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von jenen unverschämten Buhlerinnen, die mit frecher Stirne auf Eroberung ausgehen. – Es muss in dem Wesen einer gutgezogenen Schauspielerin ein gewisses Etwas liegen, das den meisten Zuschauern Hochachtung einflösst. – Sanfte Bescheidenheit entwischt dem Auge des Kenners nie. Du hast ohnehin zuweilen einen tiefsinnig leidenden blick an Dir, der den Zuschauer für Dich einnehmen wird. – Lass deine Lebhaftigkeit nicht zu viel hervorblikken, sie könnte Dir den Schein des Lasters geben. Und dann wandle hin mit meinem Segen an einen Ort, an den ich nicht ohne Tränen denken darf! –

Fanny.

CXV. Brief

An Fanny

Edle Freundin! –

So sehr mein Herz blutet, meinem Schiksale folgen zu müssen, so will ich Dir dennoch eine sehr komische Unterredung zwischen mir und dem Direktor der Gesellschaft erzählen, unter der ich nun bald werde aufgenommen werden.

Ich

Mein Herr! ich bin Schauspielerin, und wünsche bei Ihnen aufgenommen zu werden.

Direktor

Legen Sie ihren Mantel ab und lassen Sie sehen, ob Sie keine Kissen in der Schnurbrust tragen, ob Sie gut gewachsen sind, ob Sie einen schönen Fuss, eine schöne Hand haben. – (Nun drehte er mich rund um, und fuhr fort) Ihr Wuchs mag gut sein! – Aber schminken müssen Sie sich, denn ihre dunkelroten Wangen sind bäurisch. –

Ich

Mein Herr! Sie scheinen Fleischhakker gewesen zu sein, dass Sie mich von oben bis unten so betrachten, als ob Sie mich zur Schlachtbank führen wollten.

Direktor

Ja, meine schöne Madame! – das müssen Sie sich nicht verdriessen lassen! Unser einer muss gar genau auf eine schöne Figur sehen, wenn er sein Geld nicht einbüssen will.

Ich

Sie handeln also mit schönen Körpern, und treiben die Kunst bloss zur Ausrede? –

Direktor

Die Sprache ist mir zu hoch, und ich nehme nicht gerne so schnippische Aktrisen an. – Wenn Sie bei mir bleiben wollen, so müssen Sie nicht böse werden, wenn ich auch noch mehrere Untersuchungen anstelle. –

Ich

Nur keine wider den Wohlstand, dann erlaube ich Ihnen jede andere Frage. –

Direktor

Sind Sie schon auf einer andern Bühne gewesen? – Wo? – Wie lange? – Und was haben Sie denn da gespielt? –

Ich

Ich stunde schon zwei Jahre in St... (das musste ich sagen, um nicht als Anfängerin gehunzt zu werden,) und spielte immer erste Rollen. –

Direktor

Ja! erste Rollen, die kann ich Ihnen nicht immer geben! – Doch wir wollen sehen, ob Sie dem Publiko gefallen. – Was wollen Sie Besoldung? –

Ich

Wöchentlich neun Gulden. –

Direktor

Sind Sie toll? – Ich gebe keinen heller mehr als sechs Gulden, und wenn Madame Sakko selbst käme!

Ich

Darum wollen wir uns nicht streiten; nur bitte ich mir mehr Zutrauen aus! –

Direktor

Zutrauen! – Ja, das sollen Sie haben; aber können Sie auch lesen? –

Ich

Herr!!! –

Direktor

Nur nicht so hizzig! Ich habe noch selten eine Aktrise gehabt, die lesen konnte. Und hier zu land können ohnehin die wenigsten lesen. Der Souffleur muss Ihnen die Rollen eintrichtern.

Ich

Ha, ha, ha! –

Direktor

Nu! was lachen Sie denn so? –

Ich

über die sauberen Schauspielerinnen, die ihr Talent der Barmherzigkeit des Souffleurs abborgen! – Das müssen doch allerliebste Schulfrazzen sein, die alles aus einem andern Hirnkasten mechanisch daher plappern. –

Direktor

Und ich kann Sie doch versichern, dass meinen Aktrisen allezeit rasend Beifall zugeklatscht wird.

Ich

Ja, mein Herr! das glaube ich gerne; aber der Beifall gilt nur selten der Kunst. –

Direktor

Genug, wenn Sie Lust haben, so komme ich morgen mit einem Teaterkenner zu Ihnen, und wir sprechen das weitere. –

Ich

Ich will Sie erwarten. – Leben Sie wohl! – Warte Dummkopf, du sollst es bekommen; und den nemlichen Abend machte ich noch folgenden Aufsaz. –

"Wenn ein Schauspiel-Unternehmer seiner Bühne mit Ehre und Vorteil vorstehen will, so muss er die Schauspielkunst selbst aus dem grund studiert haben, sonst scheitert in der ersten Woche schon seine Ehre nebst dem Kredit. – Streng muss er unter seinen Leuten auf Zucht und gute Sitten halten, – sonst versäumt er den moralischen Endzwek und wird ein privilegierter Bordellwirt. – Gute Wirtschaft muss er nicht mit dem Schweis seiner Untergebenen treiben, die ihm eben darum bloss aus Hunger arbeiten, und das gute Publikum um sein Geld betrügen. –

Parteilichkeit im Rollenausteilen, Kabale, Feindschaft soll er durch sanfte, vernünftige Leitung zu versammen, eh es völlig aufgeführt ist. – Wenn ein Unternehmer nicht selbst Lektur genug hat, um gute Stükke und wakkere Schauspieler zu wählen, so gebe ich für seine ganze Unternehmung nicht einen Kreuzer. – Leider sind dermalen nur zu viele Unternehmer, die Oberherren einer Zigeunerbande, die auf schmuzzige Abenteuer herumzieht. – –"

Fertig ist jetzt mein Aufsaz, und morgen soll der Tölpel tüchtig für seine tolle Frage dadurch beschämt werden! – O ich kann den morgenden Tag kaum erwarten! – – – Holla, man pocht.... Nur herein! – – – Ah ha! – Sind Sie es Herr Direktor? – Noch so spät habe ich die Ehre? – Ich habe Sie erst morgen erwartet. –

Direktor

Ja, morgen habe ich zu viel Geschäfte; und ich habe die Ehre Ihnen diesen Abend noch diesen Herrn aufzuführen. Lassen Sie uns hören