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verkündigt. – Alle nur möglichen Niederträchtigkeiten scheinen diesen Leuten von natur anzukleben; sie lassen ihre Herzen so tief im Morast versinken, dass ihnen alle Laster zur kalten Gewohnheit werden, womit sie Tugendhafte tirannisiren, wenn diese das Unglück haben unter sie zu geraten. –

In diesem stand sind gute Ausnahmen von rechtschaffenen Seelen so äusserst selten zu finden, weil sich bei den vielen Bühnen eine Menge Pöbel zusammenrottet, und den Freiheiten dieses Standes einen ewigen Schandflek anhängt. – So manche Schauspieler-Gesellschaft gleicht einem Schwarm streifenden Ungeziefers, das sein Gift überall zurücklässt; dass man aber die Bosheit und Schadenfreude so weit treiben könnte, wie es das Häufchen Buben und Bübinnen in P... gegen Dich trieb, hätte ich doch nie vermutet. – Mein Karl sagte: "Unter den Hunden gibt es tausendmal bessere Herzen."

Von der Erzbuhlerin R.... habe ich schon öfters abscheuliche Streiche erzählen gehört. Sie ist in der halben Welt als die ärgste Mezze bekannt, die die Obrigkeit wieder aufs Neue ins Zuchtaus stekken sollte. – Was wäre denn aber auch von einem Schustersweibe besseres zu erwarten, deren Mann um den Uebermut seines Weibes willen, den Leist verlassen musste. – Er soll ein braver komischer Schauspieler gewesen sein; Gott gönn ihm jetzt in jener Welt die Ruhe, die er hier an der Seite seines ehrvergessenen Weibes nicht genoss. – Auch siesagt manspiele die Rollen niederträchtiger Weiber, unverschämter Buhlerinnen, komischer Kupplerinnen, boshafter, zänkischer, lasterhafter Kreaturen mit vieler natur; ... nur in edlen Karakteren, in den Rollen moralischer, guterzogener Mütter, wäre sie unausstehlich. – So viel erzählte mir leztin ein unparteiischer Teaterkenner selbst. –

Gott schenke Dir jetzt bei Seipp alles Vergnügen, das Du verdienst; weil er selbst Talenten besizt, wird er gewiss die deinigen nicht verkennen. Nur Dummköpfe unterdrükken aus Neid die Vorzüge an Anderen. – Dass dieser brave Mann unter seiner Gesellschaft so tapfer auf gute Sitten hält, freut mich unendlich; – nur der Kummer wegen deiner gefährlichen Reise ängstigt mich noch ein Bischen, bis ich einmal weis, dass Du glücklich angekommen bist! Man versichert mich, Siebenbürgen wäre ein wahres Räuberland. –

Ich und mein Karl wünschen Dir allen Segen von Gott, und uns dabei eine geschwinde Nachricht von deiner glücklichen Ankunft. – Hier diesen Kuss zum Zeichen meiner unveränderten Liebe. –

Fanny.

CXXII. Brief

An Fanny

Gott sei ewiger Dank gesagt, dass auch diese Reise vollendet ist! So äusserst elend habe ich noch keine zu machen gehabt. – Die Strassen waren abscheulich schlecht; je tiefer wir unter die Wallachen hineinkamen, desto grässlicher wurde unsere Furcht und alle Arten von Unbequemlichkeiten. –

Die Räuber schonten uns, der Himmel sei gepriesen! ob es gleich hier zu land sehr gewöhnlich ist, ganze Rotten von dreissig bis fünfzigen zu treffen, die alle mit vierfachem Schiessgewehr versehen sind. – Da sie sich auch gerne in Wirtshäusern einnisten, so zwang uns die Klugheit, uns mit Militärorder zu versehen, um bei Dorfrichtern Herberge zu nehmen, und zogen aus dieser Ursache vor auf Heu zu schlafen, selbsten zu kochen, u.s.w. Es war eine allerliebste Wirtschaft! – Unsre Mannsleute mussten Geflügel zuschleppen, die Wallachinnen gaben uns Spek, und wir Weiber besorgten die Küche. – Seipp sorgte ohne Eigennuz, als wahrer Vater, für seine Kinder; sein armes schwangeres Weibchen duldete auf dieser Reise sehr vieles mit Standhaftigkeit; nur ein einzigesmal überfiel sie Wehmut, die dann der rechtschaffene teilnehmende Gatte mit warmer Zärtlichkeit zu zerstreuen wusste. – O, diese zwei Leutchen lieben sich wie die Engel; ein liebenswürdiger dreijähriger Knabe knüpft das Band ihrer Gattenliebe noch enger. – Sie gehören zur protestantischen Religion, und sind eifrige Christen; in ihrem Betragen herrscht überall Pünktlichkeit, und ihre Aufführung ist untadelich. – Seipp duldet unter seinen Leuten keine von schlechten Sitten. – Die Mitglieder der Gesellschaft sind aber auch so geehrt, dass jedem davon der Eintritt in die angesehensten Familien offen stehet.

Schon seit vier Jahren durfte wegen schlechter Aufführung keine Schauspieler-Gesellschaft mehr über die hiesigen grenzen; nur unserm braven Seipp gelang es durch Empfehlungen von etlichen Ministern, durchzudringen. Alle lieben und schäzzen ihn. Das Publikum stürmt zahlreich ins Schauspielhaus, und verlässt es wieder mit entusiastischem Beifall. Wir bekommen Alle richtige Bezahlung, und stehen gut, weil es hier äusserst wohlfeil zu leben ist. –

Leztin spielte ich zum erstenmale, und wurde recht gut vom hiesigen Publiko aufgenommen. Ich lass es aber auch nicht am Fleiss mangeln, und arbeite mit Lust, weil uns keine Stuzzer hinter den Koulissen stören dürfen. – Es ist allen jungen Leuten untersagt, weder bei den Vorstellungen selbst, noch bei den Proben auf Abenteuer hinter den Koulissen herumzuschleichen. Auch keiner der Mitspielenden darf es wagen, über einen andern nur eine Miene von Anmerkung zu machen. – Seipp weis den Neid in Schranken zu halten. – Sein entusiastischer Eifer für die Richtigkeit der Schauspielkunst macht ihn freilich manchmal ein Bischen hizzig, aber nicht pöbelhaft, wie es seine Feinde vorgeben. – Ich gedenke mich recht gut in seine Anführung zu schikken, und verehre seine Kenntnisse mit inniger Zufriedenheit.

Und nun, liebe Fanny, küsse mir deinen Karl, und danke ihm in meinem Namen für seine Sorgfalt!

Deine Dich liebende Amalie.

CXXIII. Brief

An Fanny

Zürne doch nicht, liebes Fannchen, dass ich Dir einige Monate gar nicht schrieb.