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bei ihm bin, sag ich Dir heute. – O Gott! – Wie hat sich dies geschöpf geändert! – Weg ist aller Leichtsinn, weg alle Lebhaftigkeit, weg alle Freuden der Jugend! – Sie lebt mit ihrem mann in einer Kälte, die nahe an Gleichgültigkeit gränzt. Sie schweift nicht aus, aber erfüllt mürrisch ihre Pflichten, sie lässt ihn keine Bosheit fühlen, aber zeigt ihm auch kein gutes Herz, sie ist nicht munter, aber auch nicht empfindsam traurig, sie liebt nicht und hasst nicht, kurz sie ist eine freudenlose Maschine. Ihr Mann ist auf sie eifersüchtig und mistrauisch, und sezt dem guten Weibchen gerade auf der rohen Seite zu. Gelinde Vorwürfe sind dermalen schon von beiden Seiten aus ihrem Umgange entfernt, und es wird nicht lange dauern, so bricht eine Rebellion gegen das Bischen Duldung aus, das sie einander aus Wohlstand noch schuldig sind; und dann gute Nacht Hausfrieden, gute Nacht Ehre! – Ich mag jetzt der Unglücklichen keine Vorwürfe über den zu leichten Begriff, den sie von der Ehe hatte, machen; sie würde sonst den Betrug und ihr Elend doppelt fühlen. Und zu Dir im Vertrauen, liebe Freundin, ich habe wenig hoffnung zu glücklichern zeiten für diese zwei jungen Leutchen, denn beide besizzen einen so halsstarrigen Eigensinn, der für den Zuschauer bis zum Ekkel geht. Ueberdies noch sind die Mutter und Schwester des Mannes sehr wider die junge Frau eingenommen, und die schieben Holz zum Feuer, so oft und viel sie können. Uebrigens bin ich hier wohl aufgenommen und gut bewirtet worden. Auch will ich mich einige Tage länger hier aufhalten, und wäre es auch bloss um eines gewissen Doktors willen, der mir so ziemlich ans Herz geht. Du weist ja, dass es nur einer schmachtenden, süssen Schwärmerei bedarf, um meiner schon fertig gestimmten Einbildungskraft zu begegnen. Und denke Dir nur, das allerliebste Herrchen scheint mich ganz zu verstehen. Er ist wizzig, schäkkernd, tändelnd, und bringt meiner Eigenliebe manches Opfer. Stürmisch ist er nicht, aber sanft, gut und gefällig; kurz, was weis ich, was meine gährende Einbildung noch alles für Vorzüge in ihm entdekt? – Du wirst mir wieder mit einem tüchtigen Sittenspruch in deiner Antwort entgegen kommen, das weis ich schon zum Voraus. Aber bei einer Träumerin von meiner Gattung, bleibt es leider immer beim Sittenspruch und nicht bei seiner wirkung. Sage mir aber dennoch deine Meinung darüber; aber, liebe Freundin, nur nicht mehr so strenge. – Ich freue mich auf deine Strafpredigt und küsse Dich zur guten Nacht. –

Deine Amalie.

XXIV. Brief

An Amalie

Kannst wirklich froh sein, ausgelassnes Dingelchen! dass ich Dir mitten in meinen vielen Geschäften doch antworte. Ohne Strafpredigt wird's zwar nicht ablaufen, das darfst Du Dir nicht einbilden; aber vorher zur Sache des jungen Weibchens. – Die hat sich also so sehr geändert? – Ja, mein liebes Mädchen! – Die Männer im Ehestand bleiben weiter nichts, als Männer, und keine Anbeter, die ehemals auf den Knieen krochen, und jetzt mit den Füssen stampfen, wenn das liebe Weibchen nicht hübsch folgen will. Im Ehestand fällt der Schleier von beiden Seiten weg, und man erblikt sich als Mensch, wo man zuvor den Engel sah. Die Wünsche sind befriedigt, und keine Furcht einander zu verlieren, hält die gegenseitigen Ungefälligkeiten im Zaum. Der Mann wird finster, befehlend; das Weib, das ehedessen an tausend Schmeicheleien gewohnt war, rasst, tobt gegen so neue Auftritte, und wird zulezt ein unnachgiebiger Haust****. Fehlt es dergleichen Eheleuten obendrein an Erziehung, dann sind niedrige Schlägereien der tägliche Schluss eines solchen Jaunerlebens. – Doch denke ich, die meisten Ehen würden glücklicher sein, wenn mehrere Menschen hinlänglich gute Herzen hätten, um dasjenige, was man aus tausend Gründen nicht mehr schwärmerisch lieben kann, doch wenigstens nicht zu verachten und nicht zu kränken. Es gibt eine Art von vernünftiger Duldung, die jede Ehe vor öffentlichen Auftritten schüzt. Es muss aber sowohl vom mann als vom weib dazu beigetragen werden, sonst arbeitet der eine teil bloss, um den andern in der Bosheit zu bestärken. Von beiden Seiten gutwillig nur halb seine Pflicht erfüllen, ist besser, als sie ganz zu erfüllen scheinen, und dabeibesonders von Seiten des Mannesmancherlei Betrügereien hinter dem Rükken zu spielen. Hinterlist, heimlicher Aufwand von einem lüderlichen Ehemanne, ist tausendmal sträflicher, als seine Unbeständigkeit in der Liebe. Unsere Neigung ist das Spiel eines Augenbliks, und nicht jeder findet liebenswürdige Abwechslung genug in seinem weib, um sie ewig fort leidenschaftlich lieben zu können. Aber sein Weib mishandeln, seine Kinder ins Elend stürzen, aus Unbeständigkeit sogar harterzig werden, so was kann nur ein Schurke tun. Seine Gattin freundschaftlich ehren, sein Hauswesen nicht versäumen, seine Kinder gut erziehen, das hängt von jedem Ehemann ab, er mag übrigens auch noch so flatterhaft denken. Aber sogar, wie es jetzt Mode wird, sein Weib verlassen, das ist teuflisch und unmenschlich! – Wie wenig kostet nicht einem vernünftigen Ehemanne Güte des Herzens gegen die ehemalige Schöpferin seiner Freuden? – Ist es nicht Pflicht, ist es nicht stimme der natur, dass man seine unglückliche Gattin wenigstens mit einer schönen Lüge schadlos hält? – Und dann sie mit Sanftmut und Aufrichtigkeit belehren, dass Kälte gegen sie, nicht Mangel an Pflicht, sondern bloss in der unbeständigen Menschheit liege, dass zu langer