1787_Heinse_035_82.txt

bei Familien zu verhüten.21 Jeder Staat oder Gesetzgeber ergriff eine Partei der Ordnung wegen und liess andern Republiken und Selbstköpfen natürlicherweise ihre Freiheit, über das Weltall zu denken, was sie wollten, wenn sie nicht mit Fackel und Schwert seine Verfassung störten.

Bei den Griechen musst es einer sehr arg machen, wenn Richter und Volk Meinungen dagegen ahnden sollten. Was hat nur Aristophanes nicht für Witz über die Götter ausgegossen! Wir im heiligen Rom erschrecken noch nach Jahrtausenden über seinen Mutwillen, wenn wir uns einmal mit der Phantasie in dessen zeiten gedacht haben. Das Scherzen über die Bewohner des Olymp mochten die Griechen, scheint es, sehr wohl leiden; nur durfte sie einer nicht mit Stumpf und Stiel ausrotten wollen und als Schwärmer deren Bildsäulen zerschlagen, ohne ihnen dafür andre Freuden, andern Zeitvertreib zu gewähren. Jeder begriff an sich selbst, dass sich das Gefühl der Wahrheit und Falschheit nicht so ganz bändigen lässt, wenn man den Bürger nicht als blossen Sklaven haben will. Bürgerliche Ordnung soll nur Gewalttätigkeit hemmen, und nicht den freien Gebrauch der Seelenkräfte: sonst bleibt der Mensch nicht Mensch mehr und wird zum Tier der Herde, verliert seine eigentümliche Glückseligkeit und allen Wetteifer, wie wir in den tyrannischen Staaten sehen, wo die natur auch ihre geistigsten Gaben am reichlichsten ausspendet, in den Gefilden der Wahrheit und Schönheit nach Lust immer weiter zu schreiten und hienieden die höchsten Gipfel zu ersteigen, wo er Meer und Land überschaut.

Die mehrsten Streitigkeiten über Gott kommen davon her, dass Laien selten wissen, was sie wollen; und Philosophen meistens für den eingeführten Glauben, sei's unter Heiden, Juden, Christen, sich von ihm ein Ideal bilden, und ihn nicht annehmen und zu ergründen suchen, wie er in natur sich befindet; als ob er sich bei der Menge verächtlich machte, wenn er wäre, was er ist.

Anaxagoras unter den Griechen gab mit seinem Verstandwesen für die folgenden zeiten hauptsächlich dazu Anlass. Das System des Lehrers des Perikles und Euripides hat durch ihr sinnliches und glückliches Zeitalter geherrscht, trotz den schulwidrigen Behauptungen vielleicht grössrer Scheidekünstler, erhielt sich bis in die christlichen Jahrhunderte und herrscht gewissermassen trüb und dunkel wieder jetzt, obgleich die erste Quelle nun unbekannt geworden ist. Er stattete eine Weltseele, die alle Materie der Elemente durchdringt und über sie Gewalt hat, in dem in der Erde steckendsten Wurm und himmelhöchsten Adler dieselbe.22

Sokrates verwarf alles System, ahndete nur und betete an in heiligem Stillschweigen nach seinem tiefsten Forschen; verehrte übrigens die Gotteit nach den Landesgesetzen unter mancherlei Namen, ohne sie näher zu bestimmen, und riet seinen Freunden dasselbe.

Dem Plato, Aristoteles und andern Denkern aber war damit wenig gedient, und sie gingen so weit, als sie nur vermochten. Jener sprach über den allgemeinen Verstand in erhabnen Dichtungen; und der kühne Titan von Stagira belagerte regelmässig endlich nach den feinsten Erfindungen der scharfsinnigsten Taktik; und seine Anhänger behaupten, er sei in die innerste Festung eingedrungen. Darauf und daran muss der herrliche, der in so vielem andern an der Spitze der Menschheit stand, gewiss gewesen sein.

Plato schreibt noch am Ende seiner Tage den Gestirnen den höchsten Verstand zu. Anfangs bedacht er sich lang über die Sonne und konnte nur damit nicht ins reine kommen, wie wir lebten und so hell im geist sähen, wenn sie unterginge und es Nacht wäre.23 Dass alles Lebendige erfrieren, zu toten Klumpen erstarren müsste, wenn nichts von ihren Strahlen zurückbliebe, wird ihm wohl einmal im Winter die Bedenklichkeit gehoben haben. Vielleicht schloss er gar noch ferner, dass alles Licht und alles Feuer und alle Wärme auf unserm kleinen Erdboden bloss in Materie gefahrne Strahlen der Göttlichen und der Gestirne sind, die jene, von nichts gehemmt, durchdringen, regen, richten; woher alles einzelne Lebendige denn Bildung, Form und sein Recht hat; bis sie wieder von andern aufgenommen werden oder sich selbst absondern in Rückerinnerung der alten überschwenglichen Wonne; und dass die massen und Körper, die deren am mehrsten entalten, die lebendigsten sind. Wenigstens ist dies der Grundstoff zu seinem glänzenden teologischen System, worüber Julian noch abtrünnig wurde.

Überhaupt hielten die mehrsten alten Philosophen das Feuer für das Göttlichste in der natur."

"Die grossen Dichter dieser hohen zeiten für die Menschheit", fiel ich ein, "hatten um eine Stufe natürlichre Metaphysik und nahmen das Sinnlichre und Nähere. Sie meinten, wir schöpften die bewegende Kraft mit dem Atem, und sie sei in der Luft befindlich, und nannten sie Zeus, nach dem wörtlichen Sinn, wodurch sie lebten; und einige Philosophen schlugen sich zu ihrer Partei.

Sophokles sagt: 'Zeus, der alles fasst, in alles dringt, uns näher verwandt ist als Vater, Mutter, Bruder, Schwester.' Und an einem andern Orte: 'Welcher Menschen Übermut, o Zeus, hemmt deine Macht, die der uralte Schlaf nicht ergreift und die unermüdlichen Monden! Unalternd durch der Jahre Wechsel nimmst du Herrscher den strahlenden Glanz vom Olymp ein; dir ist der Augenblick, die Zukunft und Vergangenheit untertan.'

Und Euripides sagt geradezu: 'Siehst du über und um uns den unermesslichen Äter, der die Erde mit frischen Armen rund umfängt? Das ist Gott!'

Und Aristophanes, sein Antagonist, ruft ebenso aus: 'Unser Vater Äter, heiligster, aller Lebengeber!'

Und Pindar ging schon vorher noch weiter und singt stolz in lyrischer Begeisterung: 'Eins das Geschlecht der Menschen!