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ihn zum mörderischen Flüchtling! – Gerechter Gott! – Wie der arme Gebeugte beim Abschiede mit zitternder Angst an meinen Lippen hieng! – Wie dann meine Tränen ihn fast erstikten! – Er wollte nicht weichen von meinem Busen, hätte ihn mein Bruder nicht mit Gewalt weggerissen! –

O Ehre, wie barbarisch sind deine Begriffe! – Du musst deine Verteidigung im Blute deines nächsten suchen! – Ist denn ein Verläumder, ein Ehrenschänder, ein schlechter Kerl noch so viel wert, um das Leben eines ehrlichen Mannes, die Ruhe einer Geliebten seinetwillen aufs Spiel zu sezzen? – Sollte nicht die Obrigkeit mit der strengsten Strafe dergleichen Ehrendieben drohen? – Warum züchtigt man böse Mäuler nicht durch öffentliche Schande? – Der ruhige Biedermann hätte dann nicht nötig sich mit solchen Ehrenbanditen zu beschmuzzen. – Und gerade meinem armen unschuldigen Karl musste so ein elender Bube aufstossen? – Er, mit seinem edlen, gefühlvollen Herzen, wurde gezwungen Blut zu vergiessen, – musste seine Fanny auf Kosten seines Lebens verteidigen! – O mein geliebter Karl, wie elend hast Du uns beide gemacht! – Noch lebt der von ihm Verwundete, aber jede Stunde droht ihm Todund meinem Karl Verbannung! – Stirbt der Elende, dann hin ich verloren! – dann ist an Karls Rükkehr nicht mehr zu denken. – Dann ist er für mich dahin, der besste Gatte, der vor Gott schon lange der meinige war! –

Ha! – Amalie! – Die Leiden der Trennung drükken schwer, aber die Leiden einer hofnungslosen Liebe drükken noch schwerer! – Du kennst meine Verfassung; kann ich ihm wohl nacheilen? – Kann ich eine Familie verlassen, deren einzige hoffnung ich noch bin? – O die Liebe ist allgewaltig! – Ja, ich kann's, ich will's, ich muss, ich werde ihm nacheilen! – Stirbt der Verwundete, dann hält mich nichts mehr auf! – Um meinetwillen ist er flüchtig! – Um meinetwillen irrt er jetzt in der Welt herum! – Mir kommt es zu, ihn zu trösten, seinen Jammer zu lindern! – Er soll mich wiedersehen, es ist mir Pflicht, einem Geliebten zu folgen, der ohne mich dahinwelken würde!!! –

Fanny.

N. S. Lies beigeschlossnen Brief vom armen Karl! –

Weib, meiner Seele! – Du einzige Geliebte meines Herzens! – Mässige um Gottes willen deinen Kummer, trokne deine Tränen! – Erhalte deinem armen Karl eine Gattin, die vor den Augen Gottes mit ihm vermählt ist!

Schröklich ist zwar unser schicksal, dass wir entbehren müssen die Seligkeiten eines Umgangs, der uns beide so himmlisch entzükte! – – Noch fühle ich die Wärme deines Busens, wenn er an den meinigen gelehnt mir Glückseligkeit zuklopfte! – Sie sind verschwunden diese Stunden der gränzenlosesten Glückseligkeit! – O meine Fanny! – Wann wird dein armer Flüchtling Dich wiedersehen? – Wann wird er Dich wieder an dies Herz drükken können? –

Ha! – Ich bin ein Elender! – Noch rauchen meine hände vom Blut! – Noch höre ich den todtblassen Gegner zu meinen Füssen röcheln! – Weh mir! – Ich wurde unschuldig zum Mörder! – Dass doch der unglückselige Verläumder mein Temperament reizen musste! – Dass er Dich Engel so schändlich beleidigen musste! – Nur ein Bösewicht oder ein Nebenbuhler kann die Ehre eines rechtschaffenen Mädchens so teuflisch verdächtig machen! – Du meine Gattin, mein Stolz, mein Alles, Dich hätte ich sollen so erniedrigen lassen? – O bei Gott! die blose Erinnerung glüht mir wieder durch alle Adern!

Sei mir willkommen Verbannung! – Sei mir willkommen! – Ich dulde dich gerne, um meiner Gattin willen, die mir auch ins Elend folgen wird! – Willst Du? – Willst Du Edle, einem Gatten folgen, der ohne Dich nicht weiter an dieses Leben gefesselt sein will? – Ich kenne Dich, göttliches Mädchen! Liebe ist die einzige Triebfeder deiner Seele! – Du kannst deinen Karl nicht elend machen!

Wenn diese hoffnung mich Unglücklichen nicht belebte, – ich würde mein schicksal verfluchen! –

Lass mich bald wissen, Teure, ob Du mir folgst, oder ob ich wieder zurückkehren darf in deine arme? – Gott! wie schröklich ist es, wenn lebhafte Menschen auf solche entscheidende Nachrichten harren! – Dein unglücklicher, ewig Dich liebender

Karl ***. –

CXXXVII. Brief

An Fanny

arme Freundin! –

Entsezzen überfiel mich bei der Nachricht deines Unglücks! – Gott! – Wenn Dich nur deine leidenschaft zu keinem übereilten Schritte verleitet! – Wenn Du nur nicht etwa unbesonnener Weise den Armen deiner Familie entfliehst, ohne wenigstens deinen guten Bruder zum Vertrauten gemacht zu haben! – So jung er istso ist er doch Mann, und wird Dir und deinem Karl Gutes raten. – Hat dieser Brief das Glück Dich noch anzutreffen, o dann beschwöre ich Dich bei meiner Liebe, überlege alles wohl zum voraus! – Karl liebt Dich zu feurig, um in der Hizze jener überlegung fähig zu sein, die für euch beide so nötig ist. – Ist denn eine kurze Entfernung nicht leichter zu ertragen, als eine Reihe Jahre voll Dürftigkeit, die ein unüberlegter Schritt euch zuziehen könnte? – Sei vernünftig, meine Liebe! – Ueberlass Dich keinem Taumel, der Dir Reue bringen könnte. – Freundin! – Ich muss Dir in diesem augenblick hart scheinen! – Aber ich bin es nicht! so wahr Gott lebt,