abwesend schäzzen? – Ich glaube nicht, dass Herz, Vernunft und Wiz Sie an meiner Seite so zufrieden stellen könnten, als es meine weibliche Eitelkeit verlangen würde, wenn Sie mir auch gleichwohl zuvor Ihr Wort gegeben hätten, an meiner Seite ganz auf mein Gesicht zu vergessen. Mein Gefühl würde dann von Ihnen Nachsicht fodern, und das Ihrige mir Sie gerne gewähren, wenn... ja, wenn Ihre andern Sinnen sich nicht so mächtig gegen diese Nachsicht sträubten. Wissen Sie nicht, dass das Auge sehr stark auf die übrigen Sinnen wirkt? – Es kann freilich beim Philosophen durch die Einbildungskraft viel nach seinen Wünschen geleitet werden; – wenn aber die Einbildungskraft gar nichts in einem entstellten gesicht findet, woran sie sich halten kann, dann muss sie nebst dem Auge bis zum Ekkel scheitern. – Opfern Sie Ihren Kummer der Klugheit auf, ich will den meinigen der Vorsichtigkeit opfern; und so werden wir immer bei aller Entfernung die bessten Freunde bleiben. –"
Amalie von ***.
Madame!
"Kann man wohl ein grillenhafteres Frauenzimmer finden, als Sie sind? – So bald Sie mir den charakter eines ehrlichen Mannes zutrauen, so muss die Furcht, betrogen zu werden, bei Ihnen auch wegfallen. – Ich Tor, habe Sie meine Liebe schon zu viel merken lassen, um nicht tirannisirt zu werden! – Sie befriedigen mit Herzenslust ihre unersättliche Eitelkeit an meinem Gram! – Alle meine Gründe werden auf Worte geschraubt und fein abgewiesen. – Immer geben Sie die Hässlichkeit Ihres Gesichtes vor, wenn ich Sie gleich immer mit Wärme versicherte, dass mein Herz diesem unerachtet schon so leidenschaftlich an Ihnen hängt! – sucht; es liegt in der weiblichen natur, Unschuldige aus Eigensinn zu kränken! – Noch einmal beteure ich Ihnen, dass, wenn Sie auch bis zum Abscheu hässlich wären, so würde mich doch Ehre zurückhalten, Sie nur mit einem Schatten zu beleidigen! – Ihr Mistrauen kränkt meine Seele, und doch sehnt sie sich noch mitten unter dem Schmerz nach Ihrem Umgange! – Sie zertretten bei Gott ein Herz, dessen Wert Sie nicht einmal kennen! – Schäzte ich Ihren charakter nicht so unendlich hoch, bald würde ich vermuten, dass kokettische Kunstgriffe Sie so hart machten. – Gott! – was fuhr mir da über die Zunge! – Verzeihen Sie es einem Gepeinigten, der wie verloren herumirrt! –"
G. Lustrini.
Nun hatte ich Zeit einzulenken; der junge Herr fing an trozzig zu werden; und da es mir doch in etwas um seine Beruhigung zu tun war, so schrieb ich ihm folgendes Briefchen:
Mein Herr! –
"Um Ihre achtung nicht zu verlieren, die Sie mir schenkten, muss ich wohl ihrem Troz nachgeben. So schwer es mich auch ankömmt, mein Gesicht Ihrer Entscheidung darzustellen. – Bringen Sie ja eine starhaben möge, mein Geschik zu beklagen. – Und nun leben Sie wohl, bis ich Ihnen mündlich sagen kann, mit welcher achtung ich bin
Ihre Ergebenste
Amalie von ***.
Kaum erhielt er diese wenige Zeilen, so eilte er zu mir, mit der völligen Gewisheit, die hässlichste Gestalt auf Gottes Erdboden zu finden! – Noch sehe ich ihn an meiner Zimmertür staunen über ein Gesicht, das eben nicht schön, aber doch auch nicht hässlich ist. –
"Und Sie konnten mich so auf die probe stellen? – So konnten Sie mich hintergehen?"– rief er mir entgegen.
Ich musste laut lachen, unterhielt ihn aber dafür mit einer guten Laune, die ihn hinlänglich für meine Schäkkerei zu entschädigen schien. – Innigste Zufriedenheit lächelte auf seinem gesicht; – und doch war er so bescheiden, seinen ersten Besuch abzukürzen. – Aber ich, meine Fanny! ich muss wohl diesen Brief auch abkürzen, sonst wird er zu lange.
Deine Amalie.
CIX. Brief
An Amalie
Innigen Dank dem Allmächtigen, dass er Dir durch deines Mannes Tod wieder die vorige Freiheit schenkte! –
Richte Dich auf, meine Liebe, vielleicht ruhest Du bald wieder an dem Busen eines bessern Gatten! – Kümmere Dich nicht zu viel über die Zukunft, es schwächt deine Seelenkräfte! –
Du wirst zwar in der grossen Welt nie die sanfte Ruhe finden, deren Du bedarfst. – Sie ist für Herzen von unserm Schlage nicht gemacht. – Redlichkeit und Tugend trägt da die Larve der Verstellung, deren wir unfähig sind! – Dass Du aber, meine Teuerste, keiner Mannsperson mehr trauen willst, ist eine Lüge, die Dir bloss deine Schwermut in düstern Stunden eingiebt. – Vielleicht hat Lustrini jetzt schon dein Herz in Versuchung geführt! – Du hast den guten Jungen doch äusserst gemartert. – Er wird sich schon rächen, wenn es ihm gelingt deine Neigung zu reizen. – Handle ja aufrichtig gegen mich über diesen Punkt, wenn Du mir wieder schreibst. – Um Dir mit gutem Beispiel vorzugehen, sollst Du jetzt offenherzig etwas von meinem Karl zu hören bekommen. –
Ja, ja, Amalie! – von meinem Karl, von dem ich Dir noch kein Wort schrieb. – Schon seit langer Zeit hielt er die grössten Prüfungen der Standhaftigkeit aus. – So sehr mir auch das Andenken betrogener Liebe noch im kopf schwirrte, so konnte ich doch dem guten Jungen nicht länger widerstehen. Er liebt mich mit einem Feuer, das einst meine Glückseligkeit ausmachen wird, weil es ihm gelang, die Wunden ganz zu heilen, die mir ein Treuloser schlug. –
Liebe hat troz der kältesten Vernunft