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in der Wut zu einer Mordtat verleitet haben. – Doch zum Glück liess man mich mit geteiltem Beifall durchschlüpfen; besonders wurde meine Geistesgegenwart in einer Stelle äusserst applaudirt, wo die boshafte Z..., als mein Kammermädchen, mir in der Sterbszene den Stuhl wegzog, um diesen Auftritt durch mein Bodensinken ins Lächerliche zu bringen; aber kaum hatte ich die tödtliche Wunde empfangen, so blikte ich rükwärts, gab meinem Körper ein gutes Gleichgewicht, und sank so künstlich auf den Boden hin, dass das Bild unendlich viel dabei gewann. –

Ich duldete mehrere dergleichen Streiche, unter andern spielte der Herr Direktor an meiner Seite den Liebhaber mit halb weggewandtem gesicht, u.s.w. Endlich ging das Schauspiel zu Ende, und ich eilte mit zerrissenem Herzen nach haus.

Ein gewisser Direktor Seipp schreibt mir jetzt aus Temeswar, und begehrt mich zu seiner Gesellschaft. – In wenig Tagen reise ich dahin ab. Lebe indessen wohl, meine gütige Freundin, und grüsse mir deinen Karl tausendmal! –

Amalie.

CXX. Brief

An Fanny

Noch ehe ich P... verlies, konnte ich mich nicht entalten, folgendes Briefchen an dortigen Direktor zu schreiben. –

Mein Herr!

"So unverschämt und pöbelhaft Sie und Ihre Rotte mich auch immer behandelten, so kann ich doch den hiesigen Ort nicht verlassen, ohne noch ein Paar Wörtchen mit Ihnen zu sprechen. Glauben Sie sicher, Sie hatten es mit keiner Hüttenspielerin zu tun, bei der Sie es wagen durften, ihren lächerlichen Hochmut blikken zu lassen. Zu Ihrem Stolz stünde bessere Erziehung recht gut; dann würden Sie vielleicht Ihre lüderlichen Untergebenen in den Schranken der Ehrbarkeit zu erhalten wissen, womit Sie fremden Leuten begegnen sollten. Bei den kleinsten Schauspielergesellschaften findet man kaum ein solches boshaftes, mutwilliges Zigeunergesindel, wie das, wovon Sie, mein Herr, das Oberhaupt sind. – Gott möge nie wieder eine gute Seele unter Ihre ausgelassene Bande geraten lassen! Verzweiflung würde sonst bei so einer schandvollen Behandlung das los einer Jeden sein, die weniger Selbstgefühl im Busen trägt, als ich. – Sie, Herr Direktor, nähren ein Häufchen Lasterhafte, deren gebrandmarkte Herzen einst zu ihrer Schande ganz aufgedekt werden müssen. – Bühnen, wie Sie eine unterhalten, sind die wahre heimliche Pest in einem Staat, die unter dem Vorwand der Sittenverbesserung jede Moral untergraben. – Bloss um in Zukunft einer andern ärmern reisenden Schauspielerin den bei andern Teatern gewöhnlichen Debut auch bei Ihrer Bühne zu eröffnen, habe ich an höhern Orten mit Gewalt auf eine Rolle gedrungen. – Teilen Sie mein mir angehöriges Geschenk unter die Armen aus, damit sie den Himmel um Verbesserung Ihres Herzens anflehen mögen; – überdies schenke ich Ihnen noch den Ersaz der Ausgaben, die mir die Anschaffung des zu meiner gespielten Rolle nötigen Puzzes verursachte, und die ich über mich zu nehmen gezwungen ward, weil sie mir aus Neid von Ihrer Favoritin versagt wurde. – Ich weis recht gut, dass sie sogar Leute anstiftete, um mich zum Gespötte des Publikums zu einer widersinnigen Kleidung zu bereden. – Aber sowohl diese Kabale, als so viele andere sinnreiche Streiche prellten an mir ab. – Wäre ich Mann, so würde ich für alle die äusserst gallsüchtigen Beleidigungen auf eine andere Art Genugtuung fodern; aber so begnüge ich mich mit der Verachtung, die Sie und Ihre Anhänger verdienen, und die Ihnen hiemit in vollem Mase zusichert"

Amalie *****

So bald ich dieses Briefchen dem Direktor zugeschikt hatte, so reiste ich ab. – – –

Wenn Du die Gegenden in Ungarn kennst, so wirst Du leicht begreifen können, wie langweilig meine Reise war. – Eine sehr schlechte Reisegesellschaft, üble Bewirtungen und die bangste Furcht, als ich über die unermesslichen entvölkerten Haiden fahren musste, wurden mir zu teil. – Wir trafen in den Wirtshäusern meistens Kerls an, die alle Räubern ähnlich sahen. – Menschen, die sich wie das rohe Vieh in ihrem Schafpelz im Schnee hinlagern, und nur bei der Nacht in ihre Hütten kriechen, die alle tief in die Erde gebaut sind. Unter heftiger Kälte und andern Unbequemlichkeiten kam ich endlich in Temeswar an. Herr Seipp nebst seinem Weibchen empfiengen mich sehr gut. – Sie ist ein fräulein von K.... aus P... und verrät viel Erziehung; – er, ein vernünftiger, einsichtsvoller, auf Ehre haltender Mann, ein braver Schauspieler, hält streng auf gute Ordnung, versteht das Teaterwesen vollkommen, ist selbst Dichter und der Erfinder der bessten Einrichtung, die ich noch jeSchauspieler wollen ihm keine Gerechtigkeit wiederfahren lassen, weil er ihre Sitten sowohl, als ihre elenden Fähigkeiten zu verbessern suchte. – Ich kann Dir aber auf Ehre versichern, dass er und sie meine völlige Hochachtung gewonnen haben. – Sie ist ein gutes wirtschaftliches Weibchenliebt ihren Mannhat Teatertalent und Kopf. Kurz, beide sind ein wahres Muster moralischer Sitten, woran sich so viele andere spiegeln könnten; sie söhnen mich wieder ganz mit der Bühne aus. – Gespielt habe ich hier noch nicht, weil die Gesellschaft gerade auf dem Punkt steht, nach Herrmannstadt abzureisen. So bald wir dorten sind, beschreibe ich Dir unsere Reise. – schreibe Du auch bald wieder

Deiner bessten Amalie.

CXXI. Brief

An Amalie

Um Gottes willen, Freundin! – was hast Du seiter nicht alles erlebt, und wie weit bist Du jetzt von mir entfernt! – Nicht wahr, meine Gute, ich habe Dir die schröklichen Teaterschiksale zum voraus