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noch nicht so klar und rein wie zum Exempel die Köpfe in der Verklärung. Die drei fliegenden Bübchen schweben reizend in schönen Umrissen.

In den Stanzen sind zwar einige Gemälde, die nicht zur Kirchengeschichte gehören, allein er musste die Personen darin doch dem Orte nach so fromm behandeln, dass sogar Vasari seinen Plato und Aristoteles in der Schule von Aten für die Apostel Petrus und Paulus ansah und ein andrer Unwissender dieselben mit dem heiligen Schein in Kupfer stach. Sein Parnass würde vermutlich in einem saal von Ariosts Gartenhause ein ander und besser Werk geworden sein.

Und wie sind die Zimmer alle an und für sich schon schlecht beleuchtet und angeordnet, mit Malerei überladen! Man sollte fast denken, der Halbgott habe den grössten teil seines Lebens mit seinen Schülern hier gefangen gesessen und einem teologischen Tyrannen zu gefallen alle Wände vollgepinselt, um ihn zur Erlösung zu bewegen.

Raffael hat durch diesen Druck äusserst wenig und vielleicht nichts gemacht, wo sein ganzes Wesen mit allen seinen Gefühlen und Neigungen und Erfahrungen ins Spiel gekommen wäre, wo die Sonne seines himmlischen Genius ganz auf einen Brennpunkt gezündet hätte.

Es ist zwar wahr, aus der freisten oder schlüpfrigsten Szene der Welt kann der Künstler eine Gestalt in das frömmste Gemälde übertragen; allein es geschieht doch allemal mit Zwang, der, anstatt dass eine Begebenheit aus der profanen geschichte oder Fabel die Phantasie erhöbe und begeisterte, die eigentlich lebendigen Züge verwirrt und verunstaltet, so dass sie ihre beste Kraft verlieren. Wie würden Raffaels Weiber, zum Exempel, dieselben Gestalten zu seinem Kindermorde, zu seinen vortrefflichen Sibyllen in der Kirche alla Pace, zu verschiednen seiner Madonnen noch andre wirkung in den Vorstellungen aus dem Leben einer Sophonisbe, Kleopatra, Cornelia, der geschichte des Coriolan hervorbringen?

Es bleibt ausgemacht: Das Element der grossen Geister ist die Freiheit; und wer sie unterstützen will, muss diese ihnen erst gewähren. Aller Zwang hemmt und drückt die natur, und sie kann ihre Schönheit nicht in vollem Reize zeigen. Deswegen die Atenienser unter ihrer Demokratie und Anarchie der höchste Gipfel der Menschheit.

Rom, November.

Ich freue mich, dass Du mit mir auf gleichen Lebenspfaden gehst und also leichter an meinen Schicksalen teilnehmen kannst; nur ist Deine Chiara von ganz andrer Art als meine Fiordimona; sie hat mich nicht so lange schmachten lassen, ihrer Macht und Herrlichkeit bewusst. Das hab ich noch nicht erfahren, in der Liebe so von einem weib überflogen zu werden. Ich habe Nebenbuhler, und vielleicht glückliche Nebenbuhler: nur schein ich der glücklichste zu sein; und dies fesselt mich an ihren Triumphwagen, worauf die stolze junge Römerin einherzieht wie ein alter Sylla nach den Siegen über die grössten Könige der Erden und die ersten Helden seines Vaterlandes. Und ich fühl es, ach ich fühl es, dass sie mich so ganz unund wie es mein Wesen in vollen Schlägen durchkreuzt, kann niemand fassen, als wer selbst in Feuer und Flammen unter einem solchen schrecklichen Gewitter gestanden hat.

Das erste Mal, als wir unsre Seelen vereinigten, geschah in der Nacht auf den Raub, zwischen Gebüsch und Gesträuch, unter den ewigen Lichtern des himmels, auf dem Gipfel des Monte Mario. O Gott, wie war ich da in Reiz versunken und verloren! Ach, wenn es ein Leben gibt, das so unaufhörlich fortdauert, in welcher Tiefe von Elend winden wir uns herum! Sie riss sich allzubald mit heissen Küssen los, damit ihre Abwesenheit vom Ball, den ein Prinz ihretwegen auf der Villa Melini gab, nicht bemerkt würde; und ich wandelte ausser mir, nicht mehr derselbe, noch lange zwischen den Bäumen herum, tat Freudensprünge wie ein Knabe und jauchzte vor unfassbarem Entzücken hinab in die Täler des Tiberstroms, dass alle Hügel widerhallten.

Du solltest sie sehen! Eine erhabne Gestalt, die das Auslesen hat; bei Lüsternheit sprödes Wesen. Ein froh und edel wollüstiger Gesicht gibt's nicht. Mit Adleraugen schaut sie umher und bezauberndem, doch nicht lockendem mund. Das stolze Gewächs ihres schlanken Leibes schwillt unterm Gewand so reizend hinab, dass man dieses vor Wut gleich wegreissen möchte; und die Brüste drängen sich heiss und üppig hervor wie aufgehende Frühlingssonnen. Wangen und Kinn sind in frischer Blüte und bilden das entzückendste Oval, woraus das Licht der Liebe glänzt. O wie die braunen Locken im Tanze bacchantisch wallten, der himmlische blick nach der Musik und Bewegung in Süssigkeit schwamm, die netten Beine in jugendlicher Kraft sich hoben, wie schnelle Blitze verschwanden und wiederkamen! Doch warum beginn ich ein unmögliches Unternehmen? Der geniesst das höchste Los des Daseins, den ihre zarten arme wie Reben umflechten; mehr hat kein König und kein Gott.

Ach, und sie ist mehr Wunder der natur noch am geist! eine Kreatur, worüber ich zum ersten Mal mit geheimen Ingrimm rase, dass sie so vortrefflich ist. 'O lass mich!' ruf ich zuweilen für mich in Verzweiflung aus; doch muss ich dem unbändigen zug folgen und unterliegen. Ich habe nie geglaubt, dass eine Dirne derart mich in Ketten und Banden legen würde, und tobe über mich selbst; aber niemand weiss, was ihm bevorsteht.

Ich will Dir gleich den falschen Wahn benehmen, der bei Dir aufsteigen wird. Sie ist reich, besitzt ein unmässiges Vermögen und hat weder Vater, Mutter noch Geschwister. Ihr Vater war der Sohn eines päpstlichen Neffen, und sie ist nun allein geblieben. Wie um sie geworben wird, kannst Du Dir leicht vorstellen; aber sie will