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man doch wenigstens Ehre zu machen suchen. – So reizend und lokkend meine leidenschaft fürs Teater auch immer ist, so beraubt sie mich doch bei ruhigen Stunden der überlegung nicht. – Ich sehe dann recht gut ein, dass sie mit der Zeit auf Kosten meiner Seelenruhe und Gesundheit in eitle Torheit ausarten könnte.– Auch nicht der Beifall des Publikums ist es, der mich in dieser leidenschaft stärkt. – Er muntert mich zwar auf; aber ich sehe ihn nie für eine hinlängliche Belohnung für die Erduldung der grausamen Streiche des Neides an, denen jeder Schauspieler von seinen Nebenarbeitern ausgesezt ist. – Meine innerlichen heftigen Affekte sind es, die diesen Hang in mir nähren, weil sie durch schwermütige Rollen Anlass zum Ausbruch bekommen. – Die Ergiessung meiner Melankolie verschafft mir dann jene Erleichterung, die meinem gepressten Herzen so nötig ist, worin so stürmische Leidenschaften toben! – Kennst Du denn die Lebhaftigkeit meines Temperaments und meiner Einbildungskraft noch nicht genug? – Kannst Du denn nicht begreifen, dass ich entweder auf der Bühne in einer Rolle, oder ausser dieser an dem Busen eines Freundes schwärmen muss? – War ich denn je eine von jenen trägen Seelen, deren Gefühl sich so willig in die engen Schranken ihrer frostigen Einbildungskraft einkerkern lässt? – Meine Gefühle sind feurig, sie haben sich emporschwingen gelernt, sie lassen sich nicht gerne einschränken, sie müssen Beschäftigung, sie müssen einen Gegenstand haben, woran sie sich halten können. – Ehedessen war Liebe meine Hauptbeschäftigung, aber seitdem ich ihre Bitterkeiten kostete, ist es der Hang zum Teater geworden. – So bald mir das schicksal wieder einen andern Ausweg zeigt, will ich ihm ja gerne folgen. – So viel, meine Freundin, verspreche ich Dir in die Zukunft! – aber für jetzt kann ich einmal nicht anders; ich muss noch eine Zeitlang bei der Bühne bleiben. –

Das hiesige Teater ist nun völlig eingegangen. – Eine fremde reisende Dame bot mir bis F... einen Plaz in ihrem Wagen an. – Ich werde mitreisen, und mir dann bei dieser gelegenheit einen andern Direktor suchen. – Hier in Wien ist ohnehin keine fernere Aussicht für mich mehr zu hoffen. – Beim Nazionalteater ist alles übersezt, und zu einer kleinen Gesellschaft mag ich mich nicht anwerben lassen. –

In F... soll sich dermalen ein guter Direktor aufhalten. Ein hiesiger, angesehener Mann, gibt mir ein Empfehlungsschreiben an ihn mit. –

Lebe indessen gesund, Teuerste, und grüsse mir Karln recht herzlich! –

Deine Amalie.

CXXXI. Brief

An Fanny

Die Dame, mit welcher ich hieher reiste, ist eine unausstehliche Prozess-Krämerin. Sie hat mir den ganzen Weg über nichts als von ihren Streitigkeiten vorgeplaudert. – Ich musste alle nur mögliche Geduld zusammennehmen, um nicht aus dem Wagen zu springen; so sehr hat sie mir die Ohren voll geschrieen. – Was das Weib noch überdies ihre armen Dienstleute grillenhaft quälte, wie die guten Geschöpfe immerfort von ihr geschimpft und gehudelt wurden, ist wahrlich unverantwortlich. –

Nichts ist unerträglicher, als an der Seite einer gewissen Art adelicher Damen zu sizzen, die besonders auf der Reise ihre Untergebenen bis auf den Tod zu plagen im Gebrauch haben. Was man da für ein Schreien, für ein Gezänke, für ein Gewinsel anzuhören hat, wenn dem Schooshündchen oder der gnädigen Grillenfängerin etwas zustösst, und ihre Sklaven nicht gleich bei der Hand sind! O der belachenswürdigen Verzärtlung dieser Törinnen, die so gerne mit der lieben natur hadern möchten, dass sie ihre bequemen Körper nicht nach einem andern Modell gebaut hat, damit sie nicht die Gebrechen der Menschheit mit den Bürgerinnen gemein hätten. – Gränzenlos ist doch der weibliche Hochmut! – Der Himmel schenke unsern deutschen Damen bald mehrere Philosophie, damit sie aufhören mit den Geburten ihrer undenkenden Köpfen ihre bedaurungswürdigen Untergebenen zu plagen. –

Als wir in F... ankamen, empfahl sich die Dame; ich ging in einen Gastof, und dann Tages darauf zu dem hiesigen Direktor, der mir sehr einsilbigt begegnete. – So warm ich ihm auch immer empfohlen war, so kalt und herzlos empfieng er mich doch. – Man hatte mir vieles von seinen Talenten, von seinen guten Umständen gesprochen, aber niemand hatte ein Silbchen von seiner Unleutseligkeit erwähnt. – Der kostbare Ton, womit er mir während meines Besuchs nur abgebrochne Reden zufliessen lies, stieg mir gewaltig in Kopf, ich hatte grosse Lust ihn mit einigen Zungenhieben zu geisseln, als wir plözlich unterbrochen wurden, und ich die Zimmertüre suchen musste, und zwar ohne ein Wort von einem Debut gesprochen zu haben. Der kleine spiznasigte Mann gab sich die ausserordentliche Mühe, mich bis an die Treppe zu begleiten; aber überrascht von dieser direktorischen Gnade, verneigte ich mich auch bis zur Erde. – Ich werde wohl keines von seinen Schauspielen zu sehen bekommen, denn ein gewisser Direktor M..... aus A... hat meinen hiesigen Aufentalt erfahren und mir gute Anerbietungen gemacht. – Ich bin der ferneren Untätigkeit müde, deshalben habe ich einen Kontrakt unterschrieben und meinen Koffer schon an ihn abgesandt, weil A.... nur ein Paar Meilen von hier liegt, und mich Herr M.... in seinem Kabriolet selbst abholen wird. – Alle Stunden erwarte ich ihn. – Ich bin doch neugierig, was es bei dieser Gesellschaft wieder für allerlei Dinge absezzen wird. –

Der Direktor ist zugleich Autor, und seine Gesellschaft soll keine der