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XVIII. Brief

An Amalie

Nicht wahr, meine Besste, meine Kleinmut, die Du in meinem lezten Briefe magst bemerkt haben, war Ursache, dass Du mir so lange nicht schriebst? – Vergieb mir, ich bitte Dich! – Es war Liebe zu Dir, die mir auf einmal das Herz brach und mich zur armseligsten Philosophin machte. Es gibt gewisse augenblicke wo man fühlt, dass man Mensch ist, und keine Moral ist in einem solchen Zeitpunkte kräftig genug, unserm Kummer Schranken zu sezzen. Du hieltest mich immer für flegmatisch; aber nicht Flegma war es, sondern eine Art von Philosophie, die ich mir frühe schon eigen machte, um etwas ruhiger die Leiden der Menschheit zu durchwandern. – Doch auch im Auge eines Philosophen steht eine mitleidige Träne reizend. – Und nun, meine Liebe, bist Du also in deinem Vaterland? – Fürwahr deine Reise war ziemlich mönchenmässig. – Nicht wahr, Freundin, wie künstlich das schicksal uns auch an Unbequemlichkeiten zu gewöhnen weis? Hätte Dich deine Mutter in der Erziehung verzärtelt, so würdest Du nicht mit solchem Mut eine Reise vollendet haben, die Dir Ehre macht. Man kann vieles Elend ertragen, wenn es nur nicht durch Lästerzungen verbittert wird. – Einem Menschen von guter Geburt und Erziehung ist die Erniedrigung mehr Qual, als dem Bettler, weil er nie was anders als Bettler war und noch ist. – Aber was, meine Teuerste, was sagst Du? – Deine Base ist auf Dich eifersüchtig? Mein Gott! – Welcher Unsinn! – Ein Mädchen, die nicht die geringste Spur von Ausschweifung an sich blikken lässt; wie kann man die mit Argwohn kränken? – Uebrigens, meine Liebe, hast Du überlegung genug, die Gefälligkeiten deines Vetters zu untersuchen, findest Du sie anstössig, so giebts ja Mittel und Wege, seinen Lüsten zu entgehen. Jedes Mädchen muss so viel Vernunft besizzen, um den Männern Ehrfurcht einzuflössen; wollen sie nicht nachgeben, je nun, so straft man ihre Verwegenheit durch eine tüchtige Satire! – Die Männer sind nun einmal zum Angriffe bestimmt und gewöhnt, und oft kommt es auf uns Mädchen an, sie durch Delikatesse zu gewinnen. – gibt ein solcher stürmischer Ritter nicht nach; dann verdient er weiter nichts als einen troknen Verweis. – Das, liebe Freundin, ist mein angenommenes Sistem und meine unmassgebliche Meinung in Ansehung der Herren Männer. Und ich denke immer, die Angriffe von Seiten der Männer würden seltener sein, wenn die meisten Mädchen mehr Denkkraft über diesen Punkt im kopf trügen. – Nun noch eins, meine Traute; ich bin recht zufrieden über den guten Fortgang deiner Geschäfte; gieb mir bald nähere Nachrichten von ihrem Ausgang und sei indessen der Redlichkeit deiner Fanny gewiss.

XIX. Brief

An Fanny

O, meine Besste! – Ich bin ganz ausser mir! Mein hirnloser nervenstumpfer Vormund jagt mir täglich mehr Galle ins Blut. – Unter seiner schwarzen, zerzaussten Perrükke stekt eine grosse Portion Spizbüberei verborgen. – Du kannst Dir leicht vorstellen, dass dieser Mann uns arme Kinder gewissenlos einem schändlichen Eigennuz aufopfert. Er entwandte uns einige Kleinodien von grossem Werte, und ich armes Mädchen konnte ihm diese Dieberei nicht beweisen, ob ich sie gleichwohl sichtbarlich entdekte. Aber, so wahr Gott lebt! – Er soll es mir gewiss unter vier Augen zu verstehen bekommen, wie klar ich seine betrügerische Larve durchsah! – Und nun, meine Teuerste, zu etwas anderm: Du erinnerst Dich doch noch jener eifersüchtigen Base, wovon ich Dir schon einmal schrieb? – Das Weib wird immer wütender, und bald macht sie mir es zu bunt! – Du lieber, gütiger Himmel! – Was diese Kreatur für Bosheiten in sich trägt. – Sie macht selbst Seitensprünge und sucht sorgfältig die Laster in ihrem mann auf, um die ihrigen damit zu vermänteln. – Jeder Bissen Brod, den ich in diesem haus geniesse, wird mir von ihr verbittert; sie ist ein gallsüchtiges Untier, nährt sich vom Mistrauen, und lauert dabei auf jeden meiner Schritte. Meine selige Mutter hat viele Wohltaten an sie verschwendet, und mich lohnt sie dafür mit Undank. Freundin! – Wenn es nicht mehrere gute Menschen in der Welt gibt, als ich bis jetzt kennen lernte, so ist ja die Welt ein Sammelplaz von Misgeburten, die sich an der sanften Mutter natur, versündigen. Möchte sich doch das eifersüchtige Fieber meiner Base von selbst heilen; durch mich soll es wenigstens nicht tödtlich werden; eher brech ich auf, und ziehe weiter. – Zu dem wird ihr Mann gegen mich immer dringender. Seine Sinnen scheinen ganz betäubt, aber die meinigen um desto wachender, und so hat es noch keine nahe Gefahr. Freilich ist das Gewinsel eines solchen Weichlings für mich ekkelhaft, wenn ich so einen Sklaven der Wollust um mich herum muss kriechen sehen. – Doch, Freundin, wundere Dich ja nicht über meine Kälte gegen so viele Versuche auf mein siedheisses Blut; halte sie nicht für Romanenstärke; sie ist die natürlichste Folge meiner noch unentwikkelten Empfindung. – Ich bin zu wenig noch mit dem Gebrauch der Sinnen bekannt, um nach dem lüstern zu sein, was mein sauberer Vetter mir wider meinen Willen abdringen will. – Mein Herz ist frei von leidenschaft und Interesse; das sind zwo gefährliche Klippen, woran so viele Mädchen scheitern. – Nicht, dass ich etwa ein Triumphlied über meine Entaltsamkeit anstimmen will; mich deucht, ich würde dadurch die Menschheit lästern, wenn