Ross, das nie Zügel und Gebiss erfahren, mit flatternden Mähnen durch die Fluren schweift und mit üppiger Kraft über alle Hecken und Gräben setzt.
Sie lächelte über meine Verwunderung, milderte ihren feurigen kühnen Adlerblick, fasste mich zärtlich bei der Hand und fuhr fort:
"Wenn man mit euch Weisen spricht, so muss man wie Zeno und Plato reden und sich dem Höchsten nähern, sonst habt ihr nur Mitleiden mit uns Schwachen. Glaube nicht, dass mein Herz aus mir sprach; es waren nur Abstraktionen kalter Vernunft und leichte Flüge mutwilliger Phantasie, dich zu necken und zu warnen. O du bist mein Abgott, ich werde dich immer lieben, solange du mir getreu bleibst; und ich habe keine Furcht vor einem andern, solange du es sein wirst. Kennst du etwa einen, der so viel über mich vermöchte als du? so viel über mich vermocht hätte? Nur schweig und verbirg, und lass uns unsre Glückseligkeit im stillen geniessen; denn du siehst, ich bin von Feinden umringt, die mich und meine Güter zur Beute machen wollen."
Alles dies ist Schatten und nichts schier gegen das, was und wie sie es gesagt hat, mit einer Leichtfertigkeit, und einem Spiel von Mienen und Gebärden, und Pausen und fragen und Antworten und Errötungen und Wegwendungen des Gesichts, und als ob ihr manches nur entschlüpfte, dass ich mich schäme, es hingeschrieben zu haben. Doch mag der blosse Inhalt allein Deiner Moral, wenn Du noch die alte hast, genug zu schaffen geben; ich wenigstens bin mit meinem Latein am Ende und denke keine Spanne weiter mehr darüber hinaus, von den Wonnestrudeln des paradiesischen Lebens bei meiner Zauberin ergriffen und festgehalten.
Nach diesem sonderbaren Liebesgespräch ist noch sonderbarer, dass sie keiner Ausschweifungen beschuldigt wird und alle Abbati nichts wissen, die sich an ihr blind schauen. Sie hält sich eingezogen in ihrem Palast auf, wenn sie sich nicht auf ihren Landgütern befindet, und hat eine alte Base bei sich; und so führt sie die Wirtschaft mit ihren Kammerweibern und Bedienten. Sie weiss sich so von jedem Ehrerbietung und Gehorsam zu verschaffen, dass sie keines Mannes dazu bedarf und ihr alter Vormund, den sie noch erbt, gute Musse hat. Entweder ihr Vater oder ihre Mutter müssen ausserordentliche Menschen gewesen sein: sonst kann ich es nicht begreifen. Beide sind erst vor wenig Jahren nacheinander gestorben.
Etwas von dem Rätsel kann Dir noch das erste Gespräch aufschliessen, wodurch ich mit ihr bekannt wurde, welches wir zusammen in einer Gesellschaft hielten, wohin ich kurz nach meiner Ankunft den Kardinal begleitete. Es betraf die drei grossen Lichter der welschen Literatur, den Dante, Petrarca und Boccaccio. Von dem letzteren behauptete sie, dass er am mehrsten Mensch und der Klügste und, gegen die gewöhnliche Meinung, am mehrsten Dichter gewesen wäre. Aus seinen Novellen allein leuchte unendlich mehr Erfindungsgeist hervor als in den Werken der beiden andern, und dies bestimme doch hauptsächlich den Rang der Dichter. Vers und Reim sei nur Verzierung, wie Licht und Schatten bei der Malerei, und nicht das Wesentliche. Und auch in Charakter und Sprache dürfe man ihn den guten Klassikern an die Seite setzen.
Ich wandt ihr dagegen verschiednes ein und scherzte über ihre Verteidigung dieses gefährlichen weiblichen Moralisten. Sie zog sich mit unbeschreiblicher Anmut und leichtem Witz aus der Schlinge und beschloss, er habe die Sitten seiner Zeit geschildert, und es gehöre zur Vollkommenheit von Held und Heldin, alle Wege und Abwege eines Landes zu kennen; und es habe noch niemand zum Vorwurf gereicht, durch andrer Schaden klug zu werden. "Ich betrachte die Komödie des Dante", fügte sie ernstaft hinzu, "eigentlich nur als eine Satire über seine Feinde. übrigens war er ein Mann wie ein Fels, welches auch seine Gestalt zeigt, voll hohen Ehrgeizes. Der letztere hat ihn vermutlich zu seiner unverständlichen Teologie und Philosophie verleitet; er wollte über die berühmtesten Personen seines Zeitalters hervorragen. Wenn er Kraft genug gehabt hätte, die Modemänner zu verachten, und einen bessern Plan zu seinem Gedichte wählte als ein so gotisches Gewirr, so wär er vielleicht eine neue Art Homer für uns. Er hat Stärke, Feuer, tiefes Gefühl, Einbildung und männliche Würde. Die Schicksale nach seiner Verbannung liessen ihm nicht Ruhe und Heiterkeit genug.
Petrarca geht zuviel in der Luft; doch entzückt nicht selten lauter und rein sein himmlischer Geist, in guter Gesellschaft gebildet. Allein Boccaccio hat am mehrsten natur und war am mehrsten unter seinen Menschen: und hat deswegen auch am mehrsten gewirkt. Was an ihm zu tadeln ist, muss man billig auf Rechnung seines Zeitalters setzen."
Ich würde einen Mann wegen dieser Urteile nicht bewundert haben; aber sie bezauberten mich von so schönen Lippen aus zwei Perlenreihen Zähnen hervor. Was für innrer Gehalt gehörte nicht dazu, dieselben in Beisein eines Kardinals auszusprechen!
Es ist ein Glück für mich, dass ich sie so fand; mit ihr hätt ich die Torheit begehen können, zu heuraten und alle meine brennenden Begierden und Hoffnungen in ihrer Liebe dämpfen zu wollen. Bei den grundsätzen, die sie wenigstens auszudenken imstande war, wenn sie dieselben auch nicht ausüben sollte, würde mir dieses eine erspriessliche Ehe geworden sein! Inzwischen ist wieder wahr: mit Verstand kann man alles anfangen; sie würde es schon so gemacht haben, dass auf beiden Seiten nichts Böses erfolgt wäre. Jedoch nur der fernste Gedanke, in einen gewissen Orden hineinzugeraten, treibt mich auf und von dannen.