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mich umsah und die verkleinerten Leute auf den Strassen betrachtete, wurde ich den Demetri gewahr und rief ihm zu, heraufzukommen, welches er auch gleich tat.

Demetri ist ein wackrer Mann, viel Kern mit wenig Schale; der Mensch ist bei ihm recht durchgearbeitet und ins reine gebracht. Er herrscht in Rom über die Geister, mehr als irgendein andrer, geniesst hohe Glückseligkeit und ist der Leitammel von einer Menge jungen Leuten. Unter diesen hab ich nicht wenig gefunden voll Lebensmut und den grössten Fähigkeiten, genaue Bekanntschaft mit ihnen errichtet und unbeschreiblich Vergnügen in ihrem Umgange genossen. Wie jammert's mich, dass soviel herrliche Kraft wegen schlechter Regierungsverfassung ungenutzt versauren soll!

Im Neugriechischen bin ich bei ihm noch sehr gewachsen. Auch hat er mir manche dunkle Stelle der griechischen dramatischen Dichter, besonders in den Chören, ins klarste Licht gesetzt und meisterhaften Unterricht über den unendlichen Reiz ihrer Silbenmasse gegeben. Bei seinem Brotgeschäfte mit alten Handschriften sind ihm eine Menge bessrer Lesarten aufgestossen; und er könnte wie ein andrer Herkules die Aldinischen und Juntischen Ausgaben ausmisten, wenn ihm der Silbenkrieg am Herzen läge.

Überhaupt aber hält er Ruhm für ein notwendig Übel, wobei man leicht selbst zur Bildsäule auf dem Markte werden und sich endlich fast nicht mehr regen und bewegen könne. Wirken, frei und mächtig handeln nach Art seiner natur! Dies sei die allererste und ursprünglichste Glückseligkeit.

Der Kernmensch gebrauche Ruhm als Hülfstruppen und stosse den einen von sich, wenn es sein müsste, sobald er in eine andre Sphäre schreite.

Nur einen Fehler kenn ich an ihm, und dieser ist, dass er in dem heillosen Labyrinte der Metaphysik herumkreuzt. Du sollst hier in der Unterredung mit mir eine starke probe davon sehen, obgleich ihn noch nicht in seinem ganzen Wesen, weil er sich nach mir richten musste, der ich hierin bloss meiner eignen Vernunft folge, ohne mich mit andrer Hypotesen viel zu plagen. Wenn er mutwillig ist, spricht er keinen Tag wie den andern. Mich trieb er vorzüglich nur in dem angegebnen System herum und sagte zuweilen verwirrte hochtrabende Dinge, um auszuweichen oder vorzubereiten und zu sehen, was ich damit anfing. Wenig Auserwählten reicht er auf die letzt den Faden der Ariadne, den er andern, wegen der heiligen Inquisition, bedächtlich zu verbergen weiss, die ihm die einzige esoterische Philosophie vielleicht der alten Kirche bald mit langsamer Glut ausbraten würde; an dessen Sicherheit er aber selbst noch scheint zu zweifeln.

Vielleicht macht Dir eine und die andre komisch ernstafte Behauptung gerade das mehrste Vergnügen, da Du wohl weisst, dass man hier nur meinen kann, weil unsre Sinnen nicht bis dahin dringen.

"Jetzt ist wenig hier zu schauen", sprach er, wie er zu mir kam; "aber zu mancher andern Zeit möchte ich da gestanden haben!"

Wir setzten und legten uns bald in die Sonne, die das Dach angenehm erwärmt hatte, und sagten erst dieses und jenes über alte und neuere Architektur. Der Schluss war, dass der Zweck, der vom Plan und den grossen massen an bis aufs geringste einzelne und die Verzierungen aus allem rein hervorleuchte, die alten von den neuern Gebäuden unterscheide, wo oft blosse nachgeahmte Kunst und leere Schönheit sei, auch bei den besten, sonder Absicht und Nutzen. übrigens liessen wir doch dem Bramante, Antonio da San Gallo, Michelangelo, Palladio und den andern grossen Meistern ihr gebührend Lob völlig angedeihen und waren der Meinung, dass kein alter Architekt vielleicht einen heroischern Palast dem Cäsar als der Palast Farnese und einen lieblichern glänzendern der Kleopatra als der Palast von Cornaro zu Venedig würde haben erbauen können.

"Bei unsern Kirchen," fügte Demetri hinzu, "worauf wir das mehrste wenden, haben wir die reizende Mannigfaltigkeit nicht der Alten; Tempel des Jupiter, Apollo, Mars, Bacchus: Tempel der Juno, Pallas, Diana, Venus. Jeder machte ein eigen Ganzes in Plan, Verzierung und Ausschmückung und Gegend."

Die Meister sollten sich mehr nach den Heiligen richten, versetzt ich, denen die Kirchen geweiht werden. Der Papst, welcher die Rotunda hier allen Heiligen einweihte, so wie sie ehemals allen Göttern geweiht war, scheint so etwas im Sinn gehabt zu haben.

Es ist doch sonderbar, entfuhr mir hierbei, dass die Griechen, das aufgeheiterte Volk, sich mit den Fabeln über die Gotteit so ernstaft und zuweilen so abergläubisch grausam beschäftigen konnten, da sie, der vielen andern Weisen nicht zu gedenken, einen Anaxagoras hatten.

"Grausam", versetzt' er, "sind sie in Vergleichung mit uns zu ihren guten zeiten nur wenigemal gewesen. Und dann lassen sich Meinungen, wo nicht offenbare Widersprüche sind und das Gewisse tief verborgen steckt, nicht so leicht wegarbeiten. Es hält bei den ausgemachtesten Dingen schwer, den grossen Haufen unter einen Hut zu bringen, wenn er sich mit eingewurzelten Vorurteilen dagegen sträubt.

Mit den griechischen Gotteiten ging es gewissermassen wie mit vielen Wörtern in jeder Sprache; wir haben einen deutlichen oder dunkeln Sinn dabei, wissen aber ihren ersten Ursprung nicht und wo sie herstammen; und jene waren schon vor Mosen und den Propheten in der ägyptischen Zeittiefe, ehe noch ein Trismegist unter den Sterblichen die Buchstaben erfand. Homer hat damit seine Iliade ausgeziert, wie mit Edelsteinen, Gold und Perlen, und zuweilen lauter Schmuck gemacht, wie den Kampf des Skamander mit dem Vulkan.

Religion wurde, dünkt mich, in der bürgerlichen Gesellschaft zuerst bestimmt eingeführt, um den Streit über verschiedne Verehrung der Gotteit