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Mund gestottert, herausgeplazt, oder gepredigt kommt. – Aber was tut das zur Sache? – So überspannt, affektiert sein Spiel auch immer ist, so besizt der Bursche doch gut gewachsene Knochen, mit denen die Frau Direktrise aus Eitelkeit vor dem Publikum Wind macht. – Zuweilen wandelt dem Helden so gar die Lust an, seine Geberden für Anstand auszuschreien, was doch weiter nichts als Tänzer-Posituren und Verdrehungen des Körpers sind. – Sein eingebogener Rükken sieht einem krummgewachsenen Baume ähnlich, der seiner Seltenheit wegen Jedermann zur Bewunderung einladet. – Wenn doch der geschraubte Gekke in seinem Wesen nur der natur den Lauf liesse, er würde wahrlich unter den Damen weit mehr Eroberungen machen, worauf er es eigentlich zum Leidwesen seiner ersten Liebhaberin anträgt. –

Nun kommt Herr P.... zum Vorschein; – ein ganz artiger junger Mann, der ehedessen auch das Glück genoss, sich nach Gutdünken und mit Bewilligung der guterzigen Frau Direktrise Rollen zu wählen, aber nun, seitdem Ritter H... zum Vorschein kam, mit lauter Nebenrollen vorlieb nehmen muss. Sein TeaterTalent ist nicht uneben: Obgleich ein Bischen leichtsinnig im Memoriren, besizt er dennoch die Kunst, seine Liebhaber-Rollen mit einem sanftschleichenden Wesen vorzustellen. Zu Affekt-Rollen ist seine Brust zu schwach. –

Dann haben wir noch einen gewissen H... n; – auch ein junger Schauspieler, der sehr schmelzende Organen hat; – nur fehlt es ihm an gehöriger guter Anleitung, besserer Rollen-Einsicht, mehrerem Feuer und Dreistigkeit, sonst könnte er einst ein braver Schauspieler werden.

Auch Herr R.... spielt bisweilen beim hiesigen Teater einige Liebhaber-Rollen, hat Anstand, Teaterspiel, aber zu viel singende Töne in seiner Deklamazion, besonders im Tragischen. – Wenn er sich daran gewöhnte, im Sprechen die Zähne besser von einander zu tun, dann würde seine Aussprache männlicher ausfallen, und in seinen Helden-Rollen nicht den süssen, tändelnden Stuzzer verraten. – Diesem Schauspieler wünsche ich zu seinen Kenntnissen mehrere Vollkommenheit der stimme. –

Endlich zum Hauptschauspieler, Herrn N...., der bei uns alle ersten Väter-Rollen spielt, aber auch dabei seine Eigenliebe nicht um eine Welt hingäbe. – Ein wahrer Jesuitischer Starrkopf, der weit grössere Einbildung als Talente besizt. – Wahr ist's, er memorirt guthat Entusiasmus für die Kunst, erreicht zuweilen durch diese entusiastische Eitelkeit das gehörige Feuer in gewissen Rollen, aber übertreibt es dabei in seinen Gradationen bis zur äussersten Raserei einer um Beifall bettelnden Eigenliebe. – Sein Fleiss könnte ihn zum guten Schauspieler machen, wenn in ihm nicht schon vom Jesuiten-Gift alle gute Gefühle ekstikt worden wären. – AnstandErziehungWeltton fehlen ihm durchaus. Der gute verunglückte Bonze verlässt sich zu sehr auf den Beifall des Publikums, welches hier daran gewöhnt ist, ausgezeichnete Stellen zu beklatschen, sie mögen auch noch so übertrieben vorgestellt werden. – Möchte Herr N... sich auf bürgerliche Rollen legensie würden ihm weit besser gelingen, als erhabene Rollen, die mit Würde müssen vorgestellt werden, – wozu sein Körper gar nicht gebaut ist. – Das Wort Jesuit, mag Dir von seinem moralischen charakter einen Begrif geben. – Er folgt ihrem Beispiel getreulich; – macht heimliche Intriken; übt im Stillen Verfolgungen und Bosheiten aus; unterdrükt die Nebenschauspieler; – reisst ihnen mit heuchlerischer Miene den Bissen Brod aus dem mund; schmiedet Kabalen; kriecht wie ein Wurm vor der Direktrise; schmiegt sich bei Grobheitenund drükt Jeden, der seiner Eitelkeit nicht schmeichelt, im Stillen den Dolch ins Herz; – hingegen zittert der Feige, wie jeder Bösewicht, wenn ihm der ehrliche Mann kühn die Stirne bietet. – So viel hat man mir von ihm erzählt, und so viel habe ich auch selbst an ihm bemerkt. –

Nun endlich zu den Bedienten-Rollen, wovon Herr K... die ersten bei uns über sich hat! – Ein Schauspieler, der keine einzige Rolle ohne Kenntnis spielt; – Nur wünschte ich, dass er nicht zuweilen zu stark der komischen Laune des Publikums folgte, und in einigen seiner Rollen nicht zu sehr ins Niedrig-Komische fiele. – Auch das Komische hat seine Schranken, wenn wir es von den Hanswursten-zeiten entfernen wollen. – Die Rollen-Einsicht dieses aufgeklärten Schauspielers ersezt ihm hinlänglich den Fehler seiner heisern stimme. – Er weis durch Nachdruk der Worte und Gestikulazion den Zuschauer für diesen Naturfehler schadlos zu halten. –

Herr K... r spielt die lezten Bedienten-Rollen, von deren Unwichtigkeit sich gar nichts sagen lässt. – Diejenigen, die bei uns Nebenrollen spielen, will ich gar nicht berühren. –

So bald ich in U.... anlange, erhältst Du nähere Nachricht von

Deiner Amalie.

CXLIV. Brief

An Fanny

Endlich, meine Besste, bin in hier in U..., und danke dem Himmel, dass eine Reise ihr Ende erreicht hat, wobei mein Herz so vieles dulden musste. – Die sauern Gesichter, die neidischen Blikke, die spöttischen Anmerkungen, das kalte, herzlose Betragen, womit die Schauspieler auf dieser Reise einander begegneten, kränkten mein neidloses Herz unendlich. –

Gott! – Das müssen schröklich böse Menschen sein! – dachte ich traurig in einer Ekke des Zimmers, indem eine verborgene Träne ahndungsvoll über meine Wange rollte! –

Seit ich St... verlies, ist