1788_Ehrmann_009_123.txt

Direktor bewies mir beim ersten anblick die Leere seines Kopfs, und seine wichtige Miene kürzte meinen Besuch ab. – Was mag denn diesen Mann so aufgeblasen machen? – fragte ich in einer Gesellschaft, in die ich eben eintrat. – Dann schrieen die anwesenden bösen Weiber mir entgegen:

"Seine Börse ist seit einiger Zeit durch die Guterzigkeit der treuen Ehehälfte so gespikt worden, dass er nun nicht mehr nötig hat als Hanswurst mit dem hölzernen Degen Possenstreiche zu machen. – Ein reicher Kauz schoss ihm Kapitalien vor, verschrieb Leute, und gab aus Empfindsamkeit dem ganzen Teaterwesen bald ein anderes Ansehen. – Nun tragen die Schauspieler keine papiernen Manschetten mehr, wie ehedessenund die Schauspielerinnen dürfen in keinen wollenen Kleidern mehr ihre Rollen aus Aerger verhunzen. – Aber wie dergleichen Leute es nun machen – (fuhren die plauderhaften Frau Basen fort) – wie sie es nun machen; sobald sie ein Bischen fliegen können, flattern sie dann wieder andern Eroberungen entgegen. – So machte es gerade unsere Direktrise auch. – Ihr flüchtiges unbesonnenes Temperament, womit sie sogar durch übles Beispiel die Verführerin ihrer eigenen Kinder wurde, riss sie bald wieder von dem reichen Kauzen wegund aus Zufall fiel sie dann in einer starken Erhizzung ganz ohnmächtig in die arme eines Tänzers. – Sie sollten diesen Gekken nur erst kennen! – Er stinkt vor Hochmut, trägt eine Eselsnase, womit er zu riechen vorgiebt, dass alle Frauenzimmer in ihn verliebt sein müssen. Er soll auch dabei ziemlich brutal sein, und unsinnig über alles wizzeln, was ihm aufstösstob er gleichwohl der grösste Dummkopf von der Welt ist." – Die geschwäzzigen Dingerchen hatten Lust mir noch mehr ins Ohr zu sagen, aber ich musste mich entfernen, um der ganzen Gesellschaft meinen Besuch abzustatten. –

Ganz natürlich wies mich die Etikette zuvorderst an die tür der ersten Favoritin des Direktors. – Da fand ich dann ein runzlichtes, eingefallenes, überschminktes, gelbhäutiges Ding, das mich mit ziemlich spöttischem Nasenrümpfen empfieng. – Die schwarzen buhlerischen Augen bestättigten den schlechten Ruf, den ich in einigen Ländern schon von diesem geschöpf gehört hatte. –

Bei meiner Durchreise in D.... sagte man mir, dass sie wegen ihrer Buhlerei mit dem dortigen Landesfürsten von seiner Gemahlin, nebst der ganzen Schauspielergesellschaft, seie fortgejagt worden; – und seiter darf auch keine Schauspielergesellschaft mehr an diesem Orte spielen. –

Auf der Universität E... soll ein neunzehnjähriger Jüngling in seiner lezten Stunde ihr Bildnis in Stükke zerrissen haben, weil sie ihm hinlängliches Gift mitgeteilt hatte, um ins Elysium hinüber zu segeln. – Mehrere solcher Histörchen hat man mir auf meiner Reise von ihr erzählt. – Mein Herz war schon mit Abscheu angefüllt, noch eh ich sie sah. – Sie schwazt recht artig von der Teaterkunst; stellt sich aber dabei so albern, ziert sich so hochmütig, ist so verschlossen für Gefühl und Ehre, dass man sie bei der ersten Unterredung hassen muss. – Ich wette tausend gegen eins, in Koketten- und buhlerischen Rollen ist sie Meisterin. –

Von da ging ich zur Madame ....; ein Weib, die von Eigenliebe strozt, und die ziemlich boshafte, neidische Launen haben mag. – Ihr ganzes Wesen verrät Mangel an Bildung und Erziehung. – So faul und kalt sie auch immer scheint, so hat sie demungeachtet ein ziemlich spizziges Züngelchen, ihre Nebenschauspielerinnen durchzuhecheln. –

Nun führte mich mein Weg zur Mademoiselle ...., einem erzdummen Gänschen von der ersten Gattung. – Sie affektiert heuchlerisch die Tugendhafteund soll doch ihre ganze Garderobe von ihren Anbetern erhalten haben. – Wie das zugingdas mag ich nicht untersuchengeht mich auch nichts an. –

Endlich zur Madame ....; ein Weib, die in ihrem Betragen mehr einem Grenadier ähnelt, als einer Dame, wofür sie sich ausgiebt. – Sie hatte einen französischen Windbeutel geheiratet, der sie hernach sizzen lies. – Sie hat im Gebrauch, ziemlich von ihren Verdiensten zu schwadronnierenräsonniert von der Schauspielkunst wie eine blinde Kuhezeigt ihre Garderobe jedem der sie besuchtist falschverläumderisch, pöbelhaftund affektiert die Vielwisserin. –

Von den übrigen Frauenzimmern weis ich nichts zu sagenweil ich keine weiter besuchte. – In einigen Wochen soll ich debutiren; bis dortin bekomme ich Anlass mehrere Beobachtungen zu machen. Unterdessen verbleibe ich deine Dich auf das zärtlichste liebende Freundin

Amalie.

CXLI. Brief

An Fanny

Diesmal, liebes Mädchen, lässt Du mich gar zu lange auf Nachrichten warten! – Was mag wohl die Ursache sein? – Ist etwa Dir oder deinem Liebling wieder ein neues Unglück zugestossen? – Nicht doch! – dann hätte ich ja schon Briefe! – Unglückliche Botschaften laufen geschwinder als andere; – und diese Grille soll mich nun nicht in meinen ferneren Beobachtungen stören. –

jetzt kann ich Dir, meine Liebe, die Teater-Talenten der ganzen hiesigen Gesellschaft schildern. Ich habe sie schon alle spielen gesehen, und Madame K.... soll mir zum Anfang dienen. –

Aus direktrisischer Eitelkeit spielt diese Frau alle Rollen, die ihr gefallen, sie mögen ihr passen oder nicht. – Ihr eigentliches Fach wäre naive Mädchen und Soubretten. – Bliebe sie dabei, so könnte ihr kein Kenner seinen Beifall versagen, den er ihr unstreitig in Trauerspiel-Heldinnen versagen muss. – Sie besizt weder Brust, noch Kraft, noch Organen zu einer feurigen Trauerspiel