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N.... erlebt in dem traurigen W... das schicksal so vieler Künstler? – Pfui der Schande, dass Dürftigkeit und Verfolgung gemeiniglich Belohnung der bessten Talenten ist! – Aber der Adel muss sich selbst zuerst auszeichnender aus der Dummheit herausschwingen, wenn er Verdienste will zu schäzzen wissen. –

Nicht wahr, Amalie, Du meldest mir doch bald, wo Du Dich hinzuwenden gedenkest, und glaubst mich doch immer

Deine unveränderliche Freundin

Fanny.

CXXXIX. Brief

An Fanny

Dein lezter Brief hat mich wieder ganz beruhigt, und ich kann Dir jetzt mit aufgewekterem kopf von meinem künftigen schicksal sprechen. – Dann magst Du dieses schicksal an der Seite deines Karls durchdenken, durchlesen, und mir sagen, was Du davon hältst! – Gieb indessen deinem Karl ein recht warmes Mäulchen für mich, Du liebe Schwärmerin, wenn Du ihn wieder an deiner Seite hast! – Und nun höre! –

Mein guter Direktor N... steht völlig auf der Neige. – Zum Glückke bieten sich mir gerade zu rechter Zeit Aussichten in St... an, die zwar mit einigen Bitterkeiten verbunden sind; aber da mir wohl keine andere übrig bleiben, so muss ich sie wohl annehmen. – Dass nun diese Aussichten nach meinem Wunsche ausfallen werdenglaube ich schwerlich; denn die Briefe dortigen Direktors K.... beweisen mir gerade das Gegenteil. –

Erstlich räsonniert Herr K.... erzgrob gegen ein Frauenzimmer in seinen Briefen; er scheint mir daher besser zum Stallknecht als zum Direktor zu taugen. – Zweitens dünkt er mir ein eigennüzziger Dummkopf zu sein, der so wie viele andere die Sinnlichkeit des Publikums zu befriedigen sucht. –

"Madame, wenn Sie nicht recht gut gewachsen sind, so kommen Sie ja nicht zum Debut!" – So lauten die Worte dieses Grobiansder sich schon zum voraus als Oberaufseher eines Lustnimphen-Chors zeigt. – Wäre in meiner Lage guter Rat nicht so teuer, ich würde mich nie zu diesem Niederträchtigen begeben haben. – So viel Mistrauen er auch immer in mein Talent sezt, so kümmert mich doch sein Gewäsche nicht im geringsten, und ich wage es kühn auf den blosen Debut nach St.... zu reisen. – Gefalle ich dem Publikum, so bin ich angeworben; gefalle ich ihm nicht, so verliert der Direktor die Reisekosten und ich meine weitere Aussicht. –

So weit ginge nun meine Entschliessung, die Du nach beiliegendem Brief selbst billigen wirst, der mir von dem guten unglücklichen N.... geschrieben wurde. – – Mein künftiges Glück hängt nun vom Zufall ab; willst Du für mich indessen ein Paar hohle Seufzer zur Göttin Talia schikken, damit sie die Laune des Publikums zu meinem Vorteil stimmt, so magst Du es immer tun. – Ob deine Seufzer erhört worden oder nicht, sollst Du im nächsten Briefe erfahren. – Bei meiner Ankunft schreibe ich Dir gleich. – Uebrigens bin ich wie allezeit dein ergebenes, aufrichtiges

Beilage zum vorhergehenden Briefe.

Madame! –

Wie leid tut es mir, Ihre Teater-Verdienste nicht fernerhin nach meinem Willen belohnen zu können! – Es schmerzt mich unendlich, eine so würdige Schauspielerin entlassen zu müssen. Sie kennen meine achtung für Ihre denkart und Talente. – Bedauern Sie die elende Verfassung eines Mannes, der sich alle nur mögliche Mühe gab, seine Gesellschaft nicht eingehen zu lassen, und dem seines Fleisses ungeachtet jede hoffnung einer künftigen Aussicht fehlschlug. – In verschiedenen Städten ist mir die Erlaubnis zu spielen nicht erteilt worden. – Bin ich nun nicht zu der Aufhebung meiner Gesellschaft gezwungen, da ich es bei der geringen Unterstüzzung des hiesigen Adels nicht länger mehr an einem Orte aushalten kann, wo man mich mit Gewalt zu stürzen sucht? – Die Damen trieben es so weit, dass sie zusammen schwuren, meine Bühne mit keinem Fuss mehr zu betretten. – Und warum? – lachen Sie nicht, Madame! – Es herrscht in kleinen Städten unter den Damen eine gewöhnliche Seuche, die Bürgerinnen um ihres Anzuges willen gar grimmig zu verfolgen. –

Meine Frau ist die Tochter eines hiesigen Bürgers. – Seitdem Sie an meiner Seite Schauspielerin wurde, trägt sie etwas modernere Kleidung, als vorhin, die denn freilich mit geringen Kosten ihren Körper besser zieren, als der buntschäkkigte Puz einer solchen kleinstädtischen Mode-Aeffin. – Diese boshaften Törinnen sind es, die einem ehrlichen mann um einer Bettelei willen den Untergang zugedacht haben! – Hätten Sie wohl je bei adelichen Damen aus beleidigter Eitelkeit so eine kleine Handlung vermutet? – – Wahrlich eine lobenswürdige Kultur herrscht in der Reichsstadt W.... unter den Weibern. – –

Verzeihen Sie, Madame, wenn ich nicht den Mut hatte, Ihnen Ihre Entlassung mündlich zu melden. – Ersparen Sie mir Ihren fernern anblick; es würde mein Gefühl zu sehr reizen, eine Schauspielerin von Ihrer Gattung entbehren zu müssen. – Reisen Sie glücklich, von Leuten gesegnet, die Sie gewiss schäzten. – Das wünscht Ihnen meine Gattin nebst mir, der ich mit aller Hochachtung immer sein werde,

Madame,

Ihr ganz ergebenster Diener,

N...

CXL. Brief

An Fanny

Meine Teuerste! –

Die Gesellschaft, die ich im Postwagen bis hieher hatte, war nicht merkwürdig genug, um Dir etwas ausgezeichnetes davon sagen zu können; also muss ich wohl bloss bei St.... stehen bleiben. – Aber, wie ich es zum voraus vermutete, der