s nicht. Freilich wär es besser, die Künstler wählten keine alte Geschichten, wenn sie Naturwahrheit und Farbenpracht in den Gewändern zeigen wollten; griechische Gestalt und leichte Kleidung ist uns ganz entrückt. O wie verlangt mein Herz, jene glückseligen Inseln und das feste Land auf beiden Seiten noch heutzutag zu sehen und wie das heitre milde Klima noch jetzt dort das Lebendige bildet! Ach, wir sind so weit von der natur abgewichen und von der wahren Kunst zurück, dass wir fast insgesamt einen bekleideten Menschen für schöner halten als einen nackten! Das kostbarste, prächtigste, feinste und niedlichste Gewand ist für den echten Philosophen und das Wesen, das nach klarem frischen Genuss trachtet, ein Flecken, eine Schale, die ihn hemmt und hindert."
"Hätt ich Sie doch damals schon gekannt," sagt ich ihm hierauf, "als ich diesen Zug begann: so wär Ihr Wunsch erfüllt! So wie Sie mich hier sehen, hab ich dieses alles schon durchwandert; leider zu früh. Mein Vater nahm mich mit sich nach Griechenland, wohin er von der Republik abgeschickt wurde; und ich blieb mit ihm daselbst drei Jahr. Das Beste, was ich zurückgebracht habe, ist Kenntnis des Griechischen; ich lese das alte ziemlich geläufig und schreibe und spreche das neue."
Hier sprang er auf vor Freuden, ganz ausser sich, so dass die Gläser vom Tische flogen, und rief: "O glücklicher, seltner, wunderbarer Zufall! so jung und schön, und voll Verstand und Erfahrung! wir müssen ewig Freunde sein, und nichts soll uns trennen; du bist der Liebling meiner Seele."
So fiel er mir um den Hals. Uns verging auf lange die Sprache, und wir waren zusammengeschmolzen durch Kuss und blick und Umarmung.
Endlich nahm er wieder das Wort und sagte: "Hier ist nichts als wir! und alles andre in der Welt steht uns nur da zum Dienst."
Ich war ganz erschüttert, durchbrannt von seinem Feuer, seiner Heftigkeit. Es wurde überhaupt wenig mehr gesprochen ausser unzusammenhangende Reden im lyrischen Taumel, Akzente der natur. Wir glühten beide von Wein und leidenschaft: er riss sich los, schon spät in der Nacht, mit den Worten: "Morgen sind wir wieder beisammen."
Ich legte mich zu Bette. Herz und Seele und alles in mir war wie ein Bienenschwarm, so sumsend, stechend heiss und ungeduldig; ich schlummerte wenig Stunden und fuhr oft dazwischen auf.
Den andern Morgen kam er bei guter Zeit. Mich überlief bei seinem Anblick ein leichter Schauder vor seinem gestrigen Ungestüm; aber er erschien mir von neuem so liebenswürdig, dass ich hingerissen wurde und dem unwiderstehlichen zug nachfolgte.
Ich hatte noch keinen Menschen gekannt, mit welchem ich so zusammenstimmte, in der Art zu empfinden und zu handeln; nur war er reicher und stärker an natur als ich, seine Seele voller, aber auch unbändiger, und seine Geburt warf ihn in andre Umstände, unter andre Menschen, in eine andre Laufbahn. Wer einen Freund ohne Fehler finden will, der mache sich aus dieser Welt heraus oder geh in sich selbst zurück, die Vollkommenheit erscheint hienieden nur in Augenblicken, und diese allein sind unser Genuss. Ein grosser Geist, ein edel Herz wiegt manches Laster auf, wohinein uns die Schlechtigkeit bürgerlicher Verfassungen stürzt.
"Wir schieden gestern voneinander wie im Rausche", trat er ins Zimmer. "Glück ist die grösste Gabe, die Sterblichen zuteil werden kann, nur muss man es mit Verstand brauchen."
Nachdem wir einigemal stillschweigend auf und ab gegangen waren, fragte er mich: "Habt Ihr nie etwas von Kunst getrieben?" Ich antwortete ihm, dass ich nach der hiesigen Erziehung zeichnen gelernt hätte, Augen, Mäuler, Nasen, Ohren und Gesichter, und hände und Füsse nach Vorschriften; im grund soviel als nichts: denn bis zum eigentlichen Lebendigen wär ich nicht gekommen; welches mir herzlich leid tue! mich reize sie unendlich, und ich möchte es gern darin bis zu einer gewissen Fertigkeit für mein eigen Vergnügen gebracht haben. Jetzt mach ich nur noch zuweilen die Hauptumrisse schöner Gegenden, der Erinnerung wegen.
"Da ist noch nichts verloren", fuhr er fort; "wir wollen einander helfen. Alle Künste sind verwandt; sie zusammen erhöhen und verstärken die Glückseligkeit des Menschen, bilden sein Gefühl, mehr als alles, für die Schönheiten der natur und setzen ihn über das Tier. Wie fangen wir es am besten an, damit Ihr so geschwind als möglich Euch diese Fertigkeit erwerbt? Ich denke," fügt' er scherzhaft hinzu, "Ihr braucht mich zum Modell, nach kurzen Wiederholungen von dem, was Ihr schon wisst; so wie ich Euch dann zuweilen bei meiner Arbeit.
Im Griechischen hab ich mich hauptsächlich nur mit den Dichtern beschäftigt, mit dem Homer, Pindar, Sophokles, Euripides, weil mein Lehrmeister selbst ein Dichter war; und dabei aus den Geschichtschreibern nur die Beschreibungen der glänzenden Siege über die Perser gelesen. Die Schätze der Weisheit im Aristoteles, Plato, Xenophon kenn ich meistens nur aus Gesprächen und vom Hörensagen und habe wenig von den Quellen selbst getrunken. Wir könnten damit manchen folgenden schönen Sommerabend uns himmlisch ergötzen, wenn Euch dazu Zeit übrigbliebe.
Mein eifrigstes Verlangen aber ist, dass Ihr mich in dem noch Lebendigen dieser Göttersprache, im Neugriechischen, unterrichten möchtet; damit ich bald mit Bequemlichkeit und grösserm Nutzen und Vergnügen eine Wallfahrt beginnen könne nach dem