Mein Direktor überhäufte mich seiter mit einer Menge Rollen. – Sein Weibchen ist nahe an ihrer Niederkunft, und mich trift es jetzt, ihre Rollen ganz allein zu spielen. Es bleibt mir ausser meinen Berufsgeschäften kaum so viel Zeit übrig, zuweilen ein kleines Briefchen an meinen Oheim zu verfertigen. Uebrigens lebe ich recht zufrieden. Das Publikum ist mir hold; der Direktor behandelt mich gut; was will ich also mehr? – Nur ein einzigesmal überraschte mich sein gewöhnlicher Eifer für die Kunst etwas feuriger als sonst, bei einer probe; der gute Mann kannte mein zu weiches Herz nicht, und wurde erst nach der Hand überzeugt, dass seine rasche Zurechtweisung mich im Spielen noch blöder machte. – Ich nährte dadurch heimliches Mistrauen gegen mich selbst, und Zagheit bemeisterte sich meiner während meines Spiels; nur seine sanftere Leitungsart rief mich wieder in das Geleise zurück, woraus mich eine gewisse bange Furcht gebracht hatte. – Er sah wohl ein, dass es für meinen Kopf und mein Gefühl nur des kleinsten Winkes bedürfe, um mich nach seinem Willen abzurichten. – Der Mann besizt ausserordentlich viele Kenntnisse, dringt mit seinem Fleiss bis ins Innerste der Kunst, und ich bin stolz darauf, Seippens Schülerin zu sein! – Es ist unbegreiflich, was er sich mit einigen beinahe unbrauchbaren Mitgliedern unserer Gesellschaft für Mühe gibt, um sie zu belehren; er hält ordentliche schulen, giesst ihnen die Rollen so zu sagen ein, studiert den Hang eines Jeden, gibt ihm angemessene Rollen; alle unter seiner Gesellschaft stehen an ihren rechten Pläzzen; da erblikt man keine Spur von Parteilichkeit. So oft das Schauspiel zu Ende ist, tritt er unter die Schauspieler hinein, sagt einem jeden sein und auch des Publikums Urteil mit biederer Wahrheit ins Gesicht. – Leztin kam die Reihe zuerst an mich. – "Madame! (sagte er.) Mit Ihnen ist man durchaus zufrieden, bis auf die wenige Schüchternheit, die ihre stimme unterdrükt, und sie etwas unverständlich macht." – "Und Sie, Mademoiselle! – (sagte er zu einer andern) Sie haben in ihrem Kammermädchen durch Ihre unbescheidene Manieren bloss dem Pöbel gefallen, u.s.w."
Ist so ein Vorsteher nicht zu verehren? – Würde die Bühne nicht bald der Wohnsiz der Rechtschaffenheit sein, wenn es mehrere dergleichen gäbe? –
Noch ein Anekdötchen von ihm: – Einige Stuzzer, welche die Schauspielerinnen bloss für feile Geschöpfe ansehen, zu denen ihre Begierden ein volles Recht hätten, sagten einst zu ihm:
"Aber Herr Seipp, Sie haben ja gar kein einziges recht schönes Frauenzimmer unter ihrer Gesellschaft!" – Worauf er antwortete: – "Meine Herren, alle meine Frauenzimmer sind hinlänglich schön, um in ihren Rollen jene Täuschung zu erwekken, die dazu erfodert wird. – Ich bin der Unternehmer einer gesitteten Schauspieler-Gesellschaft und keiner Fleischbanke, wo jeder Wollüstling seine Bedürfnisse hinzutragen Lust hätte. – Meine Frauenzimmer sollen bloss zu Schauspielerinnen und nicht zu Lustnimphen taugen." –
Von dieser Zeit an wagte kein Weichling mehr die mindeste Anmerkung zu machen; wir leben alle in dem unbescholtensten Rufe. – Aber sage mir jetzt auch, meine Liebe, was macht denn dein Karl? – Werde ich euch zwo teure Seelen auch bald wieder zu sehen bekommen? – O ich hätte wohl noch recht viele fragen, wenn mich nicht die Pflicht zu meinen Geschäften riefe. –
Lebe wohl, Teure, einzige. –
Ich bin ewig Deine Amalie.
CXXIV. Brief
An Amalie
Teuerste! –
Endlich hat unser Kummer ein Ende, und wir wissen, dass Du gut versorgt bist. Karl war entzükt über diese Nachricht; dass ich es auch bin, das weisst Du ohnehin. – Wir beide haben ein Projekt zur Sitten-Verbesserung der Bühnen entworfen, und teilen es Dir zur gütigen Einsicht mit.
Unser grosse Kaiser Joseph hat über alle Gegenstände in seinen Ländern gute moralische Anstalten getroffen, und wir hoffen, dass er auch noch auf die Reinigung der Bühnen kommen wird, wenn es ein Patriot einmal wagt ihm den wahren Zustand derselben zu schildern. – Bis jetzt streifen noch immer schwarmweis kleine Schauspieler- nicht doch – KomödiantenGesellschaften dem Bürger zur Last und den Sitten zur Schande in unsern Ländern herum; – führen das abscheulichste Leben, verbreiten Zoten, sind der Zufluchtsort so vieler Tagdiebe, Herumstreicher, verjagter Friseurs, lüderlicher Studenten, fauler Handwerkspursche, verloffner Dienstmädchen, u.s.w.
Erstens ist ihre Aufführung ärgerlich, und verbreitet, bestärkt das Vorurteil über besser gesittete Schauspieler, benimmt dem Publikum den Glauben an jede Moral, die auf gesittetern Bühnen vorgetragen wird, weil die Menschen daran gewöhnt werden, zu glauben, dass dort wie da – der Fuchs bloss den Gänsen predigt. –
Zweitens führt diese hungerige KomödiantenWaare schandlose, ärgerliche, sündliche Frazzen auf, und verwildert dadurch die Sitten des Pöbels noch mehr, der ohnehin schon zügellos genug ist. –
Drittens kommen sie durch ihre Schwelgerei in Schulden, betrügen den Bürger, verführen seine Söhne und Töchter, fahren in allen Bierschenken herum, nähren im gemeinen Volk Aberglauben und Vorurteil, verleiten es zu Abenteuern, Schazgräbereien, Taschenspielereien, und dergleichen; durch ihre Ausschweifungen pflanzen sie also auf alle Schauspieler den schmuzzigen Begriff fort, den man ehedessen von den öffentlichen Possenreissern und Marktschreiern hatte. – Zur Schande der Schauspielkunst verderben sie das leichtgläubige Herz des Bürgers, und würden ihrem Landesherrn unter der Muskete gewiss bessere Dienste leisten.
Sobald der Monarch überzeugt ist, dass