Wenn wir nicht durch einen wunderbaren Umlauf der Dinge irgendwo aus unserm unmündigen kindischen Wesen wieder zur reifen Menschheit gelangen und die Gymnasien der Griechen, ihre Spiele und Sitten vom neuen aufkommen, so wird die ehemalige Kunst auch verloren bleiben. Und dennoch hätten wir damit ihre Religion noch nicht, die fruchtbare Mutter der schönsten Gestalten.
Wenn wir wenigstens nur noch die Bekleidung der Alten hätten! Bei unsrer wirklichen sieht man meistens bloss den Schneider und wenig oder nichts von der eignen Art des Menschen, zu handeln und sich zu bewegen, und den Formen seines Gewächses; und alle Schönheit erliegt und versinkt unter den Falten und Wülsten oder wird im Gegenteil steif gepresst und geschnürt und mit eckichten hässlichen Lappen ohne Zweck behangen. Die Lage der Unterkleider, den Wurf der Mäntel und Togen können wir an den Bildsäulen der Alten noch weit weniger nachahmen als die Form der Glieder; denn uns fehlt dabei ganz die natur. Wir suchen uns zwar wie Amphibia mit eigen erfundner malerischer Tracht zu helfen; aber sie bleibt fast immer eine blosse Ziererei, ohne Reiz und wirkung für den, welcher natur und Wahrheit verlangt, und ist aller Täuschung zuwider.
Und obendrein noch sind die Künstler weit übler dran, wenn sie den gang der Alten einschlagen wollen, als die Philosophen, Redner, Dichter; diese haben immer das unermessliche Reich der natur und Sprache unter den Menschen vor sich, und Gesetz und Gewohnheit hemmt sie weit minder. Wenn einer auch an Vollkommenheit den Phidias oder Polyklet, Praxiteles, Lysipp, Zeuxis und Apelles erreichen könnte: was hat er vom nackten Menschen in der geschichte, der heutigen Fabel, unsrer Religion vorzustellen, das wahrscheinlich und natürlich, nicht erkünstelt und bloss erlernter fremder Kram wäre? Das Höchste ist eine allgemeine, ewig einerleie idealische Gestalt von Mann und Weib in jedem Alter ohne Zweck und Charakter.
Nehmen wir zum Beispiel unsern Heiland als den Hauptvorwurf zur Auszierung unsrer Tempel! Was hat der menschliche Körper mit dem Gott der Christen zu schaffen? Welche Schönheiten von Apollo, Merkur, anderm griechischen himmlischen Jüngling oder wirklichem Erdensohn soll man, technisch zu reden, dem ganz ausserordentlichen jungen Juden anbilden, ohne auf irgendeine Weise in Widerspruch zu geraten? Jede griechische Gotteit war nur ein Ideal einer besonderen Klasse menschlicher Vollkommenheit. Sein Bild ist lediglich ein Werk übernatürlichen Ausdrucks im gesicht, und neue Art übriger Schönheit findet hier nicht statt. Der Künstler macht vor den Leiden und ans Kreuz und beim Herunternehmen davon einen richtigen ordentlichen Leib, sonst hat die eigentliche Kunst da kein weiter Feld, höhere Formen aus der natur zu schöpfen.
An gewisse Teile und ihre Bestimmung darf man gar nicht denken, und wie sie bei andern Menschen nicht umsonst sind und wirken: geschweige, sie langsam mit dem Reiz der alten Künstler bilden. Seine Gestalt kann also nie ein vollkommen freies Ganzes, ein Werk der ersten Klasse werden.
Wollen wir in die griechische Fabel und geschichte übergehen und unsre Vorstellungen daraus hernehmen, so erhalten wir meistens nur einen verwirrten Nachklang, ein wahres Echo ohne Sinn, das nur einzelne Silben wiederholt. Wer ist ausserdem so frech eitel, dass er sich einbilden kann, einen bessern Apollo als den Vatikanischen, einen bessern Herkules als den Torso und Farnesischen, eine schönere Juno, Venus und so weiter zu erkünsteln als die Alten? Und wird es nicht ekelhaft, sie oder auch nur einzelne Formen davon immer und ewig zu kopieren, mit den angewiesnen Plätzen zu schänden? Steht nicht fast allemal der hohe strahlende Purpurlappen lächerlich und ärgerlich für den Erfahrnen in einem Harlekinsgewande?
Und doch tut es so weh, uns in unsre Armut und Dürftigkeit einzuschränken! Wir bauen gleichsam noch in den bildenden Künsten, wie zu Konstantins und den mittlern zeiten, setzen aus den zertrümmerten Tempeln und Palästen der zurückgewichnen Erdengötter die Säulen aller Ordnungen nebeneinander und führen ein neues Mauerwerk kindisch, verzerrt und unförmlich, ohne klare und dunkle idee, wie es werden will, darum her und darüber auf, im Schweiss und der Affenfreude unsers Angesichts.
Rom, Dezember.
Nacht ist doch die schönste Beruhigung von Geschäften, wo die Phantasie die freisten Flüge tut und der Mensch am mehrsten seiner selbst geniesst. So raste ich jetzt hier oben auf der Villa Medicis in meinem Zimmer. Rom schläft; der blaue unermessliche Äter schwebt darüber wie eine Henne über ihren Küchlein, und blinkend hell Gestirn erleuchtet selig die Gegenden. Alles ist still; nur plätschern angenehm die Springbrunnen: heilige Symbole des ewigen Lebens in der natur.
Mit der Einbildung überschau ich unter mir den alten Campus Martius in der lieblichen Dunkelheit; und mir fängt das Herz stärker an zu schlagen, und Feuer rinnt durch meine Adern. Hier balgt sich die römische Jugend auf grünem Rasen herum im Schatten hoher Platanusse und treibt ihre kriegerischen Spiele; dort schwimmen sie durch den schnellen tiefwirbelnden Tiberstrom, die Ufer hieben und drüben mit schönem Gesträuch bewachsen; und in der nahen Ferne lagern sich die Hügel von Monte Mario bis zu Pietro Montorio in majestätischem Kreise, wo der edlen Gefühl mit erhebenden Schauern die Geister von Brutussen, Camillen und Scipionen gegenwärtig erkennt. Hier steigt der Sonnenobelisk empor, dort die prächtiHallen, runden und hohen Mausoleen, feierlichen Tempel. Die Väter des volkes gehen auf und ab in den kühlen Hainen und pflegen Rat über den Erdboden. Nebenan prangen die schönen Gärten.
Ich habe heute wieder einen schönen Tag gehabt! Es ist ein unaufhörlich Vergnügen, in Rom zu sein; man findet immer Neues, was von der Gewalt und Herrlichkeit