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das Wetter gut ist, mag ich in keinem bleiben und will ins freie Feld. Alles muss auf Ungemach, Krankheit, Feindseligkeit und Bedürfnis von Zusammenkünften berechnet werden; dies bestimmt hernach ihre Vollkommenheit. Harmonie, Ebenmass, Übereinstimmung mit jedes Zweck macht dessen Schönheit, wenn man das, was nichts Lebendiges nachahmt, so nennen will;5 was sollen uns alle die überflüssigen, unbedeutenden Zieraten? Ein Gebäude ist ein Kleid, das Menschen und Tiere vor bösem Wetter schützt, und muss darnach beurteilt werden.

Geht man in die Wildheit zurück: so findet man Grotten und Waldung, und durchgerissne Felsen, um über Abgründe von Strömen zu gelangen. Dies hat zwar der sittliche Mensch zuerst nachgebildet, und noch jetzt sind die Spuren da unter tausend gemachten Bedürfnissen; wir ahmen die ursprünglichen Formen nach, von Fels und Baum in demselben Gebäude durchaus von Stein. Dieser ist inzwischen ungelenk, und wer ihn allzusehr zu leichtem Holze schnitzelt, besonders am Boden, wo er gerade vor Augen liegt, wird abgeschmackt und lächerlich. Holz hat seine natürliche Form in Stamm und Zweigen: woher die Säulen und zum teil die Gewölbe. Je weniger man von der natürlichen Form abnimmt: desto reiner ihre Schönheit; so übertrifft eine Säule immer einen Pilaster. Das meiste aber bezieht sich auf Zweck und hat mit Nachahmung der natur wenig zu schaffen. Die Schönheit der massen muss aus einem glücklichen geheimen Gefühl hervorkommen, das sich an der Harmonie der Teile des Menschen, des Grossen in der natur und überhaupt alles Lebendigen lange geweidet hat, und wieder mit einem solchen Sinn genossen werden. Hier lassen sich, was Erfindung betrifft, keine bestimmte Regeln geben; ein ganz anders ist, wenn man bloss nachahmt, was Griechen und Römern gefiel."

"Und dies bleibt wohl immer das Zuversichtlichste," fiel ich ein, "da sie ausgemacht die menschliche natur mehr durchgearbeitet und zur höchsten Vollkommenheit gebildet haben, die wir kennen."

"Wenn der Erdboden durchaus gleiches Klima hätte", versetzte er darauf, "wie die Gegenden, welche sie bewohnten; die Menschen überall dieselben Bedürfnisse, dieselben Sitten und Gebräuche, die gleiche idee von Glückseligkeit, dieselben Feste und Spiele! Und überhaupt will der Mensch Neues; er hat ohnedies zuviel vom Gesetz zu leiden, das er nicht abwerfen kann; warum von freien Stücken sich eins auf den Nacken legen, das ihm nicht gefällt?

Die Kunst wird, ausser dem Reichtum an schönen Formen und begebenheiten in der natur, schon geweckt im Menschen durch vortreffliche Mittel zur Darstellung. Die Obelisken, Pyramiden, Tempel in Ägypten hatten ihre Entstehung schon den Marmor–, Granit–, Porphyr- und Jaspisgebirgen am Roten Meer zu verdanken. Der leichteste Gegenstand in der natur reizte hernach; zum Beispiel zu Syene die Wendung der Sonne und die Anzahl der Tage im Jahr zu bestimmen. So gab der parische Marmor den Griechen gelegenheit, die menschlichen Formen nachzuahmen; so ihre Sprache zu verschiednen Silbenmassen und Gedichten. So werden wir von der unsrigen zum Gesange gelockt und zum Bauen vom Reichtum an Baumaterialien. Verschiedne Mittel, als Holz, Backstein und Marmor, veranlassen schon verschiedne Formen.

Ein Umstand allein verändert oft das Ganze. Bei den Griechen und Römern war ein Tempel meistens nur für einen ihrer vielen Götter; eine wohnung, für denselben abgepasst gewissermassen, wenn er vom Olymp hernieder in die Gegend kam, wie ein König aus seiner Residenz in ein Schloss einer seiner Provinzen.

Die Form desselben war also nicht gross; und die Säulen richteten sich nach der Proportion. Jeder Bürger opferte entweder einzeln; oder war allgemeines fest: so ging der Priester oder die Priesterin hinein, und das Volk stand innen und aussen herum. Gleiche Bewandtnis hat es bei ihren Orakelsprüchen.

Unsre Kirchen hingegen sind grosse Versammlungsplätze, wo oft die Einwohner einer ganzen Stadt stundenlang sich aufhalten sollen. Ein feierlicher gotischer Dom mit seinem freien ungeheuern raum, von vernünftigen Barbaren entworfen, wo die stimme des Priesters Donner wird und der Choral des volkes ein Meersturm, der den Vater des Weltalls preist und den kühnsten Ungläubigen erschüttert, indes der Tyrann der Musik, die Orgel, wie ein Orkan dareinrast und tiefe Fluten wälzt: wird immer das kleinliche Gemächt im Grossen, sei's nach dem niedlichsten Venustempel von dem geschmackvollsten Atenienser! bei einem Mann von unverfälschtem Sinn zuschanden machen.

Wir hätten dafür, deucht mich, eher ihre Teater zum Muster nehmen sollen, die natürlichste Form für eine grosse Menge, worin jede person ihren Posten wie in einer Republik, einer Demokratie einzunehmen scheint und ein herrliches Ganzes bildet. Und sind wir nicht gegen das Wesen der Wesen alle gleich? König und Bettler, Philosoph und Bäuerlein arme blinde Würmer, die nichts wissen, die hieher gesetzt sind wie verraten und verkauft, in Nacht und Nebel, wo wir vergebens die Köpfe in die Höhe strecken?

Ich habe hier und da in Klostergärten doch gefunden, wie sich die liebe natur auch in ihrer grössten Einfalt selbst regt. Der Bruder Redner sass unten zwischen alten schattigen Bäumen, und vor ihm hatten sie an einem Hügel in hohler Rundung Sitze mit Rasen nacheinander in der Höhe rückwärts angelegt; und so sassen sie übereinander und hörten zu: und oben an beiden Seiten schlossen das Andachtsörtchen wieder Bäume, wo der Wind die zarten Zweige bewegte und die Blätter flisterten, als ob Engel darinnen spielten, sich ihrer Frömmigkeit freuten.

In unsern Kirchen mit langem gleichplatten Boden kann man nicht einmal das Messamt gehörig verwalten; die hintersten