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ich bin es nicht! –

Liebt euch, ihr edlen! Liebt euch auf immer! – Aber baut euere Liebe auf Aussichten für euere künftige Ruhe. – Dein Karl soll auch nur der geringsten Einkünften gewiss seindann folge ihm. – Aber beide als Flüchtlinge herumirren, sich jedem Zufall Preis geben, die schröklichsten Folgen der Armut ertragen; wolltest Du das? – Könntest Du das? – Kaum kann ich deine Antwort abwarten, so sehr jammert mich dein Zustand! – Reisse mich so geschwind als möglich aus dieser angstvollen Ungewisheit! –

Von einer sehr beschwerlichen Reise abgemattet, kam ich vor einigen Tagen in W... an. –

Direktor N.... und sein Weibchen sind herzgute Leute, aber in sehr misslichen Umständen. – Der gute Mann hat es mit einem äusserst undankbaren Publikum zu tun, das seine Verdienste nicht zu schäzzen weis. – Er besizt als rechtschaffner Mann nicht die einträgliche Gabe in Vorzimmern herumzukriechen und dem hiesigen Adel den Staub von den Füssen zu lekken. – Wenn der Künstler sich zu so einem Geschäft erniedrigen könnte, wo bliebe denn der Wert seiner Kunst? – Die Mätresse aus Kabale und Liebe wurde von mir zur Debut-Rolle gewählt. – Noch keine Rolle kostete mich so viel Kopfanstrengung, um den feinen, feurigen Sinn eines Schillers zu studieren, als diese. – Aber auch noch keine Rolle spielte ich mit so vielem Vergnügen. – Selbst das Publikum empfieng mich mit weit grösserm Entusiasmus als sonst in andern Rollen. – Im grossen Monolog, wo Lady dem Ferdinand ihr schicksal erzählt, gab ich mir alle Mühe die Situazionen mit gehöriger Abwechslung zu malen. – Du kennst das Stükund sagtest mir selbst schon, dass eben dieser schöne, lebhafte Monolog von so vielen Schauspielerinnen kaltblütig geradebrecht und eintönig, sinnlos dahergeraunt würde. – Dieses Vorwurfes glaubte ich mich schuldig gemacht zu haben, bis Direktor N.... mit der feurigsten Entzükkung eines Künstlers mir aus den Koulissen lauten Beifall zurief! – Immer genug für einen Direktor, – die sonst aus Eigennuz nimmer gewohnt sind ihren Untergebenen Zufriedenheit merken zu lassen! –

Die Aufmunterung dieses kenntnisvollen Mannes war mir mehr Belohnung, als der Schall eines Publikums, dessen Triebfedern oft nicht die richtigsten sind. – Schade, dass der brave N.... in keinen bessern Umständen ist, die mir für fernere Aussichten bürgten; nie würde ich diese Gesellschaft verlassen! –

Die notwendigkeit zwang mich in dieser Rüksicht an den Direktor K.... nach St.... zu schreiben. – Von seiner Antwort hängt nun das künftige schicksal deiner Freundin ab. –

Amalie.

CXXXVIII. Brief

An Amalie

Meine Freundin! –

Wie doch der gefühlvolle Mensch in seinen leidenschaftlichen Augenblikken so hofnungslos lärmen kann! – Der Gram zeigt ihm in seiner Begeisterung den Abgrund schon offen, noch eh er sich geöffnet hat. – Aber auch nur liebende Menschen sind im Unglück zaghafter als andere, weil diese Hauptleidenschaft die geschwindeste und stärkste Zerrüttung in ihrem Gehirne anrichtet! –

So ging es gerade mir. Ich bin eine von jenen Schwachen, die sich immer das Aergste träumen! – Wo bleibt doch mein Zutrauen in die Vorsehung? – Vergieb mir, gutes Weibchen, wenn ich Dich durch meinen leztern Brief zu sehr ängstigte! – Das Unglück kam zu überraschend, um mir jene Fassung zu lassen, deren ich bedurft hätte. – Doch dir, o Menschenbeherrscher, sei's gedankt, dass du mir mit meinem Karl auch meine Ruhe wieder schenktest! –

Der Verwundete starb nicht; die Sache blieb geheim; und mein einziger, besster Karl wird in wenig Tagen wieder in meine arme fliegen! – Feurig will ich ihn dann an mein Herz drükken und aufrufen: Ich habe dich wieder!!! – Ich habe dich wieder! –

Diese wenige Wochen seiner Abwesenheit dünkten mir eine schröklich lange Ewigkeit zu sein! – So sehr bin ich an den Umgang dieses Lieblings gewöhnt, dass es mir eine Unmöglichkeit scheint ihn jemals entbehren zu können. – Wie kann es doch Eheleute geben, die einander zur Last werden können? – Eine Verbindung, die auf gutes Herz, Rechtschaffenheit, Vernunft und wahre harmonische denkart gegründet ist, hat ja keine Flitterwochen. – Wie können die Reize eines denkenden Mannes in den Augen eines denkenden Weibes ihre Neuheit verlieren, wenn eben dieser Mann durch tausend häusliche Gefälligkeiten, durch sein gutes Herz, durch seine Nachsicht diese Reize alle augenblicke auszudehnen und zu erneuern weis? – Die Empfindsamkeit eines denkenden Weibchens muss dann aus Dankbarkeit gegen ihren Gatten auf die nemliche Weise handeln. – Ketten sich denn nicht solche Herzen mit der seligsten Zufriedenheit immer mehr und mehr zusammen? – Selbst das Sinnliche unter zwei denkenden Eheleuten verliert seine Neuheit nicht, weil Denken seinen Gebrauch zu verfeinern weis. – Es gab eine Zeit, wo mir eheliche Glückseligkeit unbegreiflich war; wo ich bloss nach dem Beweis so vieler misratenen Ehen urteilte; wo mir diese Sprache Romanensprache dünkte. – Aber nun bin ich anders überzeugt, und werde von nun an jedem denkenden Mädchen zurufen: Suche dir einen Gatten, der mit dir empfindet, der der Wiederhall deines Herzens ist, und der dich verstehet! –

Bald, meine Amalie, hoffe ich mit meinem Karl auch vor der Welt vereinigt zu werden. – Stösst dir dann einst wieder ein guter Junge auf, o so folge doch meinem Beispiel! –

Ist es möglich! – Also auch der gute Direktor