– Bist Du noch immer so guterzig und leichtgläubig? – Kennst Du deine Heftigkeit nicht, wenn Du Dich in eine leidenschaft hineinwagst? – Sei nicht schwach, meine Amalie! – Prüfe, ehe Du Dich derselben überlässest! – Wenn der junge Mann Dir auch alle Minuten noch wärmere Briefe schriebe, so ist das doch kein Beweis seiner Standhaftigkeit. – Deine Briefe schmeicheln seiner Eitelkeit; und da ihn niemand im Schreiben stört, so kann er leicht seine augenblikliche Schwärmerei aufs Papier hinkrizzeln. –
O, ich bitte Dich, schränke dein Zutrauen ein, bis Du ihn näher kennen lernst. – Bedenke, was das für dein gutes, weiches, vortrefliches Herz für ein Schlag sein würde, wenn sein Feuer eben so schnell wieder verlösche, als es aufbrasselte? – Der edle Stolz würde freilich deinem Herzen nach und nach gebieten, aber doch gewiss nicht unter geringem Leiden! – O wann das Herz einmal spricht, dann kostet es die schröklichste Gewalt, es unter die Vernunft zu beugen. – Ich beteure Dir ein für allemal, seine Briefe, die Du mir mitteiltest, können mir durchaus nicht gefallen! – Er spricht nicht als Mann – denkt an keine Zukunft, macht keine vernünftige Plane zu einer Vereinigung, verteidigt Widersprüche, und scheint äusserst zaghaft zu sein. – So viel kann ich Dir bei dem unauslöschlichen Feuer meiner freundschaftlichen Liebe schwören! –
Freundin! – Freundin! – Du verkennst mein Herz, oder willst es mit Gewalt verkennen, wann man deine gespannte Einbildungskraft an Klugheit erinnert! – Hast Du mir wegen meiner leidenschaft nicht auch derbe Dinge gesagt? – Und sag, brauste ich je darüber auf? – Da ich doch meines Karls denkart schon Jahre lang geprüft hatte! – Gott! soll ich so eine edle, biedere Seele, die durch ihre Redlichkeit jeden Vorzug verdient, hintergehen lassen? – Du bist keine törichte, gefühllose Kokette, um eine Falschheit leichtsinnig ertragen zu können, die Dir vielleicht ein unbesonnener, eitler Gek zubereiten will. – Weist Du nicht, dass uns Weibern keine Rache bei dem schändlichen Verfahren eines solchen Bubens übrig bleibt; dass wir im Gegenteil nur Spott und Hohn von einer Welt zu gewarten haben, worin so Wenige wahre Liebe verstehen? –
Geh hin und weine dann in einem solchen Falle einer vermeinten Freundin vor; und sie wird Dir mit ihrem kalten, unmoralischen, lieblosen Herzen unbarmherzige Vorwürfe über deine Leichtgläubigkeit machen; denn das ist die Art der meisten Weiber, die bloss Genuss und Koketterie kennen. – Aber ich, meine Amalie, will Dich auch im Unglück – wenn es Dich treffen sollte – sanft behandeln, – so rasch auch immer dein lezter Brief war. –
Fanny.
CXLVIII. Brief
An Fanny
Verzeihung, Edelste! – Verzeihung einer Undankbaren, die Dich im lezten Briefe mit so übereilter Hizze behandeln konnte! – Ich mache mir jetzt selbst die bittersten Vorwürfe über die tolle Eigenliebe, womit ich Dir widersprach. – Du sollst sehen, dass ich in der Bekanntschaft mit dem jungen Mann mit aller Vorsicht handeln will. – Indessen muss ich seine Liebe doch zu unterhalten suchen, weil sie mir bei meiner Rükkunft in St... Erleichterung meines Schikals verspricht. – Durch dieses Freundes Vermittelung wird mich dann der Direktor mit mehrerer Schonung behandeln müssen. – Es wäre überflüssig, Dir die vielen Schikanen zu schildern, womit mich jetzt der alte Sünder und sein löblicher Anhang zu unterdrükken sucht. – Seit etlichen Monaten wurde mir kaum eine gute Rolle zu teil. – Die übrige Zeit sizze ich müssig, oder muss dann zum Notstok dienen, wenn eine andere Schauspielerin gähling krank wird. – Es ist unverantwortlich, wie der Idiot mit mir verfährt! – Die gränzenlose Eitelkeit seines Weibes und seiner Mätresse zwingen den Dummkopf wider seinen eigenen Vorteil zu handeln. – Leztin schikten sogar einige Herrschaften ihre Bedienten in meine wohnung, und liessen sich um die Ursache erkundigen, warum ich so selten auf der Bühne erschiene. – Als sie erfuhren, dass es aus Kabale geschähe, stellten sie den Direktor darüber zu Rede, der sich aber durch allerlei Lügen meisterhaft aus der Sache zu ziehen wusste. – Mir ist eine Besoldung zur Last, die ich im stand bin ohne Faullenzen und Müssiggang durch mein Talent zu verdienen. –
In wenig Wochen kehrt die Gesellschaft nach St... zurück; dann muss sich das Blatt wenden!
Indessen höre ein allerliebstes Abenteuer, das mir hier begegnete: – Ein gewisser Fürst von *** besuchte vor einigen Tagen inkognito unsere Bühne, sah mich, und bekam die Grille mir ein Billet zuzusenden, wovon ich Dir die Abschrift, so wie von meiner Antwort beischliesse, damit Du sehen kannst, wie bescheiden ich ihn zurückwies. –
Grosse Herren haben grosse Schwachheiten; – das ist nun einmal richtig. – Bis jetzt hat mich mein Gesicht, das auf keine blendende Schönheit Anspruch machen kann, noch ziemlich vor solchen Avanturen geschüzt; – und ich war dessen herzlich froh; – denn ich hielt es immer für die grösste Beleidigung, bei den Männern bloss aufs Sinnliche zu wirken. –
Darinnen ist gewiss meine denkart von derjenigen anderer Weiber sehr unterschieden; und wenn mir auch die natur alle mögliche Reize zugeteilt hätte, so würde ich sie in der Liebe doch nur als ein glückliches Ungefähr betrachten, – als eine Gabe, die beim geringsten Fieber verschwinden kann, und alsdann so vielen Frauenzimmern bloss einen leeren Schädel zurücklässt; durch welche Veränderung ihnen die Eroberungen, die bloss