkkerei ausgesezt hatte. – Ich empfand die ganze Demütigung dieser Behandlung; sah mich erniedrigt, herabgesezt und empfindlich beleidigt! – Mein Herz, meine Ehrliebe, meine Vernunft und meine moralische überlegung wachten plözlich in mir auf; und nun trat meine sonst gewöhnliche tiefsinnige Laune wieder an ihre vorige Stelle. – Sei mir gesegnet Nachdenken! dir allein habe ich meine Rükkehr zu danken, und durch dich werde nun jede meiner Handlungen geleitet, welche Bezug auf meine Ruhe, auf die Verbesserung meines Herzens, auf meine Glückseligkeit haben kann. –

Bist Du nun mit deiner reuigen Freundin zufrieden, liebe Fanny? – Würdest Du mich wohl zanken, wenn ich Dir jetzt die Nachricht von einer neuen Bekanntschaft mit einem jungen mann mitteilte? – Aber gewiss einer Bekanntschaft, die Dir in Rüksicht meiner keinen Kummer machen darf, und die meiner achtung nicht unwürdig ist, sonst würde ich sie nicht angefangen haben. –

So viel kann ich Dich versichern, dass der erste Besuch dieses Jünglings meine ganze Aufmerksamkeit rege gemacht hat. – Sein offenes Wesen ist beim ersten anblick äusserst auffallend, begleitet mit einem gewissen edlen Stolz, der sich nicht zu den gewöhnlichen Schmeicheleien herabwürdigte, womit mich sonst die meisten jungen Leute überhäuften. –

Noch ist zwar das Mistrauen gegen das männliche Geschlecht zu tief in mein Herz eingeprägt, um die guten hervorragenden Züge des moralischen Karakters eines Individuums aus demselben in unserm verdorbenen Jahrhunderte nicht für eine blose Erscheinung zu halten. – Vielleicht bald ein mehreres von diesem jungen mann. – Lebe indessen wohl, meine Besste, und erinnere Dich recht oft an

Deine Amalie.

CLVI. Brief

An Amalie

gewiss, meine Freundin, ich wusste es zum voraus, dass Du bald wieder von deinem Leichtsinn zurückkehren würdest. – Galanterie-Beschäftigungen, leeres Wortspiel mit deinen faselnden Anbetern gab deinem Herzen nicht jene beruhigende Nahrung, deren es zu seiner Zufriedenheit bedarf. – Der Grund der Rechtschaffenheit ist in deiner Seele schon zu stark befestigt, als dass ihn das vorüberrauschende lokkende Laster erschüttern, noch viel weniger zerstören könnte. – Deine kleinen Fehler sind bloss das Werk eines Augenbliks, wozu Dich meistens deine angeborne Lebhaftigkeit verleitet. Ein einziges gutes Wort zur rechten Zeit angebracht, ist hinreichend deine weiche, fürs moralische Gefühl so empfängliche Seele zu rühren. – Siehst Du, liebes, trautes Malchen, so gut kenne ich Dich! –

Jener schielende Wollüstling hat Dich auf die niederträchtigste Art angegriffen; – kein Wunder, dass er von deinem edlen Stolz mit aller Verachtung abgewiesen wurde. – Dass Du Dich bei diesem Anlass an deinem ehemaligen Anbeter nicht rächtest, sieht deinem Herzen ganz ähnlich, weil es von Jugend auf zur Grossmut gebildet wurde. – Indessen glaube ich doch, dass der Wankelmut dieses jungen Mannes wirklich mehr aus Mangel an festem charakter, als aus Bosheit herrührte; obgleich ein gutes Herz ohne Standhaftigkeit eine bettelhafte Gabe ist. –

Ich für mein teil möchte nicht das Weib eines Mannes werden, der noch in Knaben-Schuhen stekt. – So ein schüchternes Männchen kann ja jede Fraubasen-Grille zittern machen. – Nach meinem Begriff muss derjenige, der auf das Wort Mann Anspruch machen will, Kopf zum Denken, Kraft zum Ausführen und Stärke zur Verteidigung seiner Unternehmungen besizzen; vorausgesezt, dass der überlegende Mann nichts unternimmt, was er nicht auszuführen