aus glühender Umarmung. O sie liebt mich, gross und edel! Erhabnes Wesen!
Ich befinde mich hier in einer Wasserwelt; die Fluten rauschen, und Ströme stürzen sich mit donnerndem Gebrüll von den Gebirgen: und doch ist mein Sinn nur wie im Taumel gegenwärtig. Das Wetter ist ausserordentlich lau und warm für die Jahrszeit; aller Schnee auf dem Apennin schmilzt. Die Nera ist mächtig angeschwollen, und der königliche Velino reisst sich wie eine Sündflut aus seinem See schräg übers Gebirg herab, setzt alle Gärten und Felder der Terner Schutte.
Rührend ist bei dem fürchterlichen Schauspiel, wie die hülflosen Menschen so gut und freundlich und gesellig gegeneinander bei der allgemeinen Not werden und jeder erkennt, wie wenig er für sich selbst vermag.
Im schmalen Tal, an der Nera, vor dem Einflusse des Velino, liegt ein Dörfchen von wenig Häusern, Torrosina, wie in einem kleinen Kessel. Nachdem ich die ganze Lage besehen hatte, so fand ich, dass die Terner weit weniger und fast nichts leiden würden, wenn man oben auf dem Gebirge den Velino dahin führte, dass er in die Felsenkluft, wo die Nera furchtsam hervorschleicht, sich mit seinem Tartar stürzte. Ausserdem gewännen sie noch das ganze breite Bett des Flusses an die zwei Miglien lang für ihre Waldung; und der senkelrechte Sturz selbst würde an Höhe und Schönheit seinesgleichen nicht in Europa haben, da er jetzt nur gemach schräg herabrauscht. Weil aber Grund und Boden den Torrosinern gehört, so müssten sie denselben ihnen abkaufen, welcher jedoch an und für sich keinen Wert hat, da er lauter Felsen ist, und den etwanigen zukünftigen Schaden zu ersetzen versprechen, der für sie entstehen könnte, wenn die Nera bei grossen Wassern vor der einbrechenden Gewalt des Velino sollte zurückgehalten werden.
Ich ging darauf in die Ratsversammlung von Terni und machte mein Gutachten als ein Werksverständiger bekannt. Alle, keiner ausgenommen, gaben dazu ihren Beifall; und dieser und jener sagte, dass er dies schon längst auch gedacht hätte. Und siehe da, man schickte kluge Redner zu den Torrosinern ab, und der gute Anschlag wurde mit wenig Kosten genehmigt.
Aus Furcht, dass es diesen gereuen möchte, will man sogleich Hand ans Werk legen und oben das kurze neue Bett ausgraben, welches ich diesen Morgen half abstecken.
Die Sache wegen Verlegung des Velinosturzes ist alt und wurde schon zu Ciceros zeiten verhandelt. Es scheint, die Torrosiner sind guterziger geworden, dass sie jetzt so bald nachgaben; oder der grosse Schaden und Jammer der Terner hat sie mehr als jemals ergriffen und zum Mitleiden bewogen, da ihr zukünftiger Verlust gegen dieser ihren doch nur äusserst klein sein kann und vergütet werden wird.
Perugia, Jenner.
Ich streiche durch alle die himmlischen Gegenden ohne rechten Genuss, und nur ergreift mich noch des Wasserelements Sturm und Aufruhr und die Luft mit ihren Gewittern und Wetterstrahlen.
Der Ort entält einen Schatz von Gemälden, und sie und die prächtig gepflasterten Strassen und schömaligen Wohlstand der Freiheit.
Für jetzt flüchtige Anzeige einiger Raffaele auf meinem Wege.
Foligno hat deren zwei, die allein wert sind, in dies Paradies zu reisen. Im Nonnenkloster delle Contezze ein Altarblatt, welches die Madonna vorstellt, vom Himmel herniederschwebend, wie sie der heilige Franziskus, Hieronymus, Johannes der Täufer und ein Kardinal anbeten. Es ist aus des Meisters bester Zeit. Welche Gestalten, welche Charakter! Wie ist alles so rein bis aufs Haar bestimmt! Echte klassische Arbeit.
Der Kopf der Madonna ist einer der schönsten welschen weiblichen Köpfe. Wie klar die Stirnen, wie reizend das lichte Kastanienhaar nach den Ohren weggelegt, der bräunliche Schleier wie sanft und lieblich, in den holden herniederblickenden Augen welche Güte! wie schön die grossen Augenlider, vollen jugendlichen Wangen mit Schamröte überzogen, wie jungfräulich, wie süss der völlige Mund, das zarte Kinn, und die Nase wie edel herein! welch ein schönes Oval und wie reizend auf der rechten Seite herum im Schatten gehalten! wie reizend schwellen die Brüste unter dem roten sittsamen Gewand hervor!
Welch eine feurige, eifrige Frömmigkeit und Wahrheit im kopf des Heiligen von Assisi und welch ein schöner kniender Akt! Wie kräftig der Kopf des heiligen Hieronymus gemalt und in welchem feierlichen Ernste von Betrachtung! Johannes ist ein echter wilder Eremit, der sich nicht auf bürgerliche Höflichkeiten versteht und dreust sagt, was er denkt. Der Kardinal bloss Porträt voll Bewunderung.
Der Engel unten mit dem Täfelchen ist trefflich gemalt, nur weiss man nicht, was er soll, weil man vergessen hat, es daraufzuschreiben.
Das Kolorit in den Köpfen ist täuschend abgewechselt, wie die natur tut. Die Figuren sind alle in Lebensgrösse und die Madonna noch darüber, um sie zur ersten person zu erheben. Sie ist am lebendigsten und wirft Glanz um sich wie Sonne. Unten ist freies Feld und ein Flecken, wo die Heiligen sich beisammen befinden, sie anrufen und anbeten und in Betrachtung verloren sind.
Im Dom eben hier am Ende des linken Kreuzgangs ein Halbbogen, worin Madonna mit dem kleinen Christus zur Linken und dem kleinen Johannes zur Rechten vor sich; zwei holde nackte Bübchen in schöner Bewegung. Hinter ihr zur Rechten der heilige Joseph und zur Linken der heilige Antonius und auf beiden Seiten neben ihr zwei Jungfrauen. Alle sind in kniender Stellung, ausser den Kindern. Die drei Weiber haben treffliche Gewänder; besonders ist das Mädchen zur Linken, von welchem man den blossen linken Fuss sieht, ganz wollusterregend und göttlich, so zeigt sich das Nackende und die