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So bin ich denn wieder auf einmal deinen liebevollen Armen entrissen! – Wie kurz dauerte dieser entzükkende Traum; und wie viel Wonne genoss ich doch in diesen wenigen Tagen an deinem Busen! – Sag deinem Karl alles Schöne von mir... O es ist ein vortreflicher Junge, ganz deines Herzens würdig! – Gäbe doch der Himmel euch beiden bessere Aussichten, so wäre auch mein ungewisses schicksal gehoben. – Wien gefällt mir recht wohl; nur wird mein hiesiger Aufentalt durch ökonomischen Kummer getrübt. – Meine Ahndung ist erfüllt! – Lies hier den Brief meines Oheims. –

Liebste Nichte!

Mein Vaterherz möchte zerspringen, wenn ich die Umstände überdenke, die mich ausser Stand sezzen, dich fernerhin zu unterstüzzen. Die hinterlassenen Schulden deines Mannes sezzen mich täglich mehr in Verlegenheit. Sie dringen auf Bezahlung und da ich Bürgschaft leistete, so kann ich ohne mein Ansehen zu verlezzen, sie zu keiner Geduld mehr verweisen. – Du weisst, dass die Summe gross ist, und ich werde mich lange einschränken müssen, um sie wieder einzubringen. – Fasse dich, meine Liebe, und suche irgendwo als Gouvernantin unterzukommen. – Hier und da werde ich trachten, dir noch kleine Unterstüzzungen zufliessen zu lassen, aber deine Bedürfnisse standsmässig zu bestreiten, steht leider nicht mehr in meiner Gewalt, so sehr ich es auch mit meinem gefühlvollen Herzen wünsche!

Dein besstgeneigter Oheim,

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Siehst Du, meine Freundin, wie das schicksal mich Schlag auf Schlag verfolgt? – O, meine Fanny, der Kummer presst mich heute zu sehr, um Dir mehr sagen zu können, als dass ich mit Schwesterliebe bin

Deine Amalie.

CXIII. Brief

An Fanny

Ich habe Dir mit Vorbedacht schon einige Wochen nicht mehr geschrieben, um Dir doch etwas mehreres von meinem schicksal berichten zu können. – Glaubst Du wohl, dass es mir hier mit einer Gouvernantenstelle gar nicht glückken will? – Troz aller Mühe, nebst den bessten Empfehlungen werde ich überall abgewiesen. – Der einen Dame bin ich zu jung, der andern zu teutsch, der dritten zu lebhaft, der vierten zu belesen, u.s.w. O! was ich mich über diese adelichen Dummköpfe ärgerte! – Ich gehe jetzt ganz von dem Gedanken ab, je wieder solche Dienste zu suchen, wo man so sehr mit Weiberdummheit zu kämpfen hat. – Und was meinst Du wohl, was für einen Stand ich jetzt wählen will und wählen muss, aus dringender Not wählen muss! – Erschrekke nicht bei dem Wort Teater; habe Mitleiden mit mir, und urteile ohne Vorurteil. – Du kennst meine gute Anlage so wie meinen leidenschaftlichen Hang zu dieser Kunst. – Nun kommt gar das schicksal noch dazu; wie kann ich also in einer solchen Lage anders? – Mich Jemanden anzuvertrauen, wäre für mich zu bitter. – Ich muss, meine Fanny, ich muss; mir bleibt sonst nichts übrig, als die äusserste Dürftigkeit. – Sei versichert, dass es meinem Herzen nicht schaden soll. – Es ist freilich ein Plaz, wo jeder gute charakter Gefahr läuft verdorben zu werden: – aber bei meinen festen Grundsäzzen darf ich es kühn wagen. Der anblick so vieler Ausschweifungen wird mich noch mehr zum Denken leiten; und Denken ist der sicherste Weg zur dauerhaften Rechtschaffenheit. Täglich erwarte ich die Erlaubnis meines Oheims zu diesem Schritte. – Er ist ein Mann ohne Vorurteil, und so schwer es ihm auch ankömmt, so wird er es doch bei diesen dringenden Umständen zugeben. – Auch dein Gutdünken erwartet

Deine besste Amalie.

CXIV. Brief

An Amalie

Gott im Himmel! – was ist das? – Du auf die Bühne? – Du aus Not an einen Plaz hingestellt, wo jeder Weichling seinen wollüstigen Scherz an Dir kühlen wird! – O, das hat mich ganz zu Boden geschlagen! – Ich verwünschte im ersten augenblick dein und mein schicksal! – Ich war untröstlich, weil ich die bittern Folgen zum voraus sah, die Du wirst dulden müssen. – Nicht Vorurteil gegen den Stand, aber gegen die, die ihn zum Dekmantel brauchen, ist es, was mich darwider eifern macht. Gott! – was wirst Du da alles ertragen müssen! – Neid, Verfolgung, Unterdrükkung und alle erdenkliche Mishandlungen werden dein los sein. Dein Herz wird zwar nichts dabei verlieren; Du kennst die Welt zu viel, um Reize an ihr zu finden. Aber bedenke einmal die schröklichen Kabalen, die oft unter dem Publikum herrschen, wenn eine Schauspielerin sich nicht jedem Wollüstling Preis gibt, – und dann die schlechten ökonomischen Umstände, in denen sich die meisten Schauspielerinnen durch ihre schlechten Besoldungen bei herumirrenden Gesellschaften befinden. – Sie erhalten ja kaum so viel, um sich ernähren zu können; – und wo bleibt denn der Puz, den sie bestreiten müssen? – Gehört da nicht ein fester charakter dazu, um sich über das alles wegsezzen zu können? – O Amalie! – Amalie! – Bedenke es wohl! – Könnte ich Dich an meinen Busen zurückrufen! Wäre ich unabhängig, wie bald solltest Du bei mir sein! – Ist Dir mit einer kleinen hülfe gedient, so will ich Dir mein Spielgeld schikken. – grosser, gütiger Gott! warum bin ich jetzt noch nicht die Gattin meines Karls! –

Wenn es doch nicht anders sein kann, so waffne Dich mit Standhaftigkeit; sei munter, und betrette die Bühne mit einem edlen Selbstgefühl; damit Du Dich auszeichnest