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eine so unumschränkte Gewalt über das menschliche Herz, dass es den grössten Philosophen nicht immer gelingt ihr zu entgehen. – Mein Karl und ich sizzen oft ganze Stunden beisammen und plaudern von Dir. – Er ist im Umgang ein allerliebster Junge, hat Kopf, Herz und vieles Gefühl. Möchten doch unsere Glücksumstände eine bessere Wendung nehmenum Dich deinem ungewissen Schiksale entreissen zu können! – Du wirst doch nicht vorbeireisen, ohne bei uns einzukehren? – Aber bringe uns dein Gretchen nicht mit, sie taugt nicht unter uns. – Schaffe sie Dir mit Anstand vom Halse, sie ist ein verdorbenes, elendes geschöpf. –

Du magst es bei deiner Ankunft entscheiden, ob ich es aufs Neue wagen darf, ein Band zu knüpfen, das Karl so leidenschaftlich wünscht! – Wenn er nur keine Stiefmutter hätte! – Wenn er nur schon mit mir am Altar stünde! – Wenn.... Ha! – Ich habe der Wenn noch so viele, die mir Kummer machen! – schreibe mir doch noch vor deiner Abreise, und sei meiner freundschaftlichen Liebe versichert, mit der ich immer sein werde

Deine traute Fanny.

CX. Brief

An Fanny

Ausgelacht, schöne Philosophin! Ausgelacht! – Endlich hat Herr Amor auch wieder einmal sein Spiel mit Dir! Ei, Ei! – so etwas hätte ich mir doch nie träumen lassen! – Glück zu, Fanny! – Ich wünsche Dir mit deinem Karl allen Segen des himmels, aber auch ein Bischen Eifersucht dazu, wenn ich bei Dir eintreffe, und deinen Karl mit gewissen Augen betrachte, die seine hochgepriesene Standhaftigkeit in Versuchung führen sollen. –

Was meinst Du wohl, darf ich es wagen? – Wirst Du Philosophin genug sein, um eine junge witwe nicht zu fürchten, die bloss den siebenden Tag in der Woche in ihrer Gewalt hat, um in Gesellschaft nicht den Kopf zu hängen; die sich über die geringste Kleinigkeit mit ihrer zügellosen Einbildungskraft ganze Täge langen Kummer schafft; die manchmal alles flieht, was menschliche Töne von sich gibt, sich menschenfeindlich in ihr Zimmer verschliesst und der Schwermut nachhängt? – Dünkt Dir so ein Weibchen nicht gefährlich? – Sei nur ruhig! ich habe zu viel mit mir selbst zu schaffen, um Andere stören zu können. –

Lustrini trägt für mich starke leidenschaft im Busen, das merke ich täglich mehr. – Als ich ihm meine Abreise ankündigte, änderte sich seine Gesichtsfarbe; der gute Junge dauert mich! – Aber kann ich mein schicksal ändern? – Darf ich darin meinem Oheim widersprechen der es so gut mit mir meint? – Der arme Junge suchte mich auf alle nur mögliche Weise zu bereden, in Venedig zu bleiben; er wollte so gar an meinen Oheim selbst schreiben; bis ich ihm die Unmöglichkeit seines Wunsches durch Gründe bewies; dann verlies er mein Zimmer in tiefster Traurigkeit. –

Der gute Junge hat das Unglück, eine sehr wankende Gesundheit zu besizzen. – Verschiedene Schiksale und ein fühlbares Herz sind die Ursachen davon. – Dass doch die bessten Menschen auf dieser Welt so sehr leiden müssen! – Dass sie austrinken müssen bis auf den lezten bittern Tropfen den Becher des Schiksals! –

Morgen, meine Teuerste, reise ich von hier ab. – Ich kehre über Padua zurück, und schikke dann mein Mädchen seitwärts über K.... nach ihrer Vaterstadt, aus der ich sie zwar nicht mitnahm; demungeachtet will ich ihr die Wohltat erweisen, und sie frei dahin zurückliefern; dann mag sie zusehen, was aus ihr wird! – Behalten kann ich sie nicht mehr. –

Noch eins! Ich mache für diesmal meine ganze Reise in Mannskleidern aus Bequemlichkeit und aus Eigensinn. – Bald erhältst Du wieder eine Reisebeschreibung von deiner bessten

Amalie.

CXI. Brief

An Fanny

Teuerste! –

Wenn mir doch nur der Himmel kein so weiches Herz gegeben hätte! denn es ist die Quelle unendlicher Leiden. –

Lustrini weinte wie ein Kind beim Abschiedeich weinte ganz natürlich auch mit! – Gott segne den braven Dulder, der glücklicher zu sein verdiente, als er ist! – Traurig schlich er vom Ufer hinweg, als meine Gondel seinen Blikken entfloh. – Ich kann meinem damaligen Zustand noch keinen Namen geben. Ohnehin zur Schwermut geneigt, kränkten mich die Leiden des Hinterlassenen bis zur tiefsten Melankolie! – Warum musste ich denn die lezten Tage meines Aufentalts noch diese gute Seele kennen lernen? – Ohne ihn würde ich Venedig gleichgültig verlassen haben; – und durch ihn wird mir doch das Andenken an diese Stadt teuer. – Bald wird er mir schreiben, ich werde ihm mit Vergnügen antworten. Dies ist doch alles, was ich in dieser Lage für ihn tun kann! –

Unter solchen finstern Phantasieen langte ich in Padua an. Aus Zerstreuung eilte ich ins Schauspiel, und fand es eben so schlecht bestellt, als in Venedig. – Da der Wagen erst des andern Morgens spät abfuhr, so trieb mich die Langeweile in die Kirche des heiligen Antonius. Das Gebäude ist majestätisch schön, gross, aber etwas düster. – Das Grabmal des ebengemeldten Heiligen bietet sich dem Auge dar, sobald man eintritt. – Meine Kenntnisse in der Baukunst sind zu gering, um dessen Wert beurteilen zu können. – Die heilige Stille, die in dieser Kirche herrschte, riss mich zur andächtigsten Empfindung hin! – Ich würde sie mit einer tief gefühlten Seelenruhe verlassen haben, wenn mich nicht an der Kirchentüre die Bettelweiber, Kupplerinnen und andere lüderliche