auf das Körperliche angesehen waren, eben so geschwind wieder entgehen, als sie dieselben gemacht hatten. –
Der denkende Anbeter liebt ein mittelmässiges Gesicht auch schwärmerisch, wenn angenehmer Umgang, Geist, Herz und Vernunft eines Frauenzimmers seine Einbildungskraft zu beschäftigen wissen. – Die Schönheit verliert durch die Gewohnheit; die mittelmässige Gestalt hingegen gewinnt durch die Reize des Geistes, die keine Gewohnheit verältert. – Ein Philosoph – ein Denker muss noch mein Mann werden – oder ich heisse nicht
Amalie.
Billet des Fürsten von ***.
Madame! –
Ich habe Sie gestern in einem Trauerspiel spielen gesehen. – Das Feuer, womit Sie in Affekt gerieten, gefiel mir äusserst, und brachte mich auf den Gedanken, liegen müssen. – Um dieses Vorzuges willen könnte ich leicht Ihre mittelmässige Bildung einer Schönheit vorziehen. – Ich liebe eigentlich rasche Frauenzimmer, und duldete noch nie an meinem hof kaltblütige Schlafmüzzen. –
Zu dem hat man mich auch versichert, dass Sie Vernunft und Bildung besässen; welches bei ihrem lebhaften geist leicht zu glauben ist. – Können Sie sich entschliessen bei mir die Stelle einer Gesellschafterin anzunehmen, so soll Ihre ohnehin misvergnügte Lage bald eine bessere Wendung bekommen. –
Ich bin zwar nicht mehr in den Jahren, wo ich Ihnen gefallen kann; – aber meine Bemühung soll Sie ein kummervolles Leben vergessen machen; und die werden Sie doch nicht mit Undank belohnen wollen? – Ich erwarte eine Antwort, und bin
Ihr geneigter Fürst von ***.
Antwort.
ihr Durchlaucht! –
Wenn Ihnen mein gestriges Spiel gefiel, so bin ich unendlich für meine Mühe durch Ihren gnädigen Beifall belohnt. – Uebrigens bin ich gewiss, dass alles Feuer meiner Leidenschaften nicht für ihr Durchdiese Leidenschaften unter der herrschaft meiner Vernunft stehen, und nach meinen Grundsäzzen nie ins Sinnliche ausarten dürfen. – Obgleich Sie meiner mittelmässigen Bildung die Gnade anbieten, sie einer Schönheit vorzuziehen, so würde mir doch mein grossmütiger Stolz nie erlauben, Dero geschmakvollen Sinnen Zwang aufzubürden. –
Dass ihr Durchlaucht rasche Frauenzimmer lieben, ist leicht zu vermuten: – Der Ueberfluss, worin Sie als Fürst leben, kann Ihre Leidenschaften leicht in den Grad der Wärme bringen, worin Sie dann gerne den Wiederhall in Andern erblikken möchten. –
Ob ich nun Vernunft und Bildung besizze, darf ich aus Bescheidenheit nicht selbst entscheiden. – Aber so viel liegt unstreitig in meiner Erziehung, dass ich mich nie entschliessen könnte, die Gesellschafterin eines Fürsten zu werden, der mich bloss zum Zeitvertreib wählte, da indessen mein feineres Gefühl sich darüber empören würde. –
So misvergnügt meine Lage auch immer ist, so geniesse ich doch einer Ruhe, die mir aller Glanz nicht verschaffen könnte. – Auch denke ich zu redlich, um ihr Durchlaucht in Dero Jahren zu hintergehen; und ich bin nicht gesonnen meine Neigung um Wohltaten hinzugeben, wozu mir weder mein Stand noch mein Herz Erlaubnis gibt. –
ihr Durchlaucht werden geruhen, einem Frauenzimmer diese lebhafte Aufrichtigkeit nicht übel zu deuten, die gewohnt ist, gerade so bieder zu sprechen, als sie denkt. –
In dieser Zuversicht habe ich die Ehre mit aller Untertänigkeit zu sein
Amalie.
CXLIX. Brief
An Fanny
Liebste Freundin! –
Die unerträglichsten Verdrüsslichkeiten, die ich eine Zeit her von meinem starrköpfigen Direktor zu dulden hatte, hielten mich so lange ab, Dir meine Ankunft in St... zu melden. – Ohne mein Bischen Philosophie würde mich der Verdruss in meiner jezzigen Lage umbringen! – Die Verfolgungen des Direktors sind so stark, dass es einige Personen versuchten, mir bei dieser Gesellschaft von Teufeln Ruhe zu schaffen. – Aber was kümmert sich der Direktor ums Publikum, dessen allgemeine Nachgiebigkeit er kennt? –
Nun gibt er mir durchaus unbedeutende Nebenrollen, welche ich, ob sie gleich ausser meinem Fach sind, annehme, um täglichen Zänkereien auszuweichen. – Doch meiner Nachgiebigkeit ungeachtet, die ihn nur noch dreister machte, drang er mir leztin wider alle Billigkeit eine sehr starke Rolle auf, die ich wegen Kürze der bestimmten Zeit nicht einzustudieren vermochte. – Und sieh da, der Erzbösewicht benuzt diese gesuchte Schikane, und dankt mich unter dem Vorwand, als wäre ich eine nachlässige Schauspielerin, plözlich ab, ob ich ihn gleichwohl sehr dringend bat, das Stük nur auf einige Tage zu verschieben.
Zu meinem Glückke waren seine Briefe noch in meinen Händen, worin er mir auf ein Jahr Engagement anbot, wenn ich dem hiesigen Publikum gefallen sollte. – Was blieb mir also übrig, als ihn zu verklagen, wenn gleichwohl der hochmütige Narr darüber fast unsinnig wurde, als ihn das Gericht zur Erfüllung seines Worts anhielt? –
Noch blutet mein Herz, wenn ich an die pöbelhaften Grobheiten denke, mit denen ich von diesem ungezogenen Flegel bei diesem Vorfall überhäuft wurde. – Die bitterste Galle, die unverschämtesten Lügen geiferte er mir so lange ins Gesicht, bis ihn die Richter endlich schweigen hiessen. – Er musste sogar versprechen, mir in Zukunft passende Rollen zuzuteilen. – Aber so etwas lies Herr Urian wohl bleiben, sonst würde ihm seine hizzige Ehehälfte die Perükke vom kopf gerissen haben, so sehr war sie gegen mein Spiel erbittert! – Das ehrgeizige geschöpf muss sich selbst wenig Talent zutrauen, weil sie neben sich keine andere gute Schauspielerin dulden will. – Ist das nicht ein redender Beweis ihrer Schwäche? – Beweist sie durch diesen Neid nicht deutlich genug, dass sie leicht kann übertroffen werden? – Je mehr andere Schauspielerinnen mit mir in die Wette spielen, desto lieber ist es mir. –