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mit dir verflechten! Du allein kannst bei allen Reizen der Schönheit meine Freundin sein; einen so hohen kräftigen Geist hab ich bei deinem Geschlechte noch nicht gefunden.

glaube indessen nicht, Benedikt, dass ich mich aus Musse und Langerweile verliebe; ich beschäftige mich gerade mit den ersten Werken der bildenden Kunst, der alten und der neuern: allein das Leben selbst triumphiert über alles und gewinnt im Gegenteil dadurch noch mehr Stärke.

Der Oktober ist hier wie Wetter aus dem Paradiese, jeder Tag heiter und fest schon an und für sich. Ich habe mich auf eine Woche in das Vatikan eingesperrt und genösse Götterlust, wenn mein Herz ruhiger wäre. Ich wohne oben im Belvedere bei dem mann, der die Antiken in seiner Verwahrung hat, und die Aussicht von meinem Zimmer ist bezaubernd. Rom liegt still da, wie ein friedlich Überbleibsel von der herrschaft der Welt; wie ein junger Spross steigt es hervor aus dem uralten hohlen Stamme der ehemals erhabnen ungeheuern Eiche. Voran grünt das fruchtbare lange und breite Tal, wodurch der Tiber strömt, zwischen reizenden Hügeln, die schöne Villen bekränzen; und in grauem Duft und blauer Ferne lagern sich die Gebirge von Sabina, Tivoli und Frascati majestätisch herum. Man sieht so den Aufentalt von süssen Geschöpfen vor sich, mit denen man auf allen Seiten, da und dort in die Höhen, um allein zu sein, hinaus flüchten könnte.

Die Nachwelt hat die grössten Meisterstücke der Malerei dem wilden und kühnen Papst Julius zu verdanken; und es ist ein seltnes Glück, dass der Heftige einen so scharfen und sichern blick für das Wesentliche hatte und sich durch kein Gepränge oder Höflingsgeschwätz täuschen und irreführen liess. Er erkannte das wahre Talent und verachtete dagegen allen Modekram. Die berühmtesten Künstler damaliger Zeit hatten schon in den Stanzen die Wände mit allerlei Larven bemalt, woran vielleicht nach ihren Regeln nichts auszusetzen war, als Bramante den Raffael von siebzehn Jahren herbeibrachte, dass auch er in einem Zimmer sich versuchen möchte. Die alten Meister lächelten höhnisch und spotteten unter sich über die Unerfahrenheit des Knaben. Der hohe Jüngling liess sich nicht stören und entwarf in seiner Phantasie, dem Schauplatz angemessen, vier Bilder: von der Teologie, der Philosophie, Poesie und Gerechtigkeit, und legte gleich im ersten Feuer Hand an die Teologie.

Die Philosophie war noch nicht ganz vollendet, als Julius von der Wahrheit und dem Reiz der Gemälde so entzückt wurde, dass er auf der Stelle befahl, alles, was die andern gemacht hatten, wieder herunterzuschlagen: dieser junge Mensch sollte die Zimmer allein ausmalen. Die alten Herrn schrien über Tyrannei und Unverstand, aber Welt und Nachwelt hat diesen harten Ausspruch gerechtfertigt.

Ein solcher Schutz der Kunst macht Ehre, und keine Millionen, die man an Stümper und ein buntes Gemisch von Kunstsachen verschwendet, indes der eigentliche Mann bei seiner Bescheidenheit entweder verborgen bleibt und darbt oder doch nur als ein gewöhnlicher Taglöhner sein Stück Arbeit nebenher durch irgendeines Vernünftigen Empfehlung von ungefähr bekömmt.

Die Teologie ist ein geistig Bild der Religion; die vornehmsten Personen des Alten und Neuen Testaments sind hier beisammen, jede nach ihrem Charakter. Das Ganze stellt gleichsam die christliche Kirche vor im Werden.

Gott der Vater schwebt obenan als Architekt mit freundlichem Ernste, dass alles so ist, wie er's haben wollte. Christus ruht selig auf einem Wolkentron in der Glorie der Ausführung, die Mutter voll Zärtlichkeit neben ihm. Patriarchen, Jünger und Apostel umgeben ihn als ihren Mittelpunkt, auf Wolken von Engeln getragen. Und unten auf dem Erdboden handeln noch die ersten Kirchenlehrer und Christen in der Grundlage des Gebäudes.

Die Hauptgestalten zeugen von der lebhaftesten jugendlichen Einbildungskraft und haben wunderbare Bestimmteit in den Umrissen. Die vier grossen Kirchenlehrer gehen mit ihrer Kraft allen andern hervor. Wenn irgend ein Sterblicher zum Maler geboren war, so ist es gewiss Raffael. Seine Figuren sind mit einer Quelle von Leben hervorgefühlt und voneinander unterschieden bis auf eine eigne Art von Reiz im Ausdruck.

Die Schule von Aten ist ebenso ein geistig Bild der Philosophen beisammen. Pytagoras fängt an, Sokrates folgt, alsdenn kommt Plato mit dem Aristoteles und weiter Archimed. Die Gruppe des letzteren mit den vier Jünglingen ist wirklich unaussprechlich schön und reizend, ein entzückend Bild von einem Meister mit seinen Schülern; die Aufmerksamkeit zweier, die Verwunderung und Begeisterung des Aufblickenden besonders göttlich hingezaubert, gerad im Momente, wo er die Erklärung des schweren Problems findet. Gesicht mitsamt dem Haar ist von hoher Schönheit und Wahrheit. Archimed selbst voll Schärfe des Verstandes und Überlegung. Zeichnung und Malerei überall spricht den grossen Meister von heiterm Sinn. Der eine studiert; der andre begreift; der dritte hat's begriffen und verwundert sich; und der vierte frohlockt und möchte jemand, der's auch lernte.

Für ein Gymnasium von Philosophen wäre das Ganze ein wahrer Zauber und würde jederzeit die Seele zur Empfänglichkeit stimmen. In verschiednen Köpfen von Raffael herrscht eine Wirklichkeit, wobei man über die frische Kraft seiner Phantasie erstaunen muss. Sein heiliger Gregorius muss ein Teolog sein, sein Pytagoras ein Philosoph und keine andre Menschen.

Der Parnass ist wieder so ein geistig Bild der Poesie. Homer improvisiert, von Begeisterung hingerissen; Apollo ist mit seinen schönen Augen verzückt in himmlische Phantasien; Musen, Laura, Sappho und die besten Dichter, die teatralischen ausgenommen, sind dabei zugegen.

Die Gerechtigkeit besteht aus drei vortrefflichen allegorischen Figuren: Klugheit, Stärke zur Rechten, Mässigkeit zur Linken.

Dieses Zimmer war seine erste Arbeit zu Rom; es bleibt