1788_Ehrmann_009_116.txt

schlechtesten sein. – Diesen Brief schliesse ich erst nach seiner Ankunft, um Dir, nachdem ich ihn werde gesprochen haben, in etwas seinen charakter schildern zu können. –

Gestern ist M... gekommen; aber der Bursche hätte mir vom Halse bleiben können! – Wäre mein Koffer nicht schon in seinen Händen, und befürchtete ich nicht Verdrüsslichkeiten, die für mich daraus entstehen könnten, wenn ich den Kontrakt bräche, den ich bereits unterschrieben habe, so wahr Gott lebt, ich würde nimmermehr unter seine Gesellschaft tretten, so unverschämt hat mich der Bube beim ersten Besuche schon beleidigt. – Urteile von seinem charakter aus folgendem gespräche. – –

M..

Sind Sie, Madame, die Schauspielerin, die mit mir den Kontrakt schloss? –

Ich

Ja, mein Herr, ich bin's. – Und Sie sind vermutlich Herr M....? –

M..

Ja, meine schöne Göttin! – Und zur Bestätigung hier diesen Kuss... Sie gehören jetzt ohnehin unter mein Kommando. –

Ich

Sachte, mein Herr! – Mit wem glauben Sie zu sprechen? –

M..

Hm! – Mit einem Teater-Frauenzimmer, wovon keine unerbittlich ist. –

Ich

Und warum nicht? –

M..

Weil diese Frauenzimmer an Galanterieen gewöhnt sind, und meistens vom Direktor zuerst welche annehmen. – Man weis ja, wie's bei den Teatern zugeht. Sie werden doch an mir nicht die einzige Ausnahme machen wollen? –

Ich

Ja, mein Herr, das will ich! – Und wenn Sie tausendmal schöner gebildet wären, als Sie wirklich sind. – Ihre Kühnheit hat meinen ganzen Stolz empört! – Sie müssen ihren Reden nach immer saubere Waare unter ihrer Gesellschaft gehabt haben, die ihrer Zügellosigkeit vielleicht nach Wink zu Befehl stunde. – Schämen Sie sich, ein Frauenzimmer von Erziehung so zu behandeln! –

M..

Ah! – pahpah! – Erziehung! – Wir sind alle Menschen, und die meisten Weiber affektiren sie gar zu gerne, bloss um desto besser geschmeichelt zu werden! –

Ich

Herr M...., Sie werden immer beleidigender! – Sie sind der grösste Wollüstling, der mir je aufsties. Ihre Grundsäzze sind die Sprache des lasterhaften Wizlings. – Ob ich nun Mensch oder nicht Mensch bin, darüber bin ich Ihnen keine Antwort schuldig; eben so wenig, als ich jetzt auf Ihre Schmeicheleien gewartet habe. –

M..

Holla! – Mein liebes Täubchen! – gewiss irgendwo in Jemanden verliebt? – Pfui! – Sie müssen Ihren Ton beim Teater herabstimmen, er macht sie gar zu lächerlich. –

Ich

Das kümmert mich wenig! – Eine Schauspielerin ohne Rechtschaffenheit ist doch immer ein schändliches geschöpf! – Doch genug hievon! – Wenn Sie bloss gekommen sind dem Laster eine Moral zu predigenso belieben Sie mein Zimmer zu verlassen. –

M..

Nicht so böse, mein schönes Weibchen! – Nicht so böse! – Darf man Sie denn nicht lieben? –

Ich

Herr! – Sie haben eine Gattin; Sie haben Kinder; und doch...

M..

Ja der Geier mag auch immer mit Einerlei vorlieb nehmen, so jung auch mein Weib ist. – Kommen Sie, liebes Weibchen! Kommen Sie; einen Kuss – –

Ich

Den augenblick mir Ruhe gelassen! – Oder bei Gott Sie sollen mich kennen lernen! – Und von dieser Minute an sei aller Kontrakt aufgehoben; ich reise nicht mit. – Schikken Sie mir meinen Koffer zurück! –

M..

Ha, ha, ha! – Das werde ich wohl schön bleiben lassen! – Der Kontrakt ist jetzt einmal unterschrieben. – Und was können Sie denn wider mich für Klagen anbringen, wenn es zum Streit kommt? – Haben Sie denn Zeugen? – Sie werden also wohl die gefälligkeit haben mitzureisen. –

Ich

Eher mit dem Satan, als mit dir, tükkischer Bube! – Zum lezten Mal! verlassen Sie mein Zimmer! –

M..

Nicht eher, als bis ich weis, ob Sie mir Wort halten werden; sonst muss ich mich bei der Obrigkeit melden. – Nun wollen Sie reisen, oder nicht? – –

Ich

Ich will nichtaber ich muss! – Doch gewiss nicht an Ihrer Seite, erst morgen im Postwagen.

M..

Wie's beliebt, Madame! – Ich eile der ganzen Gesellschaft ihre Tugendnicht dochihren Eigensinn zu preisen! – Leben Sie indessen wohl, mein kostbares Weibchen! – Gott! – Was muss ein junges Frauenzimmer ohne Gatten an ihrer Seite dulden! – Verführung, Spott, Grobheiten sind ihr los! Jeder lasterhafte Bube reibt sich an ihr! – jetzt wird dieser Elende mein Feind werden. – Ich werde unter seiner Direktion glückliche Tage zu erwarten haben! – O unerbittliches schicksal! wie lange, wie lange werden mich noch deine Streiche zermalmen. – –

Amalie.

CXXXII. Brief

An Fanny

Liebste, Besste! –

Dass die Gesellschaft, unter der ich mich gegenwärtig befinde, unter einer schlechten Direktion steht, wirst Du aus dem Gespräch mit dem Direktor geschlossen haben. – Uebrigens ist sie zahlreich, aber darbend an guten Schauspielerinnen. – Die Männer zeigen mehr Talent als die Weiber, und M.... spielt unter ihnen die lokkern Burschen-Rollen am bessten. – Dass mich das Publikum gut aufnahm, kannst Du leicht