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Waare durch ihre unverschämte Zudringlichkeit verstimmt hätten. Dieses Ungeziefer trieb zuvor allerhand ausgelassenes Gespötte, sobald es mich aber über der Schwelle erblikte, so musste ihm der Namen Gottes zum Mittel dienen, um durch Bettelei meine Ungeduld zu reizen. –

Der italienische Pöbel ist äusserst eigennüzzig; ums Geld ist er zu jeder Niederträchtigkeit fähig. – Die Armut mag wohl die stärkste Triebfeder dazu sein; denn mich dünkt, es sind in diesem land zu wenig gute Anstalten, um dem Hunger vorzubeugen. – Unter dergleichen und mehr Gedanken kam ich mit Gretchen zu dem Postwagen. – Keine andere Seele sass darinne, ich hatte bis Verona Musse genug meinen Grillen nachzuhängen. – Der alte Kaufmann war von meiner Ankunft unterrichtet, und empfieng mich sehr artig. – Ich bat ihn, mich in die sogenannte Recca zu begleiten. Ein grosses Tor führte uns an den Ort, wo die Alten ehedessen ihre öffentlichen Tierhezzen hielten. Der anblick dieses grossen runden Plazzes durchschauderte meine Seele! – Lebhaft zeigte mir da meine Einbildungskraft die von Christenblut gefärbte Erde! (Denn man sagt, dass hier die Christen mit den wilden Tieren kämpfen mussten.) Mitten darin ist ein tiefer Brunnen, und rings umher sind stufenweise gebaute Mauern, worauf die Zuschauer sassen, und deren Gewölber die tiefsten Kerker in sich schliessen. Ich wagte es mit einem blick diese fürchterlichen Gefängnisse zu übersehen. – Aber Entsezzen überfiel mich bei dem Andenken jener Unglücklichen, die vorzeiten als Märtirer da büssen mussten! – Von da gingen wir auf die Akademie, die bei ihrem kleinen Umfange doch sehr artige Altertümer entält. Am Ende sah ich dann in einem Bürgershause ein prächtiges Naturalien-Kabinet, dessen Sammlung ausnehmend schön, und wie mich dünkt, so ziemlich vollständig ist. – Da es aber anfängt spät zu werden, so muss ich wohl meine Reisebeschreibung für heute beschliessen. –

Am folgenden Tage.

Diesmal war der Postwagen dicht angefüllt. – Einige Kaufleute, eine italienische Dame, nebst einem barmherzigen Bruder aus M.... waren meine Gesellschafter. Die Dame war jung, schön und feurig, schien aber nicht in den bessten ökonomischen Umständen zu sein. – Sie sass an meiner Seite und schmiegte sich nahe an mich hin. – Die muss eine grosse Liebhaberin von deutschen Milchbärten sein: fiel mir dabei ein, und ich lies sie bei ihrer Täuschung. – Einige aus der Gesellschaft errieten unerachtet meiner Verkleidung bald mein Geschlecht; nur die Dame und der barmherzige Bruder schienen mich für einen Jüngling zu halten. – So oft wir ausstiegen, hieng mir das Weib am arme. – In jedem Gastause fing ich an mit den Aufwärterinnen zu schäkkern, um der Verlegenheit zu entgehen, in die mich ihre Zudringlichkeit sezte. Aber auf einmal überhäufte mich die eifersüchtige Italienerin mit Vorwürfen.

Sie sprach: Wenn alle deutschen so grob sind, gemeine Dirnen Damen von stand vorzuziehen, dann wünsche ich mir lieber einen italienischen Handwerkspurschen an die Seite! –

Ich

Madame! – Meinen Sie mich? –

Dame

Wen sonst, als Sie? – Sie zeigen sehr wenig Erziehung. –

Ich

Madame! – Ich bin frei geboren, philosophisch erzogen, und halte nur dasjenige für grob, wozu keine Zudringlichkeit uns zwingt; da ich nicht das Glück habe mit Ihnen in einiger Verbindung zu stehen, so kann ich auch leicht der Ehre entbehren, der Vorgänger eines italienischen Handwerkspurschen zu werden. –

Dame

Höflichkeit steht aber einer jeden Nazion gut; Sie sollten sich schämen, das für Zudringlichkeit zu halten, was vielleicht ein anderer für sein grösstes Glück schäzzen würde. –

Ich

Was Andere tun, geht mich nichts an; auch hat das Glück bei Frauenzimmern gar verschiedene Farben. Uebrigens glaube ich gerne, dass Madame Verdienste besizzen, die meine blöden Einsichten überwägen. – Schieben Sie mein Betragen auf die Kälte meines Temperaments, das den meisten deutschen angeboren ist. – – Was? den deutschen angeboren? – schrie ein junger Gek aus vollem Halse aus einer Ekke der stube hervor, und lies dabei auf die Dame einen feurigen blick schiessen. – Da irren Sie sich sehr, mein Herr! – Es gibt Teutsche, denen es nicht am Feuer fehlt. – – – Dreissig, vierzig, fünfzig, sechszig Zekini und meiner Margret einen Unterrok, wenn wir des Handels einig werden wollen! – So träumte jetzt ein schlafender Kaufmann. – Ein allgemeines Gelächter unterbrach nun unsern Streit, und die Dame kneipte mich zum Zeichen der Aussöhnung in die Bakke. Sie schien mein Feuer durchaus nicht bezweifeln zu wollen. – Die Neigung dieses Weibes fing an mir zur Last zu werden; ich zitterte vor ihrer Rache, und hatte doch nicht den Mut ihr mein Geschlecht zu entdekken; ich dachte hin und her, wie ich mich, ohne öffentliches aufsehen zu erregen, aus der Schlinge ziehen möchte, als sich auf einmal jener junge Gek, der zuvor das teutsche Feuer verteidigt hatte, zu ihr hinschlich, und ihr etwas ins Ohr flüsterte. Es muss meine Verkleidung betroffen haben, denn sie warf mir einen grimmigen blick zu, und eilte an seinem Arm schnell in ein Seitenzimmer. In wie weit sie da ihren Streit über die Kälte des deutschen Temperaments entschieden haben, kann ich nun nicht mehr erfahren, denn ich nehme Extrapost, schikke mein Gretchen seitwärts, und eile zu Dir. – Du erhältst diesen Brief noch ehe ich ankomme. Lebe indessen wohl, meine Teuerste, und liebe

Deine Amalie.

CXII. Brief

An Fanny

Teure Herzens-Freundin