dies schon vorher wissen.
Vor wenig Tagen liess ich mich bei ihres Vaters Palast anfahren, bei welchem sie noch immer wohnt, bis nach ihrer Niederkunft, um ihren jüngsten Bruder zu besuchen, den ich nun näher kenne; und als er nicht zu haus war, ging ich inzwischen zu seiner Mutter, und traf Cäcilien gerade bei ihr. Die Mutter verliess uns denn eine Weile wegen Geschäften, und wir blieben allein. Ihre schönen grossen Augen ruhten lang hell und klar auf mir, und ihre Lippen lächelten, wie wenn man einen zum Reden zwingen will. Mich dauerte die Verlassne, und ich fing an von dem Gemälde zu sprechen, das eben vor uns hing; und kaum hatte sie mir den Meister gesagt, so war die Frage darauf: "Wo ist jetzt Ihr Freund Ardinghello? Ich hab ihn nicht wieder gesehen, seitdem er mich gemalt hat: er wird also wohl nicht mehr in Venedig sein."
Ich antwortete: "Den letzten Brief von ihm hab ich aus Genua; es geht ihm dort sehr wohl." Du hättest sehen sollen, wie sie darauf lebendig ward und sich alles an ihr regte; ein neuer Morgen ihr Gesicht mit heissen Sonnenblicken. Nicht mehr festalten konnte ihr Herz: "Es ist ein trefflicher Mensch, voll Verstand und Talent, und das Geringste ist der Maler an ihm, so weit er's auch schon in seiner Kunst gebracht hat." Hier glühte sie auf wie eine Rose und fügte lächelnd hinzu, sich fühlend: "Ich glaube, dass ich in ihn verliebt geworden wäre; es ist gut, dass er weg ist."
Mir waren hier die Daumenschrauben aufgesetzt: aber doch bekannt ich nicht wegen ihrer selbst, und Deiner und meiner; noch scheint es mir nicht Zeit zu sein. Ich antwortete wie kalt und schier eifersüchtig darauf: "Dies würde den jungen Herrn bis ins kleinste Gelenk kitzeln, wenn ich ihm so etwas berichtete; er war ganz bezaubert von Ihrer Schönheit, wie er Sie malte, und beneidete mutwillig Ihren unglücklichen Gemahl."
Dies Wort kam wie eine finstre Wolke vor ihrer Schönheit Glanz, sie entfärbte sich und versetzte: "Nun, so arg und gefährlich ist es nicht; Sie brauchen ihm auch nichts hiervon zu schreiben; doch grüssen Sie ihn von mir und melden ihm, dass ich seine Kunst bewundre, und grosse Dinge von ihm erwarte, und den eifrigsten Willen habe, ihm in Zukunft nützlich zu sein." Hierüber trat die Mama wieder ins Zimmer, und ich verliess sie bald darauf.
Du siehst daraus, dass alle Verstellung ein Ende hat gegen einen, der person und Sache kennt: es ist ein Glück für Euch, dass kein solcher unter ihren Richtern sass. Wer die Wege gut weiss, geht auch im Nebel sicher; und ein Wollüstling von Auge sieht oft die Gegenstände darin mit mehr Freude als bei hellem Wetter. Inzwischen dauert sie mich doch von Grund der Seele; denn sie ist unglücklich.
Dein Umgang mit Lucinden gefällt mir nicht. In Rücksicht ihrer wenigstens kann ich die Grundsätze nicht billigen, die Du ihr einflössest; besonders wenn Florio der Mann ist, wie ihn der alte Schiffer schildert: ich befürchte, dass es schlimme Händel absetze. Überhaupt muss sich jeder nach dem staat richten, worin er lebt, wenn er ihn nicht gewissermassen übersieht und heraus kann, wenn er will: sonst trifft am Ende das Sprichwort ein: 'Der Krug geht so lange zu wasser, bis er zerbricht.' Wenn Lucinde Deinen Geist hätte bei ihrer Jugend und Schönheit: o dann stünden ihr Königreiche zu Gebot; so aber musst Du sie erst in das alte Korint oder Aten bringen, wenn sie nach Dir glücklich sein soll. Und noch dazu scheint mir ihr Charakter sich nie recht zu bequemen. Mit einem Worte: sobald ein Weib eines Mannes Frau wird, begibt es sich im Punkt der Liebe seiner Freiheit, hernach eine andre Wahl zu treffen; und was opfert der Mann nicht dafür auf, dass ihm dasselbe treu sein möge? Schönheit und Keuschheit beisammen wird ewig eine höhere Vollkommenheit sein als Lais und Phryne, setze sie in einen Staat, in welchen Du willst. Doch rede ich, was Lucinden betrifft, in der Ferne; und ein einziger blick auf sie und wenig Worte von ihren Lippen könnten vielleicht meine eigne Moral wegbannen. Das Zettelchen, welches sie Dir im Bette schrieb, bleibt immer ein wunderbarer Flug, von dem andern Erdenvölkchen weg, wozu eine starke leidenschaft gehört, die alle Furcht von Vorurteilen überwältigt.
Es schweben Gefahren über ihr und Dir; aber wer sich selbst nicht raten kann, dem ist nicht zu helfen. Jeder weiss am besten, wie ihn die Umstände umringen.
Fulvien geb ich Dir gerne preis, nimm mir's nicht übel! echte Genueserin nach dem Sprichwort;10 ein Gesetz, von keiner Gewalt in Ausübung gebracht, ist kein Gesetz in Wirklichkeit. Wer seine Rechte nicht behauptet, der hat keine; so geht's allen Männern, die nicht auf ihrer Hut sind. Dies sahen die Spartaner wohl ein; und welcher Kopf nicht, der noch Vernunft hat?
Ich mag nicht daran denken, dass Du mir vom Diagoras sollst entrissen werden. Bleib in Deinem Italien, und lies das andre in Geschichten und Reisebeschreibungen; der Mensch braucht zu seinem Glücke nicht den ganzen Erdboden. Die See ist weiter nichts als ein ungeheurer leerer Weg etc. Erst in