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so steht wohl bildende Kunst aller andern voran; die Seele geniesst vor ihren Werken, der mühseligen Zeitlichkeit entrückt. Ihre Zeichen, wodurch sie darstellt, scheinen die Sache selbst zu sein, so leicht verschwinden sie; sie sind die natürlichsten und sichersten und gelten überall einerlei ohne Missverstand. Ich habe hier volle Gewissheit, da ich bei Poesie immer träumen muss und nach Wirklichkeit hasche. Bei ihr hab ich alles zusammen mit einem blick, und dies ergreift den Niedrigsten bis zum Höchsten. Mit einem Wort: ihr ist allein die Schönheit im strengsten Verstand eigen; denn diese muss mit einem blick aufgewogen werden können."

Hier wurde er erbittert und schüttete auf einmal das Kind mitsamt dem Bad aus, und fiel in meine Rede:

"Alle bildende Kunst", behauptete er streng, "ist am Ende bloss Oberfläche. Und dies ist die Ursache, warum wahrhaftig grosse Menschen unter den Künstlern mit ihren Werken so selten zufrieden waren. Sie konnten nur wenig von dem hineinbringen, was sie fühlten; und dies nicht einmal so rein bestimmt, dass es gerade dasselbe Leben wieder erregte. Ein gegen Himmel gekehrtes Auge, nehmen wir das edelste Glied, das am deutlichsten vom inneren spricht, was kann dies zum Exempel nicht für vielerlei ausdrükken? Ich brauch es nur obenhin; denn ich weiss wohl, dass alle Professoren im grund der natur keins nachmachen. Bei einem volk von Stummen, da möchten die bildenden Künste in der Tat viel vermögen; denn sie hätten da mehr natur für sich nachzuahmen; bei uns andern Menschen aber, die wir den grössten teil unsrer Empfindungen und Gedanken mit der Sprache ausdrücken, wo sich besonders bei den Vortrefflichen am wenigsten die Gebärden ändern, die, wie man sogar bei gelegenheit des Laokoon bemerkt hat, auch bei den heftigsten Gefühlen sich selten von aussen regen, lässt sie ihnen vielleicht gerade das Schlechteste übrig; und der grösste Künstler kann oft so wenig von einem Sokrates, Lykurg und Epaminondas darstellen als von einem unvergleichlichen Sänger oder Geiger.

Nehmen wir vollends, wie sauer, und selbst nach dem Ausspruch des alten Michelangelo, kinder- und weibermässig auch dies Schlechteste muss nachgeahmt werden, und welch eine unerträglich mechanische Übung auch für Menschen von der höchsten Fähigkeit dazu gehört, ehe sie es zur Vollkommenheit bringen; und dass das meiste Wirkliche der bildenden Kunst in den Sälen der Grossen jämmerlicher Wust und Unsinn ist: so gehört wahrlich ein starker Entschluss dazu, sich in ihr Feld zu wagen. Ihre besten Gegenstände bleiben gewiss die andern Tiere und Pflanzen, Gras und Bäume; diese können sie darstellen, die Künstler! den Menschen sollen sie dem Dichter überlassen. Die Landschaftsmalerei wird auch endlich alle andre verdrängen. Und also können wir gewissermassen die Griechen übertreffen, weil wir uns gerad an die wahren Gegenstände machen, die sie verfehlt haben.

Nichts wirkt recht auf den Menschen, was stillesteht; aller Stillstand wird bald Tod.

Es bleibt gewiss eine Kleinigkeit, einen Cäsar, einen Brutus von aussen auch vertrefflich zu malen und zu bildhauen, gegen das herauszuholen, was in ihnen steckt. Auf der Oberfläche kann man den Menschen leicht kennenlernen: aber im inneren, in der Tiefe? Da gehört ganz andrer Gehalt und Stand dazu.

Wer behaupten wollte, dass die bildende Kunst über Poesie, Beredtsamkeit und Philosophie ginge, müsste behaupten: dass eine Statue oder Brustbild vom Homer, Pindar, Demostenes, Aristoteles, oder nehmen wir neuere, dass ein vollkommen, wie möglich auch, getroffnes Bild in Farbe oder Stein von Ariost, Machiavell über ihre Schriften ginge. Und gewiss möchte ein Gott mehr daran haben, wenn sie mit Haut und Haar so wären wie sie selbst; welches jedoch menschlicher Hand unmöglich: aber ein Sterblicher muss eine gigantische Einbildung von seinem physiognomischen Sinn haben, um dies zu wollen. Ein solcher versuch es einmal und ersetz uns aus dem übriggebliebnen kopf des Sophokles seine hundert verlorne Trauerspiele!

Man schaue einen Sokrates an, einen Plato, einen Euripides: wer wird ihre Marmorbüsten für ihre lebendigen Reden und Gedichte nicht gleich weggeben? Wir können an uns selbst nicht im Spiegel wahrnehmen, auch in dem nämlichen Moment, was wir denken und empfinden; und sogar verschiedne Leidenschaften zeigen sich bis auf ihre hohen Grade im Gesicht überein. Die ganze bildende Kunst ist ein vages unbestimmtes Wesen, das seinen Hauptwert eigentlich von der Schönheit der Formen und Umrisse entält; und dann ausserwesentlich ist sie eine grosse Zierde der Poesie und geschichte, die aber ganz natürlich ohne sie bestehen können. Poesie ist das innre Leben selbst: Bild von Farbe oder Stein bloss das Zeichen; wer jenes nicht schon in sich hat, kann bei diesem wenig fühlen und erkennen.

Wo hat in aller Welt je ein Gemälde die wirkung hervorgebracht, die die Ödipe und Iphigenien hervorbrachten? Und wo wird es je möglich sein, dass eins solche hervorbringen könne, wenn man auch den Raffael, Correggio und Tizian in ein Wunderwesen zusammenschmelzte? Es versteht sich wahrlich, dass hier nicht davon die Rede sei, was päpstliche Neffen und Mönchs- und Nonnenklöster teurer bezahlen.

Ich leugne übrigens gar nicht, dass eine erstaunliche Phantasie und Fülle von Leben dazu gehört, sich einen Alkibiades, Perikles oder die Aspasia so vorzustellen und ihre Bilder durch die spätere Kunst lange Zeit nach ihnen so wirklich zu machen, aus blossen Geschichtbüchern, wie sie lebendig waren und handelten; denn in der Tathat es auch keiner noch getan. Allerlei Gestalten träumen mag man sich wohl, und wer