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das Unglück nur immer rechtschaffene Seelen verfolgt. – Ich kann Dir den Jammer nicht hinlänglich beschreiben, der sich jetzt bei unserer Gesellschaft eingeschlichen hat. – Schon seit sechs Wochen liegen alle bis auf mich am kalten Fieber darnieder. – Nur erst seit wenig Tagen macht dieser hässliche Gast jetzt auch bei mir seinen täglichen Besuch. – Du solltest mit deinem gefühlvollen Herzen sehen, wie die Leute aus Liebe für ihren guten Direktor ihre lezten Kräften anstrengten, und ohne dass er es einem zumutet, von selbst aus gutem Willen mitten im Fieber spielten. – Bis jetzt wechselte das Fieber unter einigen ab, und nicht alle wurden gerade zu der Stunde der Vorstellung davon überfallen, sie konnten daher unter einander mit Spielen abwechseln, so dass unser Schauspielhaus an den bestimmten Tagen nicht verschlossen bleiben durfte. – Aber nun hat das täglich anhaltende Fieber die Kräften eines Jeden so abgemattet, dass sie alle zum Spielen untauglich sind; alle hoffnung ist nun verloren, fernerhin Vorstellungen geben zu können. – Der menschenfreundliche Direktor zahlt seinen Leuten schon seit einiger Zeit grosse Summen, ohne die geringste Einnahme zu haben. – Endlich aber wird dieser brave Mann aus Liebe für seine Familie gezwungen die Direktion völlig aufzugeben, um mit seiner kranken Gattin zu seiner Swiegermutter nach P... zu reisen. – Höre seine vortreflichen Anstalten in einer Lage, wo jeder minder fühlende Direktor gewiss nicht so edel handeln würde: – Er liefert auf seine eigenen Kosten die ganze Gesellschaft bis Wien, gibt jedem noch sechs Wochen Gage obendrein, und empfiehlt sie der Vorsehung. – Kann der würdige Mann bei einem solchen starken Verlust mehr tun? – O, es schmerzt mich unendlich, diese brave Familie verlassen zu müssen! –

In wenig Tagen reisen wir alle zusammen von hier ab. Gott! wenn nur diese Reise schon ihr Ende erreicht hätte! – Denke Dir einmal ein solches Häufchen kranker Leute zusammen, die alle durchs Reisen noch kränker zu werden befürchten müssen. – Der Allmächtige möge unser Geleitsmann sein! – Ei, das ist doch ärgerlich! – Schon wieder schaudert der Fieberfrost durch meine Glieder, und ich muss wegen starken Kopfschmerzen aufhören mich mit Dir zu unterhalten. – Kümmere Dich nicht um meinetwillen, meine Freundin, es wird besser werden; – ich habe seit einigen Tagen schon ausserordentlich viel China zu mir genommen.

So bald ich in Wien anlange, und mich nicht überhäufte Geschäften daran hindern, erhältst Du wieder Nachricht von meiner Gesundheit. – Sollte sie sich noch mehr verschlimmern, so lass ich Dir durch jemand andern schreiben. Sei also ruhig, und liebe fernerhin deine arme kranke Freundin

Amalie.

CXXVIII. Brief

An Fanny

Meine Liebste! –

Wirklich hat die Wiener-Luft meine Gesundheit völlig wieder hergestellt. Ich eile, um Dir diese gute Nachricht zu melden: Als ich hier anlangte, nahm ich mir fest vor, Niemanden meinen Schauspieler-Stand zu entdekken. Der Zufall leitete mich bei meiner Ankunft zu einer alten Obrists-witwe, bei der ich auf einen monat ein Zimmer zu mieten suchte: –

Diese alte Dame musste sich wegen eingeschränkter Pension mit Vermietung solcher Zimmer abgeben; – war aber ein Weib, das gute Erziehung genossen hatte. – Uebrigens soll es ausser ihrer Gewohnheit gewesen sein, je ein junges Frauenzimmer in ihr Haus zu nehmen, wie man mich versichert hat. – Sie mag ihre Gründe gehabt haben, die vermutlich darin bestunden, damit kein Frauenzimmer von schlechter Lebensart ihr Haus in übeln Ruf bringen möchte. – Ich weis nicht, war es meine offene, glückliche Gesichtsbildung, oder was sonst; genug, die Dame liebte mich beim ersten anblick, und nahm mich ohne das geringste Vorurteil in ihr Haus. – Sie drang in mich, um etwas genauer mit meinem schicksal bekannt zu werden, ich hielt an mich so lang es mir nötig schien, bis ich ihr endlich meinen Schauspieler-Stand offenherzig eingestand, und sie mir versprach, ihn vor Jedermann geheim zu halten. – Aber auch nur einige Wochen hielt sie Wort, und in weniger Zeit wurde der Direktor vom hiesigen Kärntnertor-Teater Herr über ihr Geheimnis. – Ihm war um eine gute Schauspielerin zu tun, weil er eben im Begriffe stand mit einer neuen Gesellschaft seine Bühne zu eröffnen, und er ihrer sehr bedurfte. – Die Dame und er wandten alle Schmeicheleien an, um mich zu einem Debut zu bereden. Man versprach mir glänzende Besoldung, und alle mögliche Vorzüge. – Kurz, die zwei Leutchen drangen so lange in mich, bis ich endlich nachgab. – Da ich aber den gang der Wienerischen Kabale kannte, so handelte ich vorsichtig. –

Hier ist es nicht gebräuchlich den Namen der Schauspieler auf den Anschlagzettel zu sezzen. – Ich benuzte dies, und der Herr Direktor G..... durfte weder meinen Namen, noch weniger die Ankündigung meines Debuts darauf bekannt machen. Teils wollte ich das Publikum mit meinem Bischen Fleiss überraschen, teils mochte ich mich keinem Vorurteil Preis geben, das jeder von einer unbekannten Schauspielerin zum voraus hegt. – Der Tag meines Debuts wurde festgesezt, die Stunde rükte heran; schon war der erste Aufzug des Schauspiels geendigt, und einige Mitspielende ausgezischt worden, als ich noch in tausendfacher Angst hinter den Koulissen harrte, bis die Reihe zu spielen an mich käme. – Meine Rolle war kurz, aber in ihrem inneren Wert eben so empfehlend, als mein äusserlicher Anzug. – Ich stellte die Gattin eines Helden vor, die aus leidenschaft