und ging mir selbst durchs Herz. Je mehr ich darüber nachdachte, desto natürlicher aber kam sie mir vor. Fulvia mochte wohl die grösste Schuld haben, und weit weniger Cäcilia und ich; ausser der eignen Grossmut von Ardinghello. Lucinde war mit allen Reizen bei ihrer Jungfräulichkeit zu beklagen: ein schwacher Feind in der Festung ist fürchterlicher als der stärkste von aussen.
Seine Reise nach Florenz schien mir immer gewagt, ob ich gleich schon längst wusste, dass Cosmus gestorben war.
Dritter teil
Lucca, Mai.
Ich sitze hier an den Höhen des Tals von Lucca, wo über mir der Wind durch die Buchen säuselt und unter mir die Quellen rieseln, bewegt in der innersten Seele, wie am Scheidewege meines Lebens. O wer die Zukunft aufhüllen könnte! Aber diese kennt niemand als der, der alles weiss; wir sind nur Funken, unsers Schicksals ungewiss, die in dem Unermesslichen herumstäuben. Wohl dem, der wie ein Schmetterling sich an den Blumen ergötzt, die er vor sich findet! Hat der, welcher mit Gefahren kämpfte und sein Ziel errang, am ende etwas Bessers? Genuss jedes Augenblickes, fern von Vergangenheit und Zukunft, versetzt uns unter die Götter. Was hat der Mensch und jedes Wesen mehr als die Gegenwart? Traum ohne Wirklichkeit alles übrige.
Doch weg mit dieser Mückenweisheit! Unser Geist hat mehr Tiefe. Nur die Kraft ist selig, die Widerstand nach ihrem Mass überwältigt und ihn nach ihrem Wesen ordnet, sei's auch unter Pein und Leiden. Dem Herkules, als er den Antäus bezwang, rannen die Schweisstropfen süsser hervor aus seiner Stirn, als ihm je die Umarmungen einer schwachen gefälligen Dirne machte, verdiente die Liebe des Helden.
Meine Tante schrieb mir nach dem tod des Cosmus, dass wichtige Veränderungen am hof vorgefallen wären und unsre Feinde einen starken Stoss erlitten hätten; ich sollte mich auf den Weg in mein Vaterland machen: sie sei versichert, dass alles gut gehen und ich meine väterlichen Güter wiedererhalten würde; und noch ausserdem woll ihr der Kardinal wohl, der alles vermöge.
Diese Nachricht kam mir nun gelegen und ungelegen, nach Lucindens Verwirrung; ich hatte ganz andre Dinge im kopf zur Ausführung: aber niemand kann sich von seiner Wurzel losreissen; und so bin ich auf der Grenze. Der junge Herzog ist wenig Schritte von mir zu Pisa und bei ihm Bianca, von welcher man sagt, dass sie ihm einen Zaubertrank eingegeben habe: so sehr hält sie ihn an sich gefesselt. Beide gebrauchen die Bäder, weil sie gern einen Erben von ihm bekommen möchte.11
Es geht mir hart an, dass ich in diese Sphäre hinein soll; wenn ich hineinkomme, so erlieg ich vielleicht unter den Trümmern.
Ardinghello
Pisa, zu Ausgang des Mai.
Da sieh mich nun schon am hof! Noch aber bin
dem zahmen Federvieh, das mit aller Macht herbeigelaufen und -geflattert kommt, wenn man ihm Futter hinwirft, und seine Eier legt.
Ich hörte von einer neuen Art olympischen Spielen, die in den Bädern sollten gehalten werden; und ging den Tag, der zum fest anberaumt war, bei guter Morgenzeit von Lucca durch das fruchtbare Tal über den Berg.
Unentschlossen, wie von einem andern Wesen geleitet, wandelt ich herunter und langte bei den Häusern an; mir widerstand die Luft, und ein geheimer Ekel hielt mich so ab, dass ich zusammenschauderte und mir die Ohren brausten; doch aber drang ich durch.
Ich hatte mich kaum im wirtshaus zu einem Frühstücke niedergesetzt, als zwei von meinen ehemaligen Kameraden hereintraten, mich anstaunten und mir um den Hals fielen; wir waren wie in einer neuen Welt beieinander, und mein Blut stürmte in Katarakten von meinem Herzen. "Willkommen! willkommen, Prospero!" riefen sie; "bleibst du bei uns? O du musst bei uns bleiben! Es soll dir wohl gehen, du hast uns immer gefehlt."
Mich freuten die natürlichen Aufwallungen, ihre Blicke schienen nicht erlogen, und ich vergass gleich zum erstenmal das απιστειν des Sizilianers.12
Ich antwortete ihnen bloss auf ihre fragen, dass ich nach Rom reisen wolle und jetzt von Genua käme, und soeben in Lucca von ihrem Feste gehört hätte. Währenddem überraschten mich noch verschiedne andre alte Bekannten, und sie liessen nicht ab, bis ich versprach, mit Anteil an ihren Spielen zu nehmen. Öffentlich konnte man mir nichts zuleide tun; ich war weder verbannt, noch hatte ich etwas gesündigt.
Ein teil von ihnen machte darauf mit mir einen Spaziergang; und ich suchte, durch eingeleitete gespräche mit diesem und jenem, nach und nach geschwind kennenzulernen, was sich seit meiner Abwesenheit verändert hatte.
Zu Mittage speist ich in grosser Gesellschaft; und bemerkte bald ein paar Spürhunde, die auf mich ausgesandt waren; und führte ihre Nasen auf allerlei Abwege. Das Völkchen war überaus lustig und witzelte und sang und scherzte; aber überall fehlte der edle Kern der Selbstständigkeit, bis auf einen meiner alten Freunde, Mazzuolo, der seinen Geist wunderbar gestärkt hatte: und wir teilten einander unsern Seelenjubel mit im Winkel durch blick und Kuss und Händedruck und kurze abgebrochne Reden.
Nach einundzwanzig Uhr kam der Herzog an mit seinem Gefolge von Pisa in den zu dem Feste besonders aufgepflanzten Zelten; und gleich darauf wurden die Spiele mit Trompeten und Paukenschall eröffnet. Das erste war ein Pistolenschiessen und der Preis ein herrlicher spanischer Hengst aus seinem Marstall. Der Mitstreiter waren mit mir sechzehn, lauter junge Leute aus den besten Häusern