kenne mehrere dergleichen Närrinnen, die mit ihrer bissigen Zunge alles anpakken, was ihrem stolzen Hochmut nicht behagt. – Auch der stolze Direktor in F.... hat nicht so sehr Dich beleidigt, als denjenigen, der Dich ihm empfohlen hat. – Lass Dich seinen Stolz nicht anfechten; es ist Schwachheit, die ihm Jedermann zur Last legt. – Uebrigens soll dieser Mann die strengste Obsicht über seine Leute halten; – ein Verdienst, das dein jezziger Direktor nicht besizt. – So viel ich aus deiner Schilderung sah, ist Herr M.... ein Weichling, der bei seiner wenigen Selbstbeherrschung seine Untergebenen gewiss nicht in der gehörigen Ordnung erhalten kann. – Das schicksal der Madame M.... ist unter den Schauspielerinnen allgemein. Die meisten taugen besser fürs Niedrig-Komische, als zum Erhaben-Wizzigen; denn die wenigsten Schauspielerinnen haben Erziehung genug genossen, um jenen würdigen Anstand, jenes bescheidene Wesen auf der Bühne zu behaupten, das in solchen Rollen selbst die Lebhaftigkeit erhöht, wenn es einer wohlgezogenen Schauspielerin eigen ist. – Es ist zum Erbarmen, wenn man die frechen, unverschämten Dirnen spielen sieht, die ihre pöbelhafte, hässliche Lebensart vor dem Publikum nicht verbergen können.
Auch Madame K.... hat viele Mitschwestern bei der Bühne, welche die gefühlvollsten Rollen leichtsinnig, sinnlos, ohne Fleiss, unbestimmt, eintönig wie's Vaterunser wegplappern. – Die natürliche Empfindung allein tut bei einer Schauspielerin nicht viel wirkung, wenn sie nicht durch hinlängliche Kenntnisse unterstüzt wird. Eine gute Schauspielerin muss die Worte des Schriftstellers verstehen, sie muss bei ihrem Spiel denken und ihre Empfindungen nach dem Sinne desselben lebhaft auszudrükken wissen. – Gar zu wenig Schauspielerinnen verstehen, was sie sprechen. Sie gewöhnen sich durch diese Uebung an eine Art selbsterfundenen Schlendrian in ihrer Deklamazion, und spielen alle Rollen nach der nemlichen Form. Diese hirnlosen Maschinen stehlen hier oder da von einer andern guten Schauspielerin einen guten Zug aus ihrem Spiel, einen leidenschaftlichen Uebergang, eine überraschende Stellung oder so etwas dergl., und täuschen dann damit das guterzige Publikum, troz ihren leeren Köpfen, die gar keine Originalität in sich haben. – Sobald aber der Kenner dieses grundlose Gebäude durchsucht, stürzt es vor seinem Blikke zusammen, weil es nach keinen Regeln der Kunst gebaut ist. – Das ist leider der Zustand so vieler unserer nichtdenkenden Schauspielerinnen. –
Zu einer guten tragischen Schauspielerin gehört unumgänglich Kopf, Lektur, Erziehung, Gefühl, heftige Leidenschaften, sanfte Organen, starke Einbildungskraft, eine weiche empfängliche Seele, eine schöne teutsche Sprache, gute Brust, Entusiasmus für Tugend, Hang zur Schwermut, ein gutes Gedächtnis, Fleis, viel Beurteilungskraft sich mit Lebhaftigkeit in die nemliche Lage hineinzudenken! – Sobald nur eine dieser Triebfedern fehlt, so ist sie keine gute Schauspielerin.
Siehst Du, meine Freundin, so sehr ich an Dir treibe, diesen Stand zu verlassen, so sehr schäzze und verehre ich doch die Schauspielerkunst, und habe in etwas ihre Regeln studiert, ohne jemals Gebrauch davon gemacht zu haben.
Madame L...g würde auch besser tun, wenn sie bei ihrem Strikbeutel sizzen bliebe, als dass sie das Publikum nötigte des Aergers wegen Temperirpulver einzunehmen. – Gerade ihre Dreistigkeit beweist, dass sie an Spott und Schande gewöhnt ist, sonst würde sie sich wohl hüten, sich der Gefahr auszusezzen, überall ausgepfiffen zu werden. Vor einem Jahre widerfuhr ihr dasselbe in Leipzig. – Leider streifen noch eine Menge solcher unfähigen Kunstmörderinnen zu Taliens Schande, bloss aus Nebenabsichten, von einer Bühne zur andern. – Ihr glattes Lärvchen, ihr Bischen Wuchs dünkt ihnen hinlänglich Verdienst; sie verlassen sich auf die stimme der Wollust, und kümmern sich wenig darum, ob auch Vernunft und Kenntnis Nahrung an ihrem Spiel finden. Selbst einige dumme Direktörs bestärken diese unverschämten Weibspersonen in ihrer hohen Meinung von sich selbst, indem sie würdigern Schauspielerinnen, denen es an einem schönen Gesicht, an einer glatten Haut fehlt, Rollen entziehen und sie diesen Stümperinnen zum verhunzen überlassen. – Eine Schauspielerin braucht keine glänzende Schönheit zu sein; wenn sie einen regelmässigen Wuchs hat, so kann ihr Gesicht vermittelst der Schminke für den Vernünftigen Täuschung genug zuwegebringen. Wer mit dem nicht zufrieden ist, sucht gewiss bei ihr Privat-Interesse. –
Madame J.... hat auch meine ganze achtung, weil sie die deinige hat. Ich kenne ihr Herz; es ist keines Neides fähig. – Aber nicht wahr, Malchen, heute hab ich Dich gewiss für die etlichen Antworten entschädigt, die ich Dir leztin schuldig blieb? –
Mein Karl ist wieder ganz gesund; er küsst Dich mit mir. –
Deine Fanny.
CXXXIV. Brief
An Fanny
Tausend Küsse, meine Liebe, für dein schönes Briefchen! es ist gar zu zierlich geschrieben! – dafür halte ich Dir aber auch heute mein Versprechen, und teile Dir die Bemerkungen über die moralischen charakter unserer Schauspielerinnen mit. – Ich würde diese Beschreibung gewiss nicht unternehmen, wenn mir nicht mein Gewissen für die Wahrheit bürgte. –
Madame M.... ist im grund genommen ein gutes Weibchen, die ihre Pflichten als Gattin und Mutter genau erfüllt; nur fehlt es ihr an guten Grundsäzzen, um aus überlegung rechtschaffen zu handeln. – Rollen-Neid zeigt sie gar keinen, aber desto mehr andere kleine Bosheiten, wodurch sie die übrigen Schauspielerinnen ihre Direktrisen-herrschaft fühlen lässt. Sie besizt vielen natürlichen Wiz; aber ohne Kultur und Erziehung treibt