der Mitte des Mai erhielt ich wieder einen Brief von ihm, und zwar aus Lucca, welches mir sonderbar auffiel. Er lautete wie folgt:
Lucca, Mai.
Auch Du bist schuld daran! Lucinde ist von Sinnen
Florio Branca kam, erlöst vom Diagoras, und obendrein mit Geschenken ausgestattet; ein Held wie ein junger Diomed, nur im Gesicht voll Ehrennarben. Er wusste nicht, dass ich sein Retter war, und wir wurden bald Freunde. Er drang auf seine Vermählung: zu Messina, wo ein teil der spanischen Flotte liegt, war ihm von den obersten Befehlshabern nicht allein sein voriger Posten, sondern eine weit ansehnlichre Stelle zugesichert worden. Ich befand mich eben nicht in Genua, wie er seine Braut überraschte; Fulvia erzählte mir, sie sei in Ohnmacht gefallen, als sie ihn so unerwartet plötzlich vor sich gesehen hätte. Man schrieb es der Freude zu. Sie fasste hernach alle ihre Kräfte zusammen, alte Liebe und Verstellungskünste: und Florio hielt sie in seinen Armen stumm vor Heftigkeit der Wonne nach so vielen Drangsalen.
Ich traf bei meiner Ankunft den Florio zuerst bei ihr und Fulvien und ihrem Gemahl in Gesellschaft. Seine Gestalt und sein Wesen machte gleich auf mich grossen Eindruck; starker Gliederbau, scharfe Gesichtszüge, kleines blitzend verwegnes Auge, verbrannte Farbe, krauses Haar und derbes Fleisch und wenig Worte zeigten mir ein Muster von Seemann; und sein Knebelbart und kurzer Säbel vollendeten das Bild. Ich wünschte beiden herzlich Glück über ihre Wiedervereinigung. Lucinde sah mich still an und glich einem Gewitter von Empfindung.
Die Tage darauf macht ich nähere Bekanntschaft mit dem Florio; und meine kalte Vernunft rang immer mehr, meine heissen Begierden zu bekämpfen; der Tapfre war die edelste der Blumen ganz wert.
Ich sprach Lucinden alsdenn allein im Garten. Sie jammerte über die Unruhen des Seelebens und die Kriegsgefahren. O wie mein Herz ihr entgegenschlug, als ich die Morgenröte von Küssen um ihre Lippen schweben sah! Aber ich verwüstete schändlich alle Inbrunst der natur wie ein Gotteslästrer, und gab ihr das teure Zettelchen wieder, und stammelte die tollen Silben hervor: "Ich kann deine Gunst nicht annehmen; Florio ist deiner Liebe ungeteilt wert: in mir ist jede Fiber Wunde; aber seid glücklich miteinander, rein und ohne Flecken."
Sie blieb wie eine Säule stehen, las die Zeilen ihrer Hand und zerpflückte darauf langsam mit den Zähnen das Blatt, Stückchen vor Stückchen, indes ich von ihr ging und mir die Tränen in die Augen tobten.
Dies geschah nach der Mittagsmahlzeit. Fulvia, die von diesem allen jedoch nichts wusste und auch nie erfahren soll, berichtete mir, dass sie den ganzen Abend in ihr Zimmer eingeschlossen gewesen wäre und sie niemand weiter gesehen hätte bis spät den andern Morgen, wo man mit einem andern Schlüssel dasselbe aufgemacht und sie in ihrer Kleidung auf dem Bette gefunden, die hände ringend, mit dem Oberleibe aufgerichtet und seufzend mit vor sich niedergeschlagnen unverwandten Augen. Weder Fulvia noch der Bräutigam, noch irgend jemand hat nach der Zeit ein Wort von ihr herausbringen können, so dass sie völlig die Sprache verloren zu haben scheint. Sie lässt sich geduldig hinführen, wohin man will, geht auch für sich herum, ringt aber immer die hände und seufzt, versteht platterdings nichts mehr, was man sagt, und nimmt an keinem gespräche mit Mienen und Gebärden Anteil. Sie isst und trinkt wenig; sobald sie aber genug hat, ringt sie wieder die hände und seufzt. Es sind von den Ärzten verschiedne Mittel versucht worden, aber alles vergeblich. Sie kennt Fulvien nicht mehr, ihren Bräutigam nicht mehr, und mich nicht mehr; wie sie dieser küssen wollte, hat sie nach ihm geschlagen und ihn ins Gesicht gekratzt. Auch von ihren Freundinnen leidet sie dies nicht; sonst ist sie in allem geduldig. Ich mochte mir immer mit einem Strick die Gurgel zusammenziehn, wenn sie mich so starr ansah und die hände rang und seufzte.
Jetzt steckt sie nun in einem Nonnenkloster zur Verpflegung. Florio war im Begriff, sich eine Kugel vor den Kopf zu schiessen, und ist nun bei der Flotte, um in der Verzweiflung gegen die Tuneser sein Ende zu finden; und ich habe mich so auf den Weg nach Florenz gemacht. O natur, deine schönste Zierde ist zerrüttet und zugrunde gerichtet! Das arme Mädchen, zur Lust erschaffen und aller Augen und Herzen zu entzücken, hat nie die höchste Süssigkeit des Daseins gekostet und lebt nun ein unaufhörlich Gefühl von unaussprechlichem tiefen Leiden.
Du hast so etwas nicht erfahren und kannst Dir's folglich auch nicht denken: so schön, so reizend, so geliebt, so liebend und so voll Geist, und nun auf einmal alles im Ruin ohne Zusammenhang; dasselbe nicht mehr dasselbe, es ist grässlich! Wer sie kennt, vergiesst Tränen über ihr Schicksal; ganz Genua trauert. Weide dich, barbarische Moral, Feindin des Lebendigen, mit Wolfsgrimm hier an deinem Opfer!
Aber auch ich, o Gott, wo werden mich meine heftigen Leidenschaften nicht noch hinreissen! Ach, ich habe ihren Zügel nicht so am sichern Griff, dass sie auf halsbrechenden Wegen nicht einmal mit mir davonrennen, der Wagen überschlägt und Ross und Führer in den Abgrund taumeln, wo man Blut und Gehirn noch lange dem Wandrer an Klippen zeigt, bis die Regengüsse des himmels die Reste des Verwegnen vom Felsen waschen!
Ardinghello
Ich konnte ihm hierauf nicht antworten, weil er mir keine Zuschrift meldete. Die Begebenheit war entsetzlich