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augenbliklich und verliert dieses Gefühl eben so leicht wieder, wenn ihn neue Reize oder Eitelkeit zur Ausschweifung einladen. – Nur selten überdenkt er eine Sache, handelt meistens aus Ungefähr, wie es der Anlass gerade mit sich bringt. – Sein Entusiasmus in der Liebe ist Stroh-Feuer, brennt schnell, brasselt, stinkt, und verlöscht! –

Guterzigkeit treibt er bis zur Verschwendung, nur nicht aus Grundsäzzen, mehr aus Schwachheit, als aus überlegung. – Oft offenherzig bis zur Unbesonnenheit, und dann wieder zur Unzeit verschlossen, bis zur Heuchelei und Lüge. – Roh, unbescheiden gegen unser Geschlechtund in gewissen leichtsinnigen Augenblikken der ungereimteste Wildfang, den ich je kannte. – Er studiert weder sein eigenes Herz, noch seine Leidenschaften; seine Grundsäzze sind zusammengeraffte Waare, die ein widersprechender Hauch zertrümmern kann! – über sich selbst denkt er nie nach, als wenn ihn Widerwärtigkeiten oder Langeweile dazu zwingen. – Rasch in seinen Entschlüssen, aber verzagt wie ein Kind, wenn er Widerstand findet. – Das sanfte Gefühl der Liebe kennt er nur aus Büchern. – Sein Herz wäre vielleicht noch einer Besserung fähig, wenn wahre Liebe die Seele zum Denken, zur Sanftmut und zur strengsten Untersuchung seiner Handlungen leitete. – Doch dazu glaube ich nicht, dass es mit ihm ein Frauenzimmer bringen wird, und wenn sie auch aus dem Elysium käme! – Welche Sterbliche wäre wohl fähig, Lügen aus einem Herzen zu tilgen, die durch Leichtsinn, Gewohnheit, Flatterhaftigkeit schon so tief hinein gegraben wurden? –

Durch die sanfte, nachgebende Güte eines Weibes wird er noch zügelloser, – das habe ich schon erfahrenund durch strenge Vorwürfe wird er gar halsstarrigund verzagt. –

Das ist ungefähr das Bildnis dieses Jünglings, der dem allem ungeachtet doch so artige Briefe schrieb, die mich zu seinem Vorteil einnahmen. – Gute Nacht, Liebe! – Gute Nacht! –

Deine Amalie.

CLII. Brief

An Fanny

Nun, da haben wir's ja!!! – Sagt ich's nicht zum voraus, der milchbärtige Junge würde wie eine feige Memme zurückbeben, wenn das Bürger-Vorurteil die Zähne gegen ihm blökte? – Da haben ihm einige alte Weiber unter seinen Verwandten wegen meiner Bekanntschaft die Rute gezeigt, und der furchtsame Knabe verkroch sich dann zitternd in den Winkel. –

Unsre jezzigen Jünglinge gleichen den alten Biedermännern eben so an Standhaftigkeit, als wie die Mükke dem Elephanten an Stärke.

Die hinfälligen, morschen Buben krochen unsern Alten aus ihren Schweislöchern. – Die natur wollte sich vom Unrat reinigen, dann schuf sie Jünglinge fürs achtzehnte Jahrhundert. –

Weiber, die beim Zukkerbrod erzogen wurden, beschämen diese ohnmächtige Auswürflinge durch Redlichkeit, Stärke des Geistes und Festigkeit des Karakters. – Geschöpfe, die vom Vorurteil unter Schwächlinge gerechnet werden, machen diesen unbärtigen Bastarten das Wort Mann, streitig. –

Pfui! – dass sich doch die Lüge keinen bessern Stoff wählte, als in diesen Unwürdigen liegt! – So weit sank die Redlichkeit, dass sich sogar die Unwahrheit ihrer schämt. –

Männer-Kraft, Seelen-Stärke, Ehrlichkeit sind unter den deutschen Jünglingen in Staub gesunken. – Die natur verlängert die Tage dieser kraftlosen Insekten bloss darum, damit sie bei guter Laune über ihre erzeugten Misgeburten spotten kann, die sie während einer Verstimmung aus Zorn schuf. – Wenn die Alten ihr Wort hingaben, dann wurde es mit Wahrheit versiegelt und mit Redlichkeit gehalten. – Aber wenn unsere jezzigen Milchbuben Treue schwören, dann wird sie schon zur Lüge, noch dieweil der modische Süssling im Begriffe ist, den schlaffen Handschlag zu tun. –

Ha! – Wäre es doch unter uns Weibern eingeführt, dergleichen schmelzende Zukker-Püppchen mit dem kleinen Finger zu zerquetschen; mit welcher HerzensLust würde ich die erste Ausführerin dieser Rache werden! – Bei einer Treulosigkeit schlägt sich das andere Geschlecht mit den Waffen; nur für uns ist keine Verteidigung übrig! – Wir bleiben ewig das Spielwerk jedes mutwilligen Buben, der sich's erlaubt, unter teuflischer Heuchelei um unser Herz zu buhlen! – Aber bei meinem Stolz sei's geschworen; ich will mich in Zukunft an diesem verräterischen Geschlecht rächen! – auf eine Art rächen, die nicht alltäglich sein soll! – Mein Herz soll schweigenmeine sanften, redlichen Gefühle sollen schlafen, und meine Zunge soll so lange eine täuschende Neigung heucheln, bis ich die Träne irgend eines leidenschaftlichen Anbeters unter schmerzlicher Verwirrung, unter ängstlicher Ungewisheit von seinem unruhigen Auge rollen sehe!!! – O, und dann soll stolze, kalte Fühllosigkeit, bitteres Gespött über das männliche Aftergefühl, der Lohn seiner Leiden sein! –

Du weist, dass ich nicht eitel bin; – aber alle weiblichen Kunstgriffe will ich von nun an aufbieten, um die schläfrigen Sinnen der Männer anzureizen, und sie dann so lange mit Falschheit foppen, bis sie ihren wenigen moralischen Wert selbst einsehen lernen. – Wenn ich mir je ausgezeichnete körperliche Reize gewünscht hätte, so wäre es gewiss zu dieser Stunde. – Doch auch meine wenigen Reize sollen hinlänglich sein, mit Beihülfe meines Wizzes ein Geschlecht bei der Nase herumzuführen, worunter die meisten ihre Schand-Herzen, den armen leichtgläubigen Weibern zur Schau tragen. – Es soll mir herzlich lieb sein, wenn ich in öffentlichen Gesellschaften die herumfaselnden Jungen an einander hezzen kann, – die, so flatterhaft sie auch immer sind, doch wenigstens durch mich von ihrer beleidigten Eitelkeit sollen gequält werden. – Der Ruf meines