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so verdreht, eben so disharmonisch, wie der schielende blick seiner Augen. Er kann schleichen, heucheln, lügen, betrügen, hofiren, spioniren, karessiren, prahlen, verläumden, Ehr abschneiden, – alles in ausgelernter Uebung. Seinen welken Körper, seine kranke Seele trägt er überall an, und wird auch überall abgewiesen. – Er besizt die unverschämte Kühnheit, alle Frauenzimmer nach einem Schlag zu beurteilen. Die vielen Lustnimphen, die er ehedessen besuchte, haben sein Gehirn mit Vorurteil angestekt, dass er glaubt, unter dem Frauenzimmer finde keine gute Ausnahme mehr Statt. – Er treibt seinen Verdacht so weit, dass er so gar wegen der Aufführung rechtschaffener Personen öffentliche Wettungen anstellt. – Dieses doppelzüngige Ungeheuer hat nun seinen Eigensinn auf mich festgesezt. – Aber nur Geduld, du sollst deinen teil Galle schlukken! – Bei allen seinen Ausschweifungen habe ich die neidigste Eifersucht an ihm bemerkt. – Anlass genugum ihn tausendfach zu kränken. –

Nun sagt mir noch einmal ihr Menschenkenner, dass Eifersucht die Folge der Zärtlichkeit sei, – wenn sie in einem solchen verdorbenen Wollüstling stekken kann! – Bald ein mehreres, meine Freundin; für heute genugnicht wahr? –

Amalie.

CIV. Brief

An Amalie

Dass die Weiber doch so sehr geneigt sind auf Extremitäten zu verfallen! – Ein unstreitiger Beweis, dass unsere weichen, empfänglichen Herzen nur zu leicht in Schwachheiten ausarten, besonders wenn wir nicht daran gewöhnt sind aufmerksam über uns selbst zu wachen. –

Teure Amalie! – Bei Allem, was Dir wert ist, beschwöre ich Dich, gieb in deiner Lage auf dein Herz Acht! – Uebersiehst Du darinnen nur den geringsten Flekken, dann bist Du für Ehre und Rechtschaffenheit verloren! – Ich kenne zwar deine reine, unbefangene Seele, deine eingeschränkten Begierden, deine Ehrliebe, und bin überzeugt, dass Dich bloss Lebhaftigkeit und Hass gegen das andere Geschlecht zu solchen kleinen Eitelkeiten verleitet, worüber Dir beim Nachdenken selbst ekkeln wird. – Ich bin versichert, dass bei deiner lachenden Gestalt, bei dem Schein deiner Fröhlichkeit dein gefühlvolles Herz im Stillen an der tödtlichsten Langeweile kränkelt! – Der Ton der grossen Welt ist eine armselige Sache, weil weder Redlichkeit noch aufrichtige Herzenssprache seine Unterhaltung leitet. Sich wechselsweise vorlügen; einander die lächerlichsten Torheiten zu Markte tragen helfen; sich vieles sagen, woran das Herz keinen teil hat; seine offene, vertrauliche Seele in heimliches Mistrauen hüllen zu müssen; das Laster in der ganzen Hässlichkeit unter mancherlei Gestalten ertragen lernen; Schurken und Betrüger nicht anfeinden dürfen; – was hältst Du von so einem Zustand? – Kann es für ein empfindsames Herz etwas Unerträglicheres geben? – Sind nicht innerliches Misvergnügen und Abscheu die heimlichen Mörder deiner Zufriedenheit? – Stört nicht das Getümmel deine sanfte Gemütsruhe, wenn die augenblicke der überlegung zurückkehren? – Warum willst Du Dich auf deine Unkosten an Unwürdigen rächen, die doch immer ungebessert bleiben werden? – Ist so ein herzloses Betragen, so eine verstellte Vermummung deinem erhabenen geist wohl angemessen gewesen? – Dein Herz muss bittere Unzufriedenheit fühlen, wenn Dir diese glattzüngigen Heuchler mit schamloser Stirne Dinge vorschwazzen, die deine gutartige, unverdorbene Seele empören! – Wenn sie Dir auch in öffentlichen Gesellschaften, von der Eitelkeit und vom Beispiel angespornt, vorschmeicheln, bis Du aus ihren Augen verschwindest; treiben sie dann nicht hinter deinem Rükken mit Vorurteil und übler Meinung ihr teuflisches Gespött und ihre ehrenschänderische Verläumdung? –

Warum willst Du Dich wegen einem schlechtgesinnten Menschen ganzen Schaaren seines gleichen aussezzen? – Dein Herz wird dadurch nach und nach alles Gefühl für Wohlwollen und Liebe verlieren. – Die Gewohnheit des Welttons wird Dich zur gefälligen Maschine umschaffen, die sich mit abwesendem Herzen, mit böser Neigung, mit gallsüchtigen Ideen nach den Wünschen der Mode dreht. – Du wirst Andern eben so wenig Gutes zutrauen, als sie Dir zutrauen werden. – Nein, Amalie! – das ist nicht der Weg, dein Herz vom Männer-Hass zu heilen. – Leichtsinn würde sich dabei einschleichen; und Leichtsinn ist schon ein grosser Sprung zur Verderbnis des Herzens und zur Verunedlung der Seele. – Rechne die immerwährenden Verdrüsslichkeiten, das üble Urteil, die schiefen Auslegungen der Andern und die Bitterkeiten weg, die Du hie und da von bösen Mäulern über dein Betragen wirst hören müssen; und was bleibt Dir dann übrig, als ein zerrissenes Herz? – Ich kenne deine Empfindlichkeit für deinen guten Namen; ich weis, dass die geringste Anmerkung Dich bis in den Tod kränken kann. – Und nun urteile von meinem Kummer über deine kleinen Verirrungen. –

Halte meine Erinnerungen nicht für Verdacht wegen deinem Lebenswandel. – Ich kenne das Innerste deines Herzens, weis recht gut, dass es bloss Schiksale und erlittene Mishandlungen sind, die Dich zuweilen auf eine kurze Zeit verstimmen. – Dein gutes Gemüt, deine fühlende Seele, dein feuriger Kopf bedürfen bloss einer guten Leitung. – Die sanfte Vermahnung einer guten Freundin wird dein gekränktes Herz, deine verwirrten Sinnen von den Irrtümern reinigen, die Dir am Ende gefährlich werden könnten. – Du bist warm für Tugend und Moral, und wirst nie eines Lasters fähig sein. – Aber auch Schwachheiten muss die Denkerin zu vermeiden suchen; – Schwachheiten, die ihr den Schein der Rechtschaffenheit benehmen. – Die Lobsprüche Anderer zu erwerben, soll nie die Triebfeder unserer guten Handlungen sein, sondern eigene Ruhe und Bestreben nach Glückseligkeit, zu der wir geschaffen sind. – Ich kann zwar von deiner Jugend nicht jene zurückhaltende Ernstaftigkeit fodern, welche