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in der Welt und die Begriffe und Einbildungen darüber. Und wer das Innre nicht kennt, kennt gewiss auch schlecht das Äussere.

Warum soll der Künstler keine Handlungen darstellen dürfen? Körper und Handlungen machen hier eins aus, das ist: Leben; und beides ist dafür da; hohes edles Leben; dies ist sein letzter Endzweck. Bei einzelnen Figuren gibt dies Schönheit; bei mehrern zu Darstellung einer Begebenheit kann und muss er zuweilen gar die Hässlichkeit abbilden, wie zum Beispiel den Maxentius in einer Schlacht vom Konstantin, einen Attila, einen Heliodor. Vollkommenheit zeigt sich von aussen durch Schönheit, Unvollkommenheit durch Hässlichkeit; und die mehrsten begebenheiten in der Welt sind ein Kampf zwischen Tugend und Laster. Soll er das Laster schön darstellen? Und ist er deswegen ein Kotmaler, wenn er es hässlich darstellt? Hässlichkeit verändert hier seinen Namen und wird zu Schönheit der Kunst. Die geschichte soll auch bei dem Maler nicht bloss Augenweide sein, sondern tiefer dringen. Der Kunst dieses nehmen wollen heisst sie zum schalsten Zeitvertreib machen. Ausserdem sind immer diese dreierlei Gattungen getrieben worden, wie schon in Griechenland, wo, nach dem Aristoteles, Polygnot die Menschen besser malte, als sie waren, Pauson schlechter und Dionys nach der Wirklichkeit.

An Ausdruck und Bewegung von Leidenschaften wird die natur hoffentlich immer ebenso unerschöpflich bleiben als an neuen Gesichtern und Gestalten.

Kurz, der Künstler stellt wie ein Zaubrer für den Verständigen mit einem blick auf einmal die wirkliche Tat dar, wo der Augenschein über alle andre Vorstellung hinreisst; und darüber macht der Geschichtschreiber und Dichter für die Unwissenden nur eine Brühe darum her, gleichsam seines Evangeliums Ausleger und Dolmetscher, – stellt die schönsten Denkmale der begebenheiten auf für Herrscher, Philosophen und Völker dem ersten feinsten Sinn des Geistes, und ihm am naturnächsten, dem Auge. Und es ist nicht mehr als billig, dass Zaubrer nicht darben.

Die Dichter, die einen Epaminondas aufführen, wie er leibte und lebte, lasst sie auch alles in der geschichte dazunehmen, werden so rar sein wie die Maler, die seine Gestalt so treffend aus ihrem Kopf erfinden, dass sie seinem Porträte gliche; und es erwächst dem Praxiteles und Apelles daraus wohl wenig Nachteil, dass ihre Phryne den neuen Namen Venus aus der Mytologie, oder Helena oder Iphigenia aus den Dichtern, oder einen andern in ihren Kunstwerken aus der geschichte habe: so wie dem Raffael, dass sein Oheim Bramante in der durch alle zeiten göttlichen Gruppe der Schule den Archimedes vorstelle, wenn sich auch einmal des letzteren Bildnis finden sollte."

"Vortrefflich, mutiger, tapfrer, edler Jüngling!" rief er mir hier zu, "und nun genug. Wir haben den Kreis durchlaufen und sind unvermerkt auf derselben Seite wieder angekommen, wovon wir ausgingen. Ich reich Euch zum Frieden die Hand, schlagt ein; ich hoffe, dass wir gute Freunde sein werden, sobald wir uns ein wenig besser im inneren kennen. Man behauptet in der Hitze des Streits oft Dinge, die man selbst für falsch und übertrieben hält. Zuhörer, die Verstand haben, nehmen von selbst das Wahre heraus; und die keine Unterscheidungskraft besitzen, müssen überall Schwärmern oder der grossen Herde wie die Kälber folgen. Der Abend ist zu schön, als dass wir ihn hier im Zimmer verplaudern sollten; und die unten tanzen und sich ergötzen, haben uns schon längst gerufen."

Wir umarmten uns denn beide mit glühendem Gesicht und klopfendem Herzen.

Unten erfuhr ich, dass mein Mann ein Grieche sei aus der Insel Scio, den die Giustiniani als Knaben mit sich genommen hatten. Er hielt sich nun für beständig in Rom auf und lebte frei von einer kleinen Pension aus diesem haus, und erwarb sich das übrige damit, dass er griechische Handschriften aus der vatikanischen Bibliotek für auswärtige Gelehrten teils kopierte, teils die verschiednen Lesarten daraus sammelte. Er heisst Demetri und mag an die vierzig Jahr alt sein. Sein Wuchs ist gross und stämmicht, und seine Gestalt so kühn und unabhängig, und seine Sitte so gegen alles vornehme, dass er wie Diogenes dem Dionysios von Syrakus zu Korint hätte sagen können: er sei des glücklichen Lebens nicht wert, das er nun führe. Wie mir dies in meinen Eingeweiden herumging, kannst Du Dir leicht vorstellen.

Der bildschöne Jüngling, welcher den Streit erregte, heisst Tolomei, ist ein weitläuftiger Anverwandter von ihm, Sohn eines griechischen Kaufmanns zu Brindisi, treibt hier die Malerei und steht unter seiner Aufsicht.

Ich sah ihn mit einer schlanken Römerin tanzen und musste lächeln, dass der holde Bube den alten strengen Michelangelo so hart angegriffen hatte; das Rätsel liess sich nun leicht auflösen. Das süsse Paar wallte in jeder Bewegung neue entzückende Schönheit von sich; der Knabe schien ein Mädchen und die Jungfrau mit ihrem zündenden blick ein verkleideter Jüngling. Die Menge stand umher, und kein Auge verwendete sich von ihnen aus den erheiterten Gesichtern.

Der monat Oktober wird in Rom und auf dem land herum ganz der Freude gewidmet: jedes spart dafür den Sommer auf.

Ich machte mich bald wieder an den Griechen; ich hatte noch manchen Punkt mit ihm ins reine zu bringen, der kaum war berührt worden. Er erzeigte sich gefällig. Wir stiegen den Monte Testaccio hinauf, um die Gegend zu überschauen, und trafen oben Künstler an, die nach der natur zeichneten. Man hat hier reizende Aussichten hin überall und verschiedne Landschaften, jede so vollkommen für Gemälde, um sie schier nur abzunehmen. Pyramide, die das